Der gesunde Patient

Michael Dörfler

Von Michael Dörfler

Sa, 21. März 2015

Sportpolitik

BZ-SERIE (TEIL 3): Manche Sportärzte behandeln nicht nur Verletzungen, sie erhöhen die Leistungsfähigkeit mit verdächtigen Methoden / Ein Zeitzeuge berichtet .

Die Kabine ist für Sportler mehr als nur ein Ort, an dem die Kleider gewechselt werden. Sie ist ein geschützter Raum, verschlossen all jenen, die nichts mit den Akteuren und Mannschaften zu tun haben. Deren Aufgaben und Rituale sind für die Öffentlichkeit tabu, neugierige Blicke und Fragen unerwünscht. Höchstens nach großen Siegen geht die Tür mal für einen Spalt und ein paar erwünschte Fotos auf, wenn Repräsentanten aus Politik und Gesellschaft zur Gratulationscour antreten und mit den sportlichen Helden feiern.

Die Kabine ist aber auch ein Ort für geübte Bräuche. Trainer geben Anweisungen, Taktiken werden besprochen – und Physiotherapeuten und Ärzte gehen ihrer Arbeit nach. Nur ein fitter, gesunder Sportler kann schließlich Hochleistungen abrufen, kann, wie beim Fußball, mit seinen Mitspielern Meister werden oder einen Abstieg verhindern.

Wie es hinter den Kulissen beim Sportclub Freiburg zugeht, zumindest einst zuging, ist in einem Freiburger Café an einem Spätnachmittag im März zu erfahren. Von einem, der es hautnah erlebte und der den "rasant gestiegenen Betreuungsaufwand" von den 70er Jahren bis in die Gegenwart höchst interessiert und teils ungläubig staunend zur Kenntnis genommen hat. Seinen Namen indes möchte er nicht preisgeben.

Eines vorneweg: Von Doping, also der Verabreichung verbotener Schnell- und Starkmacher, will unser Gesprächspartner "beim SC damals nichts mitbekommen" haben. Ihm sind nie Beweise für systematisches, flächendeckendes Doping im Fußball untergekommen. Demgegenüber stehen die neusten Erkenntnisse aus den jetzt frei gegebenen Prozessakten des Freiburger Sportmediziners Armin Klümper. Diesen hat unser Gesprächspartner gut gekannt. Joseph Keul dazu, überhaupt so gut wie alle Mediziner, die sich in der universitären Freiburger Sportmedizin und in deren Schatten dem Wohl und Wehe des deutschen Sports angenommen haben – und dabei den Eid des Hippokrates, die ärztliche Ethik, zum Teil aus den Augen verloren. Verlieren durften oder mussten. Je nachdem, wie man die Sache betrachtet.

Dass Leichtathleten dopten, Schwimmer, Ringer, Gewichtheber, Radfahrer sowieso, das ist lange bekannt. Die Brisanz der jetzt im Freiburger Staatsarchiv aufgetauchten Klümper-Akten ergibt sich aber auch deshalb, weil jetzt erstmals diesbezüglich auch der Fußball ins Visier der Fahnder gerückt ist. Was immer als abstrus abgetan wurde, von den Protagonisten geleugnet bis zum Gehtnichtmehr, ist jetzt Gewissheit. Die verbotenen Substanzen gehörten demnach auch bei so manchem Fußballklub zur umfangreichen Ausstattung des medizinischen Repertoires.

Was die einstigen Fußball-Nationalspieler Paul Breitner und Harald "Toni" Schumacher schon vor vielen Jahren in ihren Biografien andeuteten und publik machten, dass sogar Nationalspieler mit ebenso dubiosen wie verbotenen Arzneien ins Spiel geschickt wurden, überrascht unseren Gesprächspartner nach den jüngsten Enthüllungen nicht mehr. Gleichwohl nennt er dieses Verhalten "Wahnsinn".

Noch viel wahnsinniger sei jedoch die Reaktion der Branche darauf. Heute fragt er sich wie viele andere, weshalb gerade der Fußball eine Insel der Seligen sein soll, da doch viele der im Fußball tätigen Ärzte auch in anderen Disziplinen präsent waren. Da sei es doch naheliegend, dass diese ihr Knowhow auch den Kickern zur Verfügung stellten.

Gleichwohl konnte in der Gesellschaft natürlich nicht sein, was nicht sein durfte. Doping war hierzulande verpönt, man zeigte mit den Fingern auf die Athleten vornehmlich des Ostblocks, in Deutschland vor allem auf die der Medaillen hamsternden DDR, wo das sogenannte Staatsdoping aus dem dunklen Schlund des Schattens längst herausbefördert worden war.

"Sportärzte in Freiburg konnten nur deshalb so ungeniert arbeiten, weil die Vermutung naheliegt, dass sie von ganz oben gedeckt wurden", sagt unser Gesprächspartner. Inzwischen pfeifen es ja die Spatzen schon von den Dächern, dass die Politik ihre Hände schützend über die Professoren Klümper und Keul gehalten und somit ihre Protegés gleichsam zum Handeln ermuntert hat, so dass diese nahezu angstfrei agieren konnten. "Sie fühlten sich wahrscheinlich vollkommen sicher", so unser Zeitzeuge. Dass sich "die beiden Alphatiere" schnell entzweiten und nicht mehr sonderlich respektierlich miteinander umgingen, sei "nur logisch" gewesen: "Jeder von den beiden wollte der Größte sein."

Aber zurück zum Fußball. Klümper war nicht nur langjähriger Mannschaftsarzt des Freiburger FC. Laut einer Aussage vor Gericht des früheren Vorsitzenden des SC Freiburg, Achim Stocker, war er auch beim Deutschen Fußball-Bund als Mannschaftsarzt des Sportclubs gemeldet. Ein Umstand, der erst jetzt bekannt wurde. Was nicht verwundern sollte. Klümper galt in den 70er und 80er Jahren als anerkannte Kapazität. Er war ein Star in Weiß, bei dem auch viele Honoratioren der Stadt den Heimvorteil zu nutzen wussten. Beim FFC war man froh, Klümper zu haben, und auch Achim Stocker hat die "heilenden Hände" Klümpers bewundert. Die Akten jedenfalls künden davon.

Zudem herrschte damals eine völlig andere Mentalität in der Kabine. "Die Spieler bevorzugen jene Ärzte, die sie schnellstmöglich wieder fit machen, die wollen auf den Platz", beschreibt unser Zeitzeuge die kickenden Charaktere. Und Mannschaftsärzte, wie sie heute Standard sind im Profibereich, gab es damals nicht; "da ging man halt in die Uniklinik zum Klümper". Und der half immer.

Die Ärzte, die damals die Mannschaften umsorgten, machten das quasi nebenbei und in ihrer Freizeit. "Sie waren dafür da, blutende Wunden zu stillen, Pflaster aufzukleben und im Bedarfsfall Verbände anzulegen." Sie saßen an den Wochenenden mit auf der Bank, schauten, ob die Spieler allesamt gesund sind, waren aber ansonsten nicht im Verein zu sehen.

Mit der zunehmenden Professionalisierung und dem damit einhergehenden Leistungsdruck änderte sich das. Seit dem Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre, gibt es auch beim SC Freiburg feste Mannschaftsärzte. Und von einer eher passiven sind diese mit der Zeit in eine aktive Rolle geschlüpft. Die sogenannte Substitution zum Beispiel, die bei allen Bundesligisten periodisch zum Programm gehört, hielt Einzug ins medizinische Repertoire.

Das heißt, die Spieler kommen zwecks Regeneration nach anstrengenden Spielen oder englischen Wochen an den Tropf. Verabreicht werden Vitamine, Spurenelemente, Elektrolyte und dergleichen. Das ist explizit nicht verboten, zeigt nach Ansicht unseres Gesprächspartners aber einen Wertewandel: "Zufuhr von Kohlenhydraten innerhalb der ersten beiden Stunden nach Belastung, also einem Spiel, zum Beispiel durch eine kohlenhydratreiche Mahlzeit, viel Flüssigkeit trinken und ausreichend Schlaf hätten eine bessere, nachhaltigere Wirkung." Laut dem Bremer Professor Peter Schönhöfer, einem renommierten Pharmakologen, sind die üblicherweise verabreichten intravenösen Gaben sogar "völlig wirkungslos".

Was unseren Gesprächspartner umtreibt, ist die Frage: Sind Sportler Patienten im eigentlichen Wortsinn? Ja, meint er, aber nur im Falle einer Verletzung beziehungsweise sonstigen Erkrankung oder wenn es um Fragen der Prophylaxe (Vorsorge) von Verletzungen oder Erkrankungen geht. Für Ärzte gilt, dem Patienten in erster Linie keinen Schaden zuzufügen. Daher könne Doping keine ärztliche Tätigkeit im eigentlichen Sinne sein, da den "Patienten", in unserem Fall den Sportlern, neben der erwünschten leistungssteigernden Wirkung auch teilweise erheblicher Schaden zugefügt wird. Beispiele hierfür sind aus der jüngsten Vergangenheit zur Genüge bekannt.

Daher lehnt unser Gegenüber jedwede Dopingaktivität aus voller Überzeugung ab. Zumal er sich am 7. März das aktuelle Sportstudio im ZDF angesehen hat, als Professor Perikles Simon, ein anerkannter Antidopingexperte, zum aktuellen Thema "Doping im Fußball" befragt wurde und unter anderem erwähnte, dass zwischenzeitlich auch das Hormon Insulin, das in der Diabetestherapie wohlbringend eingesetzt wird, zu Dopingzwecken missbraucht werde. Dazu unser Gesprächspartner: "Insulin als Dopingsubstanz einzusetzen, ist eine absolut unärztliche und aufs Schärfste zu verurteilende Handlung. Sollten die Angaben von Simon der Wahrheit entsprechen, muss man leider davon ausgehen, dass in diesen Kreisen eine nicht unerhebliche kriminelle Energie vorhanden ist."

Im vierten Serienteil am nächsten
Mittwoch lesen Sie: Die Doping-Machenschaften im Radsport – gesteuert von Freiburg aus.
Ein Online-Dossier finden Sie unter

http://mehr.bz/doping-freiburg