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14. September 2011

"Doping ist eine Epidemie"

Bei einer Tagung in Freiburg wird mit mancher Mär aufgeräumt – und Antworten auf die Frage gegeben, warum Ärzte Athleten dopen.

  1. Auf die Platze, fertig, los: Aber wie viele dieser Sprinter dopen? Foto: dpa

FREIBURG. Ein zentraler Punkt in der Doping-Diskussion ist die Frage: Wie viele Sportler dopen? Sportorganisationen verweisen dabei gerne auf das Gute im Menschen und bezeichnen die dopenden Athleten als "schwarze Schafe". Das soll signalisieren: Doper sind eine verschwindend geringe Menge im Heer der Leistungssportler. Perikles Simon, Leiter der Abteilung Sportmedizin der Universität Mainz, ist da anderer Ansicht. "Doping ist nicht nur eine Krankheit, es ist eine Epidemie", sagte er am Dienstag bei der internationalen Fachtagung der Universität Freiburg.

Und auch andere Redner räumten gewaltig mit der Mär auf, im Spitzensport werde nur wenig gedopt und die Zahl der Athleten, die unerlaubte Substanzen einsetzen, sei gering. Vor allem aber wurde in den Vorträgen wieder einmal klar, was viele Sportfunktionäre noch immer mit großem Fleiß leugnen: dass es sich oft um systematisches Doping handelt, das nicht von den Athleten gesteuert wird, sondern von anderen Berufsgruppen: allen voran den Sportmedizinern. Und unter denen, das schält sich nicht erst seit der Tagung im Breisgau heraus, haben einige Freiburger Sportärzte eine mehr als unvorteilhafte Rolle gespielt. Das dürfte am heutigen Mittwoch, dem letzten Tag des Symposiums, in den Vorträgen von Andreas Singler und Professor Gerhard Treutlein deutlich werden, die sich mit dem Wirken der ehemals von vielen Seiten hofierten Freiburger Sportärzten Professor Joseph Keul und Professor Armin Klümper beschäftigen wollen.

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Perikles Simon befasste sich am Dienstag indes nicht so sehr mit der Vergangenheit, ihm liegen Gegenwart und Zukunft näher. Laut Simon gaben in einer anonymisierten Umfrage 14 Prozent der Spitzensportler an, bereits Blutdoping betrieben zu haben. Und in einigen Ländern liege die Bereitschaft, unlautere Mittel und Methoden einzusetzen, bei mehr als 50 Prozent.

Simon weiß vor allem mit Zahlen zu beeindrucken. Bei einer Umfrage hätten tatsächlich 50 Prozent der Leistungssportler folgende Frage mit einem "Ja" beantwortet: "Wenn Sie eine Wunderpille erhalten, die Sie unschlagbar macht – würden Sie dann in Kauf nehmen, dass Sie in den nächsten fünf Jahren sterben?" Das macht deutlich, wie wichtig vielen Athleten Leistungssteigerung und Erfolg sind – sei es aus finanziellen oder persönlichen Gründen.

Deshalb ist der Leiter der Abteilung Sportmedizin der Uni Mainz auch skeptisch, wenn es um Erfolge bei der Dopingbekämpfung geht. "Nur 0,2 Prozent der Dopingtests enden mit einer Sperre der Athleten", sagt er. Was so mancher Sportfunktionär als Beleg für seine Schwarze-Schafe-These ansieht, bewertet Simon anders: Doping habe sich wie eine Epidemie ausgebreitet. Schließlich würden sich Athleten, Trainer und Mediziner austauschen. Und in diesem Kreis sei ein Umdenken und ein Hinwenden zur Dopingprävention nicht häufig erkennbar.

Aber warum dopen Sportärzte Athleten? Ivan Waddington von der Universität in Leicester (England) erforscht diese Frage. Neben dem Wunsch der Sportler, ihre Leistungen zu steigern, gebe es eine ausgeprägte "Kultur des Risikos". Das wohne dem Sport und dem Doping inne – man wolle dem Gegner schließlich ein Schnippchen schlagen und sei darauf meist stolz. Scharf kritisierte Waddington die unter anderem im englischen Profifußball verbreitete Praxis, dass die Vereinsärzte eng an die Klubs gebunden werden – vor allem emotional.

Kritik an der Vorgehensweise von englischen Fußballklubs

Den Ärzten werde signalisiert, dass sie stolz sein müssten, wenn sie von den Klubs ausgewählt werden. Diese Vorgehensweise, die auch in der Fußball-Bundesliga und anderen Ligen zu beobachten ist, werde im US-Sport auf die Spitze getrieben. Dort, so Waddington, werde in den Profiligen im Football, Baseball, Basketball und Eishockey von den Klubärzten die totale Identifikation mit dem Verein verlangt. Das hätte teilweise verheerende Folgen für die Gesundheit der Athleten. Aber auch die Ärzte würden einem massiven Druck unterliegen, der es ihnen schwer macht, nach rein medizinischen Kriterien zu entscheiden.

Diesem Druck unterliegen auch Doping-Gegner wie der Italiener Alessandro Donati, der unter anderem als Leichtathletiktrainer tätig war. Als er 1997 Sportfunktionäre über Doping informierte, bekam er zunächst keine Antwort. Vielmehr wurde kurze Zeit später eine von Donati betreute Athletin positiv auf Koffein getestet. Damit sollte, so Donati, seine Integrität in Frage gestellt werden. Beim Öffnen der B-Probe, bei der ein von Donati benannter Experte anwesend war, versuchten Labormitarbeiter zu tricksen. Erst dadurch kam heraus, dass das Ergebnis der A-Probe manipuliert worden war – um Donati zu schaden. Und um weitermachen zu können wie bisher: Den Anti-Doping-Kampf zu propagieren und das Gegenteil zu tun.

Autor: Georg Gulde