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06. Juni 2015

"Es ist heute sehr, sehr schwierig zu dopen"

BZ-Interview mit Andrea Gotzmann, der Vorsitzenden der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada, über die Erfolge im Kampf gegen Manipulationen im Sport.

  1. 14000 Proben will die Nationale Anti-Doping-Agentur dieses Jahr nehmen, ihr Budget wuchs auf fast zehn Millionen Euro. Sie ist nun ein ernstzunehmender Gegner für Doper. Foto: DPA/PRIVAT

  2. Andrea GotzmannVorstandsvorsitzende NADA Foto: privat

BONN. Deutschland war früher ein Paradies für Doper – in Ost und West. Doch das ist lange vorbei. Staat und Sport unternehmen nun hohe Anstrengungen, um die Manipulation der Leistung einzudämmen. Wie weit die Nationale Anti-Doping-Agentur in ihren Bemühungen gekommen ist, erläutert Andrea Gotzmann, die Vorstandsvorsitzende der Nada. BZ-Redakteur Andreas Strepenick sprach mit ihr.

BZ: Frau Gotzmann, wie bewerten Sie das Anti-Doping-Gesetz, das in Deutschland eingeführt werden soll?
Gotzmann: Die Nada begrüßt dieses Gesetz. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung und ein klares Zeichen dafür, welchen Sport wir wollen in Deutschland. Das Gesetz stärkt die Schiedsgerichtsbarkeit im Sport, aber auch die Zusammenarbeit der Nada mit den Ermittlungsbehörden. Das ist für uns sehr wichtig. Unter den Auflagen des Datenschutzes muss es möglich sein, dass wir Teilinformationen aus staatlichen Ermittlungsakten bekommen, um unsere Arbeit entsprechend darauf ausrichten zu können.

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BZ: Erst vor einigen Wochen hat eine Studie über mikro-dosiertes Doping in Frankreich Aufsehen erregt. Athleten erhielten Substanzen in sehr geringer Menge und erzielten gleichwohl erstaunliche Leistungszuwächse. Die Studie gilt als Beleg dafür, dass Kontrollen ins Leere laufen, wenn der Körper die Substanzen schnell, etwa über Nacht, wieder abbaut und dann kein Nachweis mehr möglich ist.
"Wir fokussieren uns auf die Athleten in Risikosportarten."

Gotzmann: Das Problem der Mikro-Dosierung, also der Gabe von Doping-Substanzen in kleinster Menge, ist uns natürlich bekannt. Wir haben die Studie zur Kenntnis genommen. Allerdings stellen sich uns eine Reihe von Fragen. Zunächst einmal sollte eine wissenschaftliche Veröffentlichung erfolgen – so wie es üblich ist bei Studien. Mehrere verbotene Substanzen wurden gleichzeitig gegeben: Epo, Wachstumshormon, Kortikosteroide. Darüber hinaus wurde eine verbotene Methode angewandt, nämlich das Blutdoping in kleinsten Mengen. Es wurden Proben genommen und der Blutpass wurde beurteilt mit der speziellen Software, die die Welt-Anti-Doping-Agentur zur Verfügung stellt. Man zog daraus den Schluss, dass die Mikro-Dosierung keinen Einfluss auf den Blutpass hatte.

BZ: Also wissen Doper nun, dass sie mit dieser Methode von den Fahndern im Grunde nicht erwischt werden können?
Gotzmann: Nein. Soweit wir wissen, wurden im Rahmen der Studie weder klassische Urin- noch Blutproben analysiert. Wir können also nicht sagen, was die Auswertung dieser Proben erbracht hätte. Die Welt-Anti-Doping-Agentur hat eine Stellungnahme dazu abgegeben. Soweit es die Experten beurteilen, sind von den fünf Blutpässen tatsächlich zwei als positiv zu bewerten und drei als hochgradig verdächtig. Wir müssen das Ganze also vielleicht doch etwas relativieren. Ich finde es gut, wenn die Studie ausgewertet wird und wir daraus unsere Erkenntnisse ziehen können. Ich möchte aber gleichzeitig darauf hinweisen, dass wir diese Art von Menschenversuch für falsch halten. Die Folgen dieses Versuches sind überhaupt nicht einzuschätzen. Generell sind wir heute weiter als noch vor wenigen Jahren. Wir passen unsere Methoden permanent an – auch, was den Blutpass angeht. Es wird derzeit diskutiert, ob man neue Parameter hinzunimmt. Wir wollen immer möglichst schnell reagieren auf das, was in der Praxis passiert.

BZ: Gleichwohl bleibt Dopern das Zeitfenster der Nacht. Zwischen 23 Uhr abends und sechs Uhr morgens schaut normalerweise kein Kontrolleur vorbei.
Gotzmann: Normalerweise nicht, aber in Ausnahmefällen durchaus. Auch nach dem derzeit gültigen Regelwerk ist es möglich zu kontrollieren, wenn uns entsprechende Verdachtsmomente vorliegen. Natürlich muss das immer verhältnismäßig sein. Wir werden sicher auch künftig nicht flächendeckend während der Nacht testen.

BZ: Welche Sportarten stehen bei Ihnen besonders im Fokus?
Gotzmann: Zuallererst natürlich Hochrisikosportarten mit ausgeprägter Ausdauerkomponente beziehungsweise großen Kraftanteilen. Wir ordnen in die Risikoklasse eins unter anderem Radfahren, Schwimmen, Leichtathletik, Gewichtheben, Kraftdreikampf und Triathlon ein. Das sind die Sportarten, auf die wir uns besonders fokussieren.

BZ: Der Radsport ist ein gut belegtes Beispiel dafür, wie umfassend früher gedopt werden konnte, wenn Sportmediziner den Einsatz der Medikamente und die Anwendung verbotener Methoden wie Blutdoping fachmännisch steuerten. Freiburger Ärzte sorgten bis zum Jahr 2007 dafür, dass beim früheren Radsportteam Telekom/T-Mobile anderthalb Jahrzehnte lang keine einzige Dopingprobe positiv war – sieht man von Jan Ullrichs ominöser Diskopille ab. Ist es heute noch so einfach zu dopen wie damals?
Gotzmann: Dass es einfach ist, möchte ich wirklich bezweifeln. Wir haben sehr viel entwickelt, dazugelernt und unsere Kontrollzahlen erhöht. Wir fahren darüber hinaus einen intelligenten Ansatz, gehen also nicht nach dem Gießkannenprinzip vor. Wir fokussieren uns auf die Spitze, auf die Athleten in Risikosportarten. Ich glaube schon, dass es heute sehr, sehr schwierig ist zu dopen. Das sehen wir auch durch die vielen Berichte und Enthüllungen darüber, welcher Aufwand heute betrieben werden muss, um wissenschaftlich begleitet, meistens international gesteuert, zu manipulieren. Das System Lance Armstrong hat uns in dieser Hinsicht erschreckende Einblicke gegeben. Darauf müssen wir reagieren und Lücken, die unser System eventuell hat, sofort schließen.

BZ: Seit dem Jahr 2007, also der Aufdeckung des Dopings bei Telekom/T-Mobile durch den "Spiegel", steht die Vergangenheit der Freiburger Sportmedizin besonders im Fokus. Mehrere Kommissionen sollten Aufklärung bringen, die Gruppe um die Professorin Letizia Paoli hat ihre Arbeit noch immer nicht beendet. Wie beobachten Sie die Bemühungen, Licht in die Freiburger Vergangenheit zu bringen?
Gotzmann: Wir begrüßen diese Aufarbeitung natürlich. Sie ist ganz, ganz wichtig für unsere Arbeit. Wir müssen Strukturen erkennen: Wie ist so etwas möglich gewesen? Aber wir versuchen natürlich auch, die Erfahrungen aus Freiburg in unser Kontroll- und unser Präventionssystem einfließen zu lassen. Es ist uns sehr wichtig, dass Athleten frühzeitig aufgeklärt werden – und auch ihr Umfeld. Ärzte, Eltern, Lehrer, Trainer. Das sind Ansätze, die am nachhaltigsten wirken. Wir müssen aus der Vergangenheit lernen und Lehren für die Zukunft ziehen.

BZ: Einige Freiburger Sportmediziner haben nach außen hin stets erklärt, sie kämpften gegen Doping. Manche saßen in Anti-Doping-Kommissionen des deutschen Sports. Armin Klümper sagte, er sei der weltweit Erste, der ein Reglement gegen Doping entwickelt habe. Gleichzeitig hat Klümper ganze Sportfachverbände flächendeckend mit verbotenen Präparaten versorgt. Die Nada arbeitet auch weiterhin mit Sportmedizinern zusammen. Wie stellen Sie sicher, dass Sie nicht auf die Falschen hereinfallen?
Gotzmann: Man darf im Leben niemals nie sagen. Ich finde es erschreckend, dass Ärzte früherer Generationen nach außen hin eine weiße Weste zeigten und den Kampf gegen Doping propagierten, zugleich aber Athleten mit den entsprechenden Substanzen versorgten. Das ist für mich absolut verwerflich und ich kann es überhaupt nicht akzeptieren. Auch wir haben daraus gelernt. Wir arbeiten nicht mit Ärzten zusammen, die in irgendeiner Art und Weise in solche Vorgänge eingebunden gewesen sind. Auch durch die Struktur der Nada versuchen wir, so etwas für die Zukunft zu verhindern. Wir haben einen hauptamtlichen Vorstand geschaffen und Kommissionen eingerichtet, die uns beraten. Wir fordern Ehrenerklärungen und binden Anti-Korruptions-Maßnahmen ein. Man kann für niemanden die Hand ins Feuer legen, aber ich glaube schon, dass wir sehr gut aufgestellt sind, um so etwas heute zu verhindern. Wenn wir etwas erfahren oder uns etwas auffällt, reagieren wir natürlich sofort.

BZ: Dopingforschung und -Anwendung lässt sich in Freiburg inzwischen nahezu lückenlos über fünf Jahrzehnte bis 2007 rekonstruieren. Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen: Wird es in 50 Jahren noch Doping in Deutschland geben?
Gotzmann: Ich hoffe, dass wir den Sport in 50 Jahren so haben werden, wie wir ihn lieben. Dazu gehört, dass wir permanent die Gefahr des Dopings bekämpfen, ihr offensiv entgegen treten, um Athleten, die Sport ohne Doping ausüben wollen, eine Plattform zu bieten. Wir müssen aus der Vergangenheit lernen und das zeitlich einordnen. In früheren Jahrzehnten ist man mit Medikamenten anders umgegangen als heute. Es hat eine Umkehr stattgefunden. Das Bekenntnis zu sauberem Sport und zu null Toleranz muss sich weiter fortsetzen. Ich glaube, dass wir da auf dem richtigen Weg sind.

BZ: Die Nada hat sich seit ihrer Gründung im Jahr 2002 aus kleinsten Anfängen heraus langsam, aber kontinuierlich entwickelt. Heute haben Sie knapp 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ein Jahresbudget von annähernd zehn Millionen Euro. Sehen Sie sich von Sport und Politik inzwischen ausreichend unterstützt?
"Wir müssen Athleten

frühzeitig aufklären."

Gotzmann: Ja. Die Bundespolitik hat ein klares Bekenntnis zur Nada und zu ihrer finanziellen Unterstützung abgegeben. Das ist im Koalitionsvertrag des Jahres 2013 festgelegt. Wir haben eine mittelfristige Finanzierung und können über den 31. Dezember eines jeden Jahres hinaus planen. Das ist ganz wichtig. Das festigt unsere Position. Wir können Trainings- und Wettkampfkontrollen aus einer Hand anbieten, das Ergebnis-Management, aber auch – das ist von höchster Bedeutung – die zweite Säule, die Prävention, stärken.

BZ: Sie wollen in diesem Jahr rund 14 000 Proben nehmen, das ist die erste Säule. Aber warum ist auch die Prävention, also die Vorbeugung, so wichtig?
Gotzmann: Wir wollen es gar nicht erst so weit kommen lassen, dass ein Athlet in die Gefahr des Dopings gerät. Wir wollen frühzeitig aufklären und eine Wertevorstellung vermitteln. Wir wollen zeigen, dass Sport sehr viel leistet. Wir wollen erklären, wie wichtig Fairness und Ehrlichkeit sind. Wir wollen junge Athleten in ihrem Werteverständnis stärken. Wir wollen dafür sorgen, dass sie um die Gefahren des Dopings wissen und selbstbestimmt Nein sagen können.

ZUR PERSON: ANDREA GOTZMANN

Seit 2011 leitet Andrea Gotzmann die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) mit Sitz in Bonn. Die Vorstandsvorsitzende kann dabei auf eine fundierte wissenschaftliche Ausbildung zurückgreifen. In Köln studierte sie Sportwissenschaft und Chemie. Ihre Doktorarbeit an der Deutschen Sporthochschule in Köln befasste sich mit einem Thema aus der Biochemie. Gotzmann hat aber auch eine Karriere im Leistungssport hinter sich. Im Frauenbasketball brachte sie es mit Düsseldorf zu elf deutschen Meistertiteln.  

Autor: str

Autor: str