Die Kurve kriegen

Elmar Brümmer

Von Elmar Brümmer

Sa, 08. April 2017

Motorsport

Das Wetter und der besondere Kurs machen das Formel-1-Rennen in Schanghai zur Herausforderung.

SCHANGHAI. Der Smog über Schanghai hat verhindert, dass die Formel 1 ihren regulären Trainingstag absolvieren konnte. Das erste Freie Training wurde abgebrochen, der zweite Probelauf wurde ganz abgesagt. Der Rettungshubschrauber hätte zwar starten, aber nicht am Krankenhaus landen können. Damit wird das Rennen an diesem Sonntag (7 Uhr/RTL und Sky) zur Wundertüte.

Der Shanghai International Circuit hat eine komplett andere Charakteristik als der Albert Park in Melbourne, deshalb wird es auf der permanenten Piste zu einer ersten tragfähigeren Antwort auf die Frage kommen, ob die Formel 1 durch das neue Reglement tatsächlich eine Wachablösung erlebt. Die mit 1,3 Kilometern längste Gerade der Welt wird auch zeigen, ob das Sechszylinder-Aggregat von Ferrari tatsächlich mit dem Mercedes-Antriebsstrang gleichgezogen hat. Zumindest hat Ferrari nach der Öffnung der Entwicklungsrichtlinien den sichtbar größten Sprung gemacht. Renault kommt langsamer in die Gänge, Honda bisher gar nicht.

Das könnte ein spannendes Ausscheidungsfahren werden, noch untermalt von drohenden Wetterkapriolen. Die vergangenen drei Rennen in China gingen an Mercedes, überhaupt gab es dort den ersten Sieg für die Silberpfeile der Neuzeit. "Wir wissen, dass wir ein starkes Paket haben, aber wir wissen auch, dass es viel zu tun gibt, um mit ihnen mitzuhalten und unsere Position zu halten", sagt Sebastian Vettel – und wendet schon im zweiten von 20 Rennen einen Nico-Rosberg-Trick an: "Wir schauen nur von Rennen zu Rennen." Immerhin kommt der ausgeprägte Heppenheimer Ehrgeiz stärker durch: "Wir müssen bestätigen, wie gut das Auto ist. Aber den Trend wollen wir schon aufrecht erhalten."

Er selbst hatte in Schanghai seinen ersten Sieg für Red Bull gefeiert, Lewis Hamilton hatte im McLaren seine erste Titelchance im Kies der Boxeneinfahrt verpatzt. Der Brite frohlockt über das Kräftemessen mit seinem (erneut) deutschen Widersacher: "Jetzt kämpfen die besten gegeneinander." Das wird seinen Preis haben, glaubt der dreifache Weltmeister: "Wir sind endlich an einem Punkt angelangt, an dem wir einen echten Wettkampf haben können. Es wird eine sehr, sehr harte Schinderei in dieser Saison."

Vettel bleibt positiv, was man seinem spitzbübischen Gesichtsausdruck und seiner generellen Gelassenheit anmerkt. Aber er will nicht schon wieder so unter Druck geraten, nachdem sich die Scuderia über den Winter gerade von zu hohen Erwartungen befreit hatte. Die Richtung scheint für den Mannschaftskapitän in Rot zu stimmen: "Viele Dinge haben sich geändert, das Team hat sich entwickelt. Wir haben mehr Selbstvertrauen. Die Arbeit ist zielgerichteter und wir sind zuversichtlicher."

Nicht auf die Konkurrenz will Mercedes-Sportchef Toto Wolff schauen, sondern stur die eigenen Hausaufgaben abarbeiten lassen. Das aktuelle Auto soll etwas zu schwer sein, das könnte die Reifenprobleme von Hamilton mit verursacht haben: "Man muss seine Schwächen erkennen und darauf reagieren. Jeder bei uns hat seine persönliche Entwicklungskurve." Man muss sie nur kriegen.