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01. März 2016 09:54 Uhr

Doping

Freiburger Doping-Kommission tritt unter Protest zurück

Die Doping-Kommission an der Freiburger Universität ist unter Protest zurückgetreten. Sie beklagt, dass sie nicht mehr unabhängig arbeiten dürfe. Die Uni wies den Vorwurf zurück. Sie sprach von einem "Rücktritt ohne Grund".

  1. Fritz Sörgel (links) bestätigte das Ende der Freiburger Doping-Kommission. Rechts im Bild deren Vorsitzende Letizia Paoli.

Die "Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin" protestiert gegen die angebliche Einschränkung ihrer Unabhängigkeit durch den Rektor der Universität, Hans-Jochen Schiewer. Einen Kompromissvorschlag Schiewers bewertete die Kommission als nicht weitgehend genug. "Unsere Frist an den Rektor ist um Mitternacht abgelaufen", sagte Sörgel bereits am Dienstagmorgen der Badischen Zeitung. "Damit ist die Kommission automatisch zurückgetreten."

Sie war 2007 mit dem Ziel ins Leben gerufen worden, die Geschichte der skandalumwitterten Freiburger Sportmedizin unter ihren ehemaligen Professoren Joseph Keul und Armin Klümper zu untersuchen. Freiburg war über vier Jahrzehnte hinweg das Zentrum des Dopings in der Bundesrepublik Deutschland.

Gemeinsame Erklärung und Dank an Paoli

Fünf der sechs Wissenschaftler wandten sich am Dienstag um 13.50 Uhr in einer gemeinsamen Erklärung an die Öffentlichkeit. Sie schrieben: "Im Sinne einer wahrhaftigen Aufklärung können wir keine Kompromisse bei der uns garantierten uneingeschränkten Unabhängigkeit der Kommission eingehen."

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Hans Hoppeler (Schweiz), Perikles Simon (Mainz), Gerhard Treutlein (Heidelberg), Hellmut Mahler (Düsseldorf) und Fritz Sörgel (Nürnberg) würdigten in ihrer Erklärung ausdrücklich das Engagement ihrer Vorsitzenden Letizia Paoli von der Universität Leuven in Belgien. Sie dankten ihr "für das Vertrauen und die hervorragende gemeinsame Arbeit, mit der zahlreiche maßgebliche Erkenntnisse zum Doping in der Sportmedizin gewonnen werden konnten".

Kritik am Auftraggeber Universität

Eine Fortsetzung "der fast abgeschlossenen Kommissionsarbeit" sei leider unter den derzeitigen Bedingungen, die die Universität Freiburg an die Kommissionsmitglieder stelle, unmöglich, heißt es in der Erklärung weiter. Auch die seit vielen Monaten unternommenen Bemühungen von Paoli um den Erhalt der 2007 garantierten uneingeschränkten Unabhängigkeit der Kommission seien "leider immer wieder abgewiesen worden".

Alle Kommissionsmitglieder, so heißt es weiter, fühlten sich der Aufklärung von Dopingvorgängen und wissenschaftlichem Fehlverhalten in der Sportmedizin auch weiterhin verpflichtet. "Im Rahmen ihrer jeweiligen wissenschaftlichen Tätigkeit werden sie weiter dazu beitragen, dass die Dopingaufklärung in Deutschland und darüber hinaus fortgeführt wird."

Die Kommissionäre wollen am Thema dran bleiben

Offen war am Mittag, ob auch die Vorsitzende Paoli selbst dem Rücktritt ihrer fünf Kommissionsmitglieder folgen wird. Es ist nach Informationen der Badischen Zeitung allerdings davon auszugehen, dass sie ihre Arbeit für die Universität Freiburg ebenfalls niederlegt.
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Schwere Vorwürfe gegen Uni-Rektor Schiewer

Die Kommissionsmitglieder hatten ihren Rücktritt bereits in einem Schreiben vom 25. Februar 2016 an Uni-Rektor Hans-Jochen Schiewer angedroht. Der interne, fünfseitige Brief liegt der Badischen Zeitung vor. Darin forderten die Wissenschaftler Schiewer dazu auf, "die uneingeschränkte Unabhängigkeit der Kommission wiederherzustellen". Sie warfen Schiewer persönlich vor, für das Scheitern der Kommissionsarbeit verantwortlich zu sein.

