Schluss mit langem Gehen?

Georg Gulde

Von Georg Gulde

Sa, 08. April 2017

Leichtathletik

Der 50-Kilometer-Wettbewerb steht bei Olympia vor dem Aus / Dohmann und Co. protestieren.

FREIBURG. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) will den 50-Kilometer-Wettbewerb der Geher aus dem Programm streichen. Das führt zu Protesten. Weltklasse-Geher, darunter der in Freiburg lebende Carl Dohmann (26), wollen das Aus verhindern – auch per Petition.

Die Leichtathletik ist – aller Dopingfälle zum Trotz – nach wie vor olympische Kernsportart Nummer eins. In keinem anderen Sport werden so viele Sieger gekürt wie (zusammengezählt) bei den Läufern, Springern, Werfern und Gehern. Bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen werden in der Leichtathletik 47 Goldmedaillen vergeben. Wobei die Gleichbehandlung von Frauen und Männern fast 100 Prozent erreicht hat. Die einzige Ausnahme: die 50 Kilometer Gehen, die bisher Männern vorbehalten geblieben ist.

Mit diesem "langen Kanten" scheint bald Schluss zu sein: Denn der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) will wohl bereits nächste Woche (12., 13. oder 14. April) darüber entscheiden, ob die 50 Kilometer der Geher aus dem Olympia-Programm genommen werden. Dem Vernehmen nach geschieht das auf Empfehlung des IOC. Auf BZ-Anfrage beim IOC in Lausanne war am Freitag indes keine Auskunft darüber zu erhalten, ob die Weltorganisation des Sports die IAAF zu dem Schritt gedrängt hat. Die zuständige Mitarbeiterin sei erst wieder montags erreichbar, hieß es aus der IOC-Zentrale.

Klar ist indes, das IOC unter dem deutschen Präsidenten Thomas Bach nimmt das olympische Programm immer wieder unter die Lupe. Es strebt an, die eine oder andere Disziplin beziehungsweise Sportart zugunsten jüngerer und trendigerer Sportarten aus dem Olympia-Programm zu nehmen. So sollte 2013 das Ringen verschwinden. Erst nach heftigen Protesten ließen die Olympier von dieser Idee ab.

Nach BZ-Informationen soll es beim IOC Überlegungen geben, das Programm in der Leichtathletik auszudünnen. Auch bei Weltmeisterschaften und beim Weltcup soll es die 50 Kilometer Gehen von 2018 an nicht mehr geben. Außerdem sollen die 20-Kilometer-Wettbewerbe, die es für Frauen wie Männer gibt, durch die Halbmarathon-Distanz (21,1 Kilometer) ersetzt werden.

Insgesamt 77 Geher, die 2016 in Rio an Olympia teilgenommen haben, unterzeichneten nun einen offenen Brief an die IAAF und das IOC. Zu ihnen gehört Carl Dohmann. "Wir fordern, das 50 Kilometer Gehen zumindest bis zu den Spielen 2020 in Tokio im Programm zu lassen und bei der Entscheidung über die Zeit danach eine offene Diskussion gemeinsam mit uns Athleten zu führen", schreiben die Unterzeichner.

Der australische Geher Chris Erickson hat außerdem auf Facebook eine Petition für den Erhalt des 50-Kilometer-Wettbewerbs gestartet (#FightFor50k). Die Athleten argumentieren, dass "eine so drastische Entscheidung" nicht klammheimlich von einem Jahr aufs andere und ohne jede Diskussion getroffen werden dürfe. Ansonsten würden Tür und Tor geöffnet, "weiteren olympischen Disziplinen in kürzester Zeit den Garaus zu machen".

Drei deutsche Olympiasieger

Ob die Lobby der Geher groß genug ist? Das IOC hat neben der fehlenden Gleichbehandlung von Frauen und Männern noch weitere Argumente, die aus Funktionärssicht gegen einen Verbleib im Olympia-Programm sprechen: der durch die Regeln bedingte skurrile Geh-Stil, die zeitliche Länge eines Wettbewerbs (zwischen dreieinhalb und vier Stunden) und das im Vergleich zu den übrigen Disziplinen geringe Medieninteresse.

Auf der anderen Seite ist das Gehen nicht nur in Europa etabliert, sondern auch in Asien, Ozeanien und vor allem in Südamerika. In Deutschland hat es sogar eine besondere Tradition – nicht zuletzt durch die Olympiasiege von Christoph Höhne (1968), Bernd Kannenberg (1972/trainiert vom Bad Krozinger Rolf Luxemburger) und Hartwig Gauder (1980).

Und was macht der für einen Geher noch recht junge Carl Dohmann, sollte seine Lieblingsstrecke nicht mehr olympisch sein? "Für mich und die meisten anderen 50-Kilometer-Geher sollte es grundsätzlich möglich sein, auf den Halbmarathon zu wechseln. Anderen, die die Ausdauer, aber nicht die Schnelligkeit haben, wird das wahrscheinlich nicht gelingen."