Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

11. Juli 2016 10:45 Uhr

Euro 2016

Die Sportredaktion lässt die EM Revue passieren

Die Europameisterschaft in Frankreich ist zu Ende. Unsere Sportredakteure blicken auf die Momente zurück, die ihnen nach vier Fußballwochen im Gedächtnis bleiben.

  1. Michael Dörfler Foto: Thomas Kunz

  2. Renße Kübler Foto: Thomas Kunz

  3. Andreas Strepenick Foto: Thomas Kunz

  4. Georg Gulde Foto: Thomas Kunz

  5. Matthias Kaufhold Foto: Thomas Kunz

  6. Claus Zimmermann Foto: Thomas Kunz

  7. Christian Engel Foto: Privat

  8. Matthias Konzok Foto: Marion Pfordt

  9. Uwe Schwerer Foto: Thomas Kunz

  10. Benedikt Hecht Foto: Thomas Kunz

24 Teams aus 55 Ländern

Diesen einen Moment, dieses Aha-Erlebnis, ich gestehe, ich hab’ beides nicht gehabt. Und wenn ich ehrlich sein soll: Ich bin froh, dass die EM nun vorüber ist. Schon der Modus ist mir irgendwie auf den Magen geschlagen. 24 Mannschaften durften nach Frankreich anreisen – und das, wo die Uefa nur 55 Mitgliedsländer hat. Und schon wird darüber nachgedacht, bald noch mehr Teams die Qualifikationsrunden bestehen zu lassen. Geht’s noch? Sollen vielleicht auch der Kosovo und Gibraltar noch mitkicken? Fußball ist ein tolles, aufregendes Spiel. Mit der Kommerzialisierung, dem immer mehr, dreht man diesem Sport aber die Luft ab. Wettbewerb jagt Wettbewerb, der nichtsnutzige Confed-Cup steht im nächsten Sommer schon vor der Tür. Und den Spielern geht die Luft aus. Herrliche Aussichten! (Michael Dörfler)

Inspiration von anderer Seite

Werbung


Diesen einen besonderen Moment, der sich tief eingegraben hat, den gibt es nicht. Aber da ist ein Gefühl von Zufriedenheit. 44 Tage am Stück unterwegs zu sein, weg von der Familie und Freunden, trotz kräftezehrender Reisen jeden Tag kreativ sein, das ist nicht einfach. Da hilft es, gute Kollegen zu haben. Neun Mann stark war unsere WG in Évian. Das Zusammensein mit Gleichgesinnten, der tägliche Austausch, inspirierende Gespräche, das gegenseitige Unterstützen half einem in schwierigen Phasen. Auch die Kicks auf Kunstrasen zwischendurch. Dann, wenn die Müdigkeit lähmte und die Ideen rar wurden, kam stets Inspiration von anderer Seite. "Die Mannschaft" hat diesmal den ganz großen Triumph verpasst. Unsere Mannschaft war dennoch ein voller Erfolg. (René Kübler)

Ein ehrlicher Moment in der Show

"Seid brav. Lächelt lieb! Und zappelt bitte nicht rum." Das dürfte ziemlich genau das sein, was den Begleitkindern mit auf den Weg gegeben wurde, bevor sie zusammen mit den Nationalteams ins Stadion einliefen und sich dann vor den Kickern in Reih und Glied aufstellten. Stolze Eltern werden sie instruiert haben, und die Betreuer der Uefa ganz sicher auch. Doch dann war da dieses eine Vorrundenspiel, in dem die Kleinen auf all die Anweisungen plötzlich pfiffen. Sie begannen zu streiten. Knufften sich gegenseitig, schimpften, einer wollte den anderen umstoßen. Warum? Keine Ahnung. Aber die Bilder gingen in die Welt hinaus, die Uefa konnte es nicht verhindern. Es war einer der schönsten Momente in der vier Wochen währenden EM-Show. Er war so ehrlich. (Andreas Strepenick)

Unerfüllte Sehnsüchte

Noch bevor Schiedsrichter Viktor Kassai das Eröffnungsspiel Frankreich – Rumänien mit einem dezenten Trillerpfeifen-Pfiffchen frei gab, war mir klar: Dies wird die EM der unerfüllten Sehnsüchte. Ich setzte auf ein schnelles Aus der Deutschen – allerdings nur, weil ich dadurch die leise Hoffnung hegte, der SC Freiburg würde Jérôme Boateng verpflichten, er zufällig in unsere Straße ziehen und ich einen guten Nachbarn mehr haben. Dann wurde gebolzt – ich war entzückt, dass die Baubranche kurz die Wertschätzung erfuhr, die ihr gebührt ("Beton anrühren"). Also begann ich mich nach Pep Guardiolas Besitzfußball zu sehnen, weil (fast) alle Teams alles wollten – nur den Ball nicht. Was für eine EM! (Georg Gulde)