Trägt Schiewer die Verantwortung?

Wörtlich heißt es am Ende des Briefes: "Sie, Rektor Schiewer, tragen (...) aufgrund der von Ihnen persönlich entzogenen vollen Unabhängigkeit der Kommission nicht nur die Verantwortung für unseren unausweichlichen Rücktritt. Sie tragen zudem die Verantwortung für das Scheitern der historischen Aufgabe, Licht ins Dunkel der Freiburger und der deutschen Dopingvergangenheit zu bringen."

Universität weist die Vorwürfe zurück

Die Universität reagierte um 14.44 Uhr mit einer dreiseitigen Pressemitteilung auf den Rückzug der Kommission. Sie sprach von einem "Rücktritt ohne Grund" und erklärte: "Die wissenschaftliche Aufklärungsarbeit muss weitergehen." Sie wolle die bisherigen Aufklärungsergebnisse "sichern und öffentlich machen" und werde dazu, wie schon im Jahr 2014 angekündigt, "eine neue Forschungsstelle zu Sportmedizin und Doping schaffen".

Neue Forschungsstelle soll weiter aufklären

Rektor Schiewer erklärte, er bedaure "das offenbar ergebnislose Ende der Arbeit von Professorin Letizia Paoli". Die Uni habe bis zuletzt an die Bereitschaft der Kommission "zu einer konstruktiven und sachorientierten Zusammenarbeit appelliert". Der Rücktritt sei "unbegründet und verantwortungslos".

Schiewers Einladung blieb unbeantwortet

Paoli, so Schiewer, habe auf mehrere Gesprächsangebote nicht reagiert. Zuletzt hatte er die Vorsitzende und ihre fünf Kommissionsmitglieder für den 26. Februar nach Freiburg eingeladen. Am vergangenen Freitag – nachdem dieses Treffen nicht zustande kam –, hatte Schiewer in einem Brief abermals eine Einladung ausgesprochen: für den 17. März. Auch darauf sei aber nicht geantwortet worden.

Schiewer fügte hinzu, die Universität Freiburg habe "die wissenschaftliche und inhaltliche Unabhängigkeit, die der Evaluierungskommission bei der Erfüllung ihrer Aufgabe zusteht, zu keinem Zeitpunkt eingeschränkt oder auch nur in Frage gestellt".

Uni droht Paoli Klage an

Insbesondere gegen Paoli richtete der Uni-Rektor scharfe Angriffe. Sie habe die Geschäftsordnung ihrer Kommission eigenmächtig geändert. Dies sei ohne Zustimmung der Universität aber nicht erlaubt gewesen. Zugleich drohte Schiewer der Kriminologin der Universität Leuven eine Klage an. "Die Universität muss sich angesichts der vielfältigen Vertragsverstöße der Kommissionsvorsitzenden alle rechtlichen Optionen offenhalten."

Noch im März eine neue Forschungsstelle

Zugleich kündigte Schiewer an, noch im März eine "Forschungsstelle Doping und Sportmedizin" als zentrale wissenschaftliche Einrichtung der Universität einrichten zu wollen.

Sieben Einzel-Gutachten liegen der Uni vor

Nach Informationen der Badischen Zeitung liegen der Universität bislang sieben Einzel-Gutachten von Kommissionsmitgliedern vor – darunter fünf, die gegen den Willen von Paoli und Co. der Universität übergeben worden waren. Verfasst haben sie die ehemaligen – und im Streit mit