Das Comeback der Eiskönigin

Roland Zorn

Von Roland Zorn

Fr, 27. Januar 2017

Wintersport

Carolina Kostner hat für ihren Ex-Freund gelogen und war deshalb gesperrt – bei der EM       meldet sie sich nun zurück.

OSTRAU. Die Meisterin von gestern nahm auf Anhieb wieder dort Platz, wo sie in den vergangenen zehn Jahren immer saß, wenn sie eine Eiskunstlauf-Europameisterschaft schmückte. Carolina Kostner, nach einer einjährigen Dopingsperre wieder zurück in ihrem Element, genoss ihren jüngsten Sieg über die eigenen Zweifel und Ungewissheiten wie all ihre Erfolge leise lächelnd und gedankenverloren in ihrer eigenen Welt.

Sie, die zwischen 2006 und 2014 fünfmal Europas Beste und je zweimal EM-Zweite und -Dritte war, feierte im Kurzprogramm der Titelkämpfe von Ostrau ein eindrucksvolles Comeback und mutete in sich versunken an, als die vor ihr platzierten russischen Teenager Jewgenija Medwedewa, Titelverteidigerin und Weltmeisterin 2016, und Anna Pogorilaja kichernd über sich und ihre früh gereiften Kufenkünste redeten. Die 17 und 18 Jahre alten Moskauerinnen sind die Gegenwart und Zukunft des Dameneiskunstlaufs, Carolina Kostner aber, so sah es nach dem ersten Teil ihrer Rückkehr auf die große Eisbühne aus, ist in ihrem Sport längst noch nicht Vergangenheit. Weniger, weil sie Rang drei nach der Kurzkür und vor der an diesem Freitagabend auf dem Programm stehenden Kür belegt. Eher, weil sie ihre Karriere mit dem ihr eigenen Charisma und einer künstlerisch wertvollen Selbstverständlichkeit so fortsetzt, als wäre sie nur mal eben für ein paar Momente und nicht für fast drei Jahre weg gewesen von den großen Eisarenen nach dem Gewinn der olympischen Bronzemedaille bei den Winterspielen von Sotschi 2014.

Dass sie ihren damaligen Freund, den italienischen Geher-Olympiasieger von 2008 Alex Schwazer, im Sommer 2012 vor den Dopingfahndern zu verbergen versucht hatte, als die Kontrolleure vor ihrer Wohnungstür standen, ist ihr drei Jahre später als Beihilfe zum Doping angerechnet worden, nachdem Schwazer der Einnahme des Blutdopingmittels Erythropoietin überführt worden war. Die selbst nicht gedopte Weltmeisterin von 2012, die aus Liebe leugnete, hat ihre Mitschuld bei der Aufdeckung von Schwazers Vergehen nie verstanden. Als sie endlich wieder frei war, als Wettkämpferin das zu tun, wovon sie nicht lassen konnte, machte sie sich auf den Weg zu einer abenteuerlichen Reise, wie sie sagt, zu sich selbst. Sie brach mit alten Gewohnheiten und vertraute sich der hohen Schule des russischen Eislaufs an.

Sie, die jahrelang nahezu partnerschaftlich vom Oberstdorfer Trainer Michael Huth begleitet wurde, in der Allgäuer Marktgemeinde arbeitete und lebte, zog um nach Sankt Petersburg. Dort wartet der listige Eisprofessor Alexej Mischin auf sie, der die russischen Läufer Alexej Urmanow, Alexej Jagudin und vor allem Jewgenij Pluschenko zu Ikonen ihres Sports formte und mit seinem schlittschuhtechnischen Knowhow in dem Ruf steht, auch den größten Champions über- raschende Königswege zum Triumph weisen zu können.

"Als sie zu mir kam, war sie am Boden zerstört", sagt
Mischin, "inzwischen ist
sie wieder so weit, große
Wettkämpfe bestreiten
zu können. Carolina ist
eine der präzisesten
und seriösesten
Läuferinnen,
die ich jemals
unterrichtet
habe." Die
Italienerin
schildert ihre
erste Lernphase in der Mischin-Akademie so: "Manchmal habe ich mich wie eine Vierzehnjährige gefühlt, die fast bei Null angefangen hat. Aber so war es in Wirklichkeit nicht. Es war nur eine andere Wahrnehmung, was für das Leben oft nicht schlecht ist."

Kostners Perspektivwechsel offenbarte sich auch in Ostrau, wo sich die früher meist zu klassischer Musik ihr Können zelebrierende Südtirolerin im Kurzprogramm von einem Schlagzeugsolo des früheren Led-Zeppelin-Drummers John Bonham treiben ließ. Das Zeug zum Rockstar hat die introvertierte Läuferin zwar nicht, wohl aber eine Wandlungsfähigkeit, die sie sich vermutlich selbst nicht zugetraut hat. Ihre ersten Schritte zurück in die Stadien hat sie "mit viel mehr Freude als Nervosität" hinter sich gebracht. Nun gelte es, "ruhig zu bleiben, den Spaß zu behalten und nie zu vergessen, warum ich das hier mache". Sie sagt, aus Liebe zu einem Sport, "in dem es nicht allein um die Athletik geht, sondern auch darum, herauszufinden, wer du wirklich bist". Die oft scheu wirkende Eiskönigin weiß, wie es sich anfühlt, tief zu fallen, wieder aufzustehen und auf dem Weg zurück nach oben zu sein. Deshalb hat sie vor kurzem all jenen, denen es so ähnlich ergangen ist, pathetisch zugerufen: "Meine Geschichte soll ein Strahl der Hoffnung sein für jene, die im Leben alles verloren haben." Carolina Kostner zumindest ist wieder da angekommen, wo sie aufs Neue viel gewinnen kann: für sich und ihr Selbstverständnis.