Von Bäumen und Hunden

Mag sein, dass Mario Götze auf dem Rasen bei dieser EM keine bleibenden Spuren hinterlassen hat. Als Existenzialist hat er das Wesen des deutschen Nationalspielers mit einem Satz so präzise erfasst wie keiner seiner Kollegen: Mal bist du der Hund, mal bist du der Baum. Mit dem Changieren zwischen Anpinkeln und Angepinkeltsein, dem hilflosen Ausgeliefertsein im alltäglichen Medienwahn, erhob sich Götze in den Stand eines Fußballphilosophen. Wobei dem glücklosen Dribbler von der traurigen Gestalt diesmal die Baumrolle zufiel. Überhaupt wirkte la Mannschaft nach dem verlorenen Halbfinale wie ein Arboretum in Schwarz-Weiß. In zwei Jahren, bei Putins WM, wollen Götze und Co. nicht wieder angewurzelt enden. Und lieber am Kreml Gassi gehen. (Matthias Kaufhold)

Steini und Mario

Mit dem Zweiten hört man lustiger: Holger Stanislawskis Verbal-Grätsche in Sachen "siamesisches Dreieck" und Béla Réthys "Steinschweiger"-Versprecher waren die heiteren Highlights dieser EM. Ganz im Ernst hat mir Mario Gomez imponiert, an dessen DFB-Comeback ich nicht wirklich geglaubt hatte. Sein EM-Werdegang von der unwahrscheinlichen Alternative zum nahezu unverzichtbaren Stammspieler war beeindruckend. Nicht nur seiner zwei Tore in 270 Turnierminuten wegen. Er erzielte das 1:0 gegen Nordirland und das 2:0 gegen die Slowakei. Auch als Kämpfer und Vorbereiter (Özils 1:0 gegen Italien) hat der Schwabe überzeugt. Schade, dass der einst als personifizierter Chancentod verspottete Gomez das Turnier wegen eines Muskelfaserrisses nicht zu Ende spielen konnte. (Claus Zimmermann)

Gut getippt, blöd gelaufen

Ungarn besiegt Österreich mit 2:0, Portugal spielt 1:1 gegen Island – da weiß ich schon sehr früh im Turnier: Das Tippspiel wird nicht meines. Als ich im internen Ranking der Sportredaktion abgeschlagen auf dem vorletzten Platz liege, suche ich einen Grund für meine miese Bilanz. Also schreibe ich ein Mon Dieu, eine Glosse mit dem Titel "Dumm tippt gut". Problemlos kann ich darin über die Ahnungslosen herziehen, die immer durch viel Glück richtig tippen und häufig am Ende ganz oben stehen. Ich teile kräftig aus. Und lande nach dem EM-Abpfiff selber auf Platz eins im Tableau. Die EM geht, der Spott meiner Kollegen bleibt. Ein Schuss ins eigene Netz. Aber ich sehe es positiv: Denn bei dieser torlosen EM war mir jeder Treffer recht, auch mein Eigentor. (Christian Engel)

Verblüffte Schiedsrichter

Es sah aus wie eine Zeitlupe, war aber keine. Doch wie in Zeitlupe redend und mit sichtbar deutlicher Aussprache vergewisserte sich Viktor Kassai bei Bastian Schweinsteiger ein zweites Mal: Will er das Elfmeterschießen wirklich vor der italienischen Kurve austragen? Ja! Selten verdutzte ein Spieler einen Schiedsrichter derart wie bei dieser Seitenwahl. Inmitten der sich anbahnenden Nervenschlacht bescherte der Anblick des verblüfften Kassai einen Augenblick schmunzelnder Lockerheit. Und die Fürsorge des Referees war berechtigt. Wer weiß, ob Schweinsteiger für einen Moment die Orientierung verloren hatte? Wobei: Es war ja Schweinsteiger – und nicht Christoph Kramer. (Matthias Konzok)

Dank an die Zwerge

Der Romantiker in mir hat sich ein Finale Island – Wales gewünscht. Hat ja nun nicht geklappt. Den Fußballzwergen bin ich aber dankbar: Für ihre Unverfrorenheit, Einsatzfreude und Frische. Damit haben sie eine EM belebt, in der wir ansonsten zahlreiche Spiele zum Vergessen und Einschlafen vorgesetzt bekamen. Letzteres lag nicht nur an der Anstoßzeit von 21 Uhr. Der Aufstand der Kleinen hat mich bei diesem aufgeblähten Turnier am meisten beeindruckt und mir viel Spaß bereitet – ebenso die Blamage der Engländer, die sich im Fußball und auf anderen Feldern vom Glanz vergangener Tage blenden lassen. (Uwe Schwerer)

Der Fisch im Netz

"Jérôme, was machst Du da?", wand es sich im Viertelfinale gegen Italien durch meine Hirnwindungen, als der Verteidiger in Volleyballermanier einen Handelfmeter verursachte. Sollte es wieder nicht gegen den Angstgegner reichen? Es glich einem Hollywood-drehbuch. Ausgerechnet der Mann, der nach seiner Rettungstat auf der Linie, im ersten Spiel gegen die Ukraine, wie ein Fisch im Tornetz zappelte, gegen die Slowakei im Achtelfinale zudem als Stürmer glänzte und mit seinem Gewaltschuss die Führung erzielte, nun der tragische Held? Erleichterung erfüllte mich im Moment seines verwandelten Elfmeters bei der Lotterie gegen die Squadra Azzurra. Tragisch endete dennoch sein EM-Auftritt. Der Hüne in der Defensive musste verletzt im Halbfinale frühzeitig raus. (Benedikt Hecht)

Mehr zum Thema:

Autor: bz