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28. September 2013

"Doping beschädigt den Sport"

BZ-Interview mit Christoph Frank, dem Vorsitzenden des Deutschen Richterbundes, der ein Anti-Doping-Gesetz durchaus für vertretbar hält.

  1. Will einen sauberen Sport: Christoph Frank Foto: Patrick Seeger

  2. Radsport gilt in Sachen Doping weiter als Problemsport. Foto: Seeger/dpa

FREIBURG. Im Bundesinnenministerium denkt man ernsthaft über ein Anti-Dopinggesetz nach. Am Donnerstag fand dort eine vertrauliche Anhörung statt. Christian Rath sprach über die Pläne mit Christoph Frank, dem Vorsitzenden des Deutschen Richterbunds. Frank leitet beruflich die Schwerpunktabteilung für Dopingdelikte bei der Freiburger Staatsanwaltschaft.

BZ: Herr Frank, ist Doping strafbar?
Frank: Derzeit muss ein Sportler, der sich selbst dopt, nur mit sportrechtlichen Konsequenzen rechnen, er macht sich jedoch nicht strafbar. Nach dem Arzneimittelgesetz sind aber zum Beispiel Ärzte und Trainer strafbar, die Athleten dopen. Für alle ist seit 2007 der Besitz von Dopingmitteln in "nicht geringer Menge" strafbar.

BZ: Soll der dopende Sportler künftig bestraft werden?
Frank: Die Sportverbände waren lange Zeit dagegen, weil hier der Staat in die Autonomie des Sports eingreife und ihr eigenes Kontrollsystem ausreiche. Diese Position wird sich nach meiner Überzeugung nicht mehr durchhalten lassen. In der Bevölkerung ist die Forderung nach einem sauberen Sport äußerst populär. Die Verlogenheit in Sportarten wie dem Radsport sorgt in Deutschland nach wie vor für Empörung. Die Politik wird diese Grundstimmung in der kommenden Wahlperiode vermutlich aufgreifen. Ich finde ein Anti-Doping-Gesetz auch aus juristischer Sicht durchaus vertretbar, wenn klar ist, welche Rechtsgüter geschützt werden sollen und andere Mittel nicht greifen.

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BZ: Soll der Staat künftig jedes unmoralische Handeln bestrafen?
Frank: Sicher nicht. Das Strafrecht muss ultima ratio – letztes Mittel – bleiben. Es darf nicht zur Durchsetzung bloßer Moralvorstellungen benutzt werden. Ein strafrechtliches Doping-Verbot für Sportler würde aber anerkannte Rechtsgüter schützen: die Gesundheit der Athleten und den wirtschaftlichen Wettbewerb im Profisport. Als weiteres Rechtsgut kommt der Fairnessgedanke im Sport hinzu.

BZ: Beginnen wir bei der Gesundheit: Muss der Sportler wirklich vor sich selbst geschützt werden? Es gibt doch keine Pflicht zum gesunden Leben?
Frank: Das nicht. Aber es gibt auch kein unbeschränkbares Recht auf Selbstschädigung. Deshalb ist auch der Besitz von Drogen zum Eigengebrauch strafbar.

BZ: Doping unter ärztlicher Kontrolle reduziert die Gefahren.
Frank: Das stimmt. Allerdings wissen wir, dass dopende Sportler sich oft hinter dem Rücken ihrer Ärzte aus mehreren Quellen bedienen, um noch mehr aus sich herauszuholen. Der Radfahrer Marco Pantani nahm sogar Kokain und starb 2004 an einer Überdosis.

BZ: Um das Vermögen der Profisportler zu schützen, genügt da nicht die Strafbarkeit des Betrugs?
Frank: Nein. Betrug ist im Strafrecht definiert als Täuschung, die zu einer Vermögensverfügung führt und einen Vermögensschaden verursacht. Wenn aber alle Starter der Tour de France dopen, dann weiß jeder, was läuft und keiner wird getäuscht. Bei den konkurrierenden Sportlern fehlt auch eine Vermögensverfügung.

BZ: Wird deshalb versucht, Doping als Betrug am eigenen Rennstall zu bestrafen?
Frank: Ja. Der Radfahrer Stefan Schumacher steht deshalb gerade in Stuttgart vor Gericht. Er soll seinen Rennstall Gerolsteiner über sein Doping getäuscht und sich hohe Gagen erschlichen haben. Er behauptet aber vehement, dass der Rennstall gewusst haben muss, dass er dopt.

BZ: Sie glauben, dass Schumacher am Ende freigesprochen wird?
Frank: Dazu kann ich mich von außen nicht äußern. Aber der Tatbestand eines Dopingbetrugs, der bereits die verdeckte Manipulation von Sportereignissen unter Strafe stellt, wäre in solchen Fällen sicher eine große Hilfe.

BZ: Wenn alle dopen, ist dann überhaupt jemand benachteiligt?
Frank: Wenn alle das gleiche Mittel in der gleichen Dosis nehmen, wäre der Wettbewerb vielleicht noch gewährleistet. Aber Sportler, die dopen, machen das ja nicht nur, um die Zuschauer wie im Zirkus mit außergewöhnlichen Leistungen zu erfreuen. Das Doping dient doch in erster Linie dazu, den Wettbewerb zu manipulieren und besser zu sein als die Konkurrenten. Es gibt also immer einen Anreiz, mehr und cleverer zu dopen als andere. Die Freigabe von Doping kann daher nie zu fairen Wettkämpfen führen.

BZ: Die Fairness im Sport halten Sie für ein schützenswertes Rechtsgut. Warum?
Frank: Der Sport hat eine große Bedeutung in unserer Gesellschaft. Sportler sind Vorbilder, im Sport lernen Kinder und Jugendliche, sich anzustrengen, Regeln zu beachten, fair zu sein. Doping beschädigt den Sport und seine wertbildende Kraft in anderen Lebensbereichen.

BZ: Sollen nur dopende Profisportler bestraft werden oder auch Amateur- und Breitensportler?
Frank: Das ist die derzeit politisch umstrittene Frage bei der Schaffung eines Anti-Doping-Gesetzes. Die bayerische Landesregierung und die SPD-Bundestagsfraktion wollen jeden bestrafen, der Dopingmittel besitzt – auch den Freizeitsportler, der in der Altersklasse an einem Mountainbike-Rennen in seinem Dorf teilnimmt. Baden-Württemberg beschränkt sich in seinem Gesetzentwurf dagegen auf den Berufssport.

BZ: Was finden Sie besser?
Frank: Beides lässt sich gut begründen. Die Gesundheitsgefahren im Amateursport sind vermutlich sogar höher als im Spitzensport mit seiner individuellen ärztlichen Betreuung. Auch der Fairnessgedanke spielt dort eine besondere Rolle. Wenn aber der gesamte Breitensport einbezogen werden soll, müssten Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte entsprechend besser ausgestattet werden. Das geht nicht einfach so nebenbei. Ich bezweifle, ob der Wille hierzu besteht.

BZ: Ist so ein Strafgesetz nicht ohnehin nur Symbolik?
Frank: Eine durchgängige Strafverfolgung könnte jedenfalls nicht sichergestellt werden. Andererseits glaube ich, dass ein Strafgesetz durchaus Appellwirkung hätte und abschreckend wirken würde. In Frankreich zum Beispiel ist Doping strafbar und französische Radfahrer haben bei der Tour de France schon lange nicht mehr gewonnen. Da sehe ich durchaus einen Zusammenhang.
"Es gibt immer einen

Anreiz, mehr und cleverer

zu dopen als andere."

BZ: Werden unsere erfolgreichsten Spitzensportler dann künftig alle überwacht, weil ihre Leistung sie verdächtig macht?
Frank: Nein. Aber plötzliche Leistungssteigerungen könnten im Einzelfall tatsächlich einen Anfangsverdacht begründen und Ermittlungen auslösen. Die sportrechtliche Überwachung von Sportlern ist aber auch heute schon sehr weitgehend. Sie müssen immer mitteilen, wo man sie für überraschende Dopingtests finden kann. Wer sich entzieht, kann allein deshalb gesperrt werden.

BZ: Und wenn Doping strafbar wird, kann die Polizei auch noch das Telefon abhören und Emails lesen.
Frank: Wie bisher schon beim Verdacht schwerster Verstöße, etwa beim bandenmäßig organisierten Dopinghandel.

BZ: Brauchen wir noch Wettkampfsperren für dopende Sportler, wenn Doping künftig strafbar ist?
Frank: Es sollte auch künftig neben dem Strafrecht eigene sportrechtliche Reaktionen geben, insbesondere Wettkampfsperren. Allerdings müssen auch solche Regeln des Sports rechtsstaatliche Grundsätze beachten, zum Beispiel die Unschuldsvermutung. Es ist problematisch, wenn das Schweigen eines Sportlers als Schuldeingeständnis gewertet werden kann.

BZ: Soll man etwa warten, bis ein Urteil nach Jahren rechtskräftig wurde? Und dann alle zwischenzeitlich errungenen Titel und Platzierungen aberkennen? Das wäre ja das reinste Chaos.
Frank: Stimmt. Das Argument der Sportverbände, dass auf Dopingverdacht sofort reagiert werden muss, leuchtet ein. Auch im Strafrecht gibt es aber durchaus vorläufige Maßnahmen. So kann zum Beispiel gegen einen pfuschenden Arzt ein vorläufiges Berufsverbot verhängt werden. Voraussetzung ist aber ein besonders schwerwiegender Verstoß, die dringende Wahrscheinlichkeit eines endgültigen Berufsverbots und dass ein Richter die Sanktion ausspricht.

BZ: Kann in Deutschland einfach die sportrechtliche Unschuldsvermutung eingeführt werden?
Frank: Nein. Das System der Wettkampfsperren bei einem Doping-Verdacht wird von der Wada, der internationalen Antidopingagentur, vorgegeben. Wenn deutsche Verbände ausscheren, dürfen deutsche Sportler nicht mehr an internationalen Wettkämpfen teilnehmen.

BZ: Ist der Versuch einer solchen Reform also aussichtslos?
Frank: Die Ergebnisse der jetzt in Deutschland geführten Diskussion müssen auf die internationale Ebene transportiert werden. In Thomas Bach ist jetzt ja ein deutscher Jurist an der Spitze der olympischen Bewegung, der das Problem kennt und sich mit einem Reformvorstoß
profilieren könnte.

BZ: Ist der Staat überhaupt glaubwürdig im Kampf gegen Doping?
Frank: Wenn er es sein will, sollte er auch sein Sportförderungssystem auf den Prüfstand stellen. Bisher bekommen diejenigen Sportverbände am meisten Geld, die am meisten Medaillen holen. So werden Leistungen honoriert, die in vielen Sportarten realistischerweise nur mit Hilfe von Doping erzielt werden können. Wer den Kampf gegen Doping wirklich ernst meint, muss diesen Wertungswiderspruch auflösen.

BZ: Wie sollte die Sportförderung stattdessen aussehen?
Frank: Spitzensport soll gefördert werden, aber unabhängig von Endlauf- oder Medaillenchancen bei internationalen Meisterschaften mit möglicherweise gedopten Konkurrenten. Und der Breitensport in Vereinen könnte stärker unterstützt werden.

BZ: Sollen deutsche Sportler dann überhaupt noch an Weltmeisterschaften und Olympia teilnehmen, wenn sie ungedopt nur hinterherlaufen?
Frank: Warum nicht, entsprechend des olympischen Gedankens. Es gäbe dann sicher weniger deutsche Sieger, aber die Zuschauer würden lernen, gute persönliche Leistungen auch ohne Sieg zu schätzen. Ich halte das durchaus für möglich.

ZUR PERSON: CHRISTOPH FRANK

Der 61-Jährige ist seit 2007 Vorsitzender des Deutschen Richterbundes. Beruflich arbeitet Frank als Oberstaatsanwalt in Freiburg. Er leitet unter anderem die Schwerpunktabteilung für Dopingdelikte an der Freiburger Staatsanwaltschaft. Diese Abteilung ist für ganz Baden-Württemberg zuständig. In den vergangenen Jahren ermittelte Frank auch gegen Freiburger Sportmediziner, die gedopt haben sollen, musste die Verfahren vor einem Jahr aber überwiegend aus Mangel an Beweisen einstellen.  

Autor: cra

Autor: cra