Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

14. März 2017 12:15 Uhr

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Doping-Aufklärung: Forscher Singler bricht mit Uni

Die Aufklärung der Freiburger Doping-Vergangenheit endet in einer Schlammschlacht. Nach der Kommission bricht nun auch der Wissenschaftler Andreas Singler mit der Universität.

  1. Was geschah wirklich in der Freiburger Sportmedizin? Auch zehn Jahre nach Beginn der Aufklärung bleibt vieles im Unklaren. Foto: dpa

  2. Auch der Mainzer Anti-Doping-Wissenschaftler Andreas Singler hat nun endgültig die Nase voll von der Uni Freiburg. Foto: Privat

  3. Die Kommission der Kriminologin Letizia Paoli warf schon vor einem Jahr aus Protest hin. Foto: dpa

  4. Hans-Jochen Schiewer, Rektor der Freiburger Uni, gerät jetzt noch stärker unter Druck. Foto: Silvia Gehrke

Der Mainzer Doping-Forscher Andreas Singler ist nicht länger bereit, mit der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität zusammenzuarbeiten. Ein Jahr nach dem Rücktritt der von Letizia Paoli geleiteten Untersuchungskommission protestiert nun auch Singler gegen das Gebaren der Uni unter ihrem Rektor Hans-Jochen Schiewer.

2016 hatte schon die Paoli-Kommission hingeworfen

Singler teilte der Badischen Zeitung am Dienstag in einer Erklärung mit, dass die Uni seine "Hauptgutachten zur Dopinggeschichte nicht selbst veröffentlichen" dürfe. Die Zusammenarbeit zwischen ihm als verantwortlichem Autor und der Uni sei "ab sofort beendet".

Als Grund nannte Singler das Scheitern der Auseinandersetzung um ausstehende Honorarforderungen. Singler hatte für seine Jahre währende Arbeit an den Gutachten – maßgeblich zu den einstigen Freiburger Spitzensportmedizinern Joseph Keul und Armin Klümper – eine Nachzahlung von der Uni gefordert.

Singler sieht sich von der Uni brüskiert

In seiner Erklärung sprach der Mainzer Anti-Doping-Kämpfer von einer "Brüskierung". Die Uni bringe mit ihrer Weigerung, seine Tätigkeit angemessen zu honorieren, "fehlenden Respekt für das Geleistete zum Ausdruck". Darüber hinaus dauere die juristische Prüfung der Gutachten inzwischen "unerträglich lange". Sie sei noch immer nicht endgültig abgeschlossen.

Werbung


Singler kündigte eine Veröffentlichung der Hauptgutachten nun "auf anderem Wege" an. Eine Zusammenfassung des Gutachtens zum einstmals führenden deutschen Sportmediziner Joseph Keul (verstorben im Jahr 2000) stellte er bereits am Dienstag auf seine Internetseite. Darüber hinaus bot er Journalisten an, Einblick in das gesamte Gutachten zu nehmen. Es umfasst 404 Seiten.

Bereits im März 2016 hatte die zuletzt hochkarätig besetzte – und im Jahr 2007 von der Uni selbst eingesetzte – Untersuchungskommission zur Freiburger Doping-Vergangenheit unter Protest hingeworfen. Sie warf der Freiburger Forschungseinrichtung vor, die Aufklärung unter der Professorin und Kriminologin Letizia Paoli immer wieder behindert und zuletzt auch die Unabhängigkeit der Kommission nicht mehr gewährleistet zu haben.

Uni reagiert mit Bedauern und Unverständnis

Die Universität unter Uni-Rektor Hans-Jochen Schiewer reagierte am Dienstagmittag in einer eigenen Erklärung auf Singlers Darstellung der Dinge. "Mit Bedauern und Unverständnis" müsse sie mitteilen, "dass ihre Verhandlungen mit dem Sportwissenschaftler Dr. Andreas Singler, ehemaliges Mitglied der Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin, über die Veröffentlichung zweier weiterer Gutachten durch die Universität ohne Einigung zu Ende gegangen" seien.

Singler sei "zur Übergabe dieser Gutachten an die Universität nur bereit, wenn die Universität ihm einen Betrag in Höhe von fast 100 000 Euro" bezahle. Die Universität erklärte, sie weise "diese exorbitante Forderung entschieden zurück, da es hierfür keine Rechtsgrundlage" gebe.

Uni droht Singler rechtliche Schritte an

Weiter teilte die Uni mit, sie habe Singler bereits 5000 Euro pro Gutachten überwiesen, 8000 für zusätzliche Arbeiten bezahlt und weitere 12 000 Euro angeboten. "Nachdem Singler auch dieses letzte Angebot der Universität abgelehnt hat, sind die Einigungsbemühungen der Universität leider gescheitert."

Zugleich drohte die Uni Singler rechtliche Schritte an für den Fall, dass dieser eine Veröffentlichung der Gutachten im Alleingang wagen sollte. Er sei "aufgrund seiner früheren Tätigkeit als Kommissionsmitglied verpflichtet, die von ihm verfassten Gutachten der Universität in einer veröffentlichungsfähigen Form herauszugeben". Rektor Schiewer habe wiederholt darauf hingewiesen, "dass die Öffentlichkeit ein Recht" habe, über die Ergebnisse der Gutachten zu Keul und Klümper informiert zu werden. Eine Weitergabe an einzelne Journalisten werde dem Aufklärungsinteresse der Öffentlichkeit nicht gerecht.

Rektor Schiewer macht Druck

Schiewer forderte Singler daher laut Uni-Mitteilung vom Dienstag "nochmals auf, die beiden Gutachten unverzüglich der Universität zur Veröffentlichung zu übergeben". Die Uni behalte sich vor, "alle rechtlichen Schritte zu prüfen, um eine Veröffentlichung der Gutachten zu erwirken".

Keul-Gutachten kurz zusammengefasst

Das Gutachten, das Singler zum einstmals führenden deutschen Spitzensportmediziner Keul verfasst hat, trägt den Titel "Joseph Keul: Wissenschaftskultur, Doping und Forschung zur pharmakologischen Leistungssteigerung". Der Heidelberger Anti-Doping-Forscher Gerhard Treutlein fungiert formal als Co-Autor, will sich in den Inhalt von Singlers Werken aber schon seit längerer Zeit nicht mehr einmischen. Die Bibliothekarin Lisa Heitner wird als Mitarbeiterin genannt.

Enormer Einfluss im deutschen Sport

Am Dienstag veröffentlichte Singler eine kurze Zusammenfassung seines Gutachtens. Er nennt Keul, den früheren Chef der Freiburger Sportmedizin an der Universitätsklinik, den "mit Abstand einflussreichsten und wichtigsten wissenschaftlich tätigen Sportmediziner in der Bundesrepublik Deutschland" über drei bis vier Jahrzehnte hinweg. Seit den 1960er Jahren hatte Keul westdeutsche Olympia-Teams begleitet. 1998 stieg er zum Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention auf. Keul starb im Jahr 2000.

Keul sei stark dopingbelastet gewesen

Keul gehöre, obwohl ihm konkretes Doping nur selten nachgewiesen werden konnte, zu den "am meisten dopingbelasteten Sportmedizinern in Westdeutschland". Er habe Doping im Spitzensport ebenso "mit zu verantworten wie einen jahrzehntelangen defizitären Anti-Doping-Kampf in der Bundesrepublik". Seine Experimente mit Anabolika und anderen leistungssteigernden Substanzen in den 1970er Jahren – finanziert mit Steuergeldern – lassen sich inzwischen mehrfach belegen.

In der Zeit nach der Wiedervereinigung 1990 habe Keul nach Kräften dazu beigetragen, den Kampf gegen Doping zu sabotieren. "Keul kritisierte noch stärker als früher schon die für ihn zu umfangreiche Dopingliste, er diskreditierte biochemische Nachweisverfahren und schlug sich beinahe reflexartig auf die Seite von dopingverdächtigen Sportlerinnen und Sportlern".

Gesundheit zahlreicher Athleten schwer geschädigt

Singlers Urteil über das Versagen der Freiburger Universität und ihrer Klinik in Bezug auf Keul fällt drastisch aus. Man habe Keul freie Hand gelassen. Die Gesundheit von zahlreichen Athletinnen und Athleten sei schwer geschädigt worden. Singler schlussfolgert: "Die wichtigste Forderung aus rund 40 Jahren systematischem Doping und systematischer Dopingverharmlosung an der Universität und im Universitätsklinikum Freiburg ist (...) die nach einem Angebot zu einer systematischen Gesundheitsnachsorge ehemaliger Hochleistungssportlerinnen und -sportler".
Weitere Berichterstattung unserer Sportredaktion folgt.



Mehr zum Thema:

Autor: Andreas Strepenick, aktualisiert 12.45 und 13.54 Uhr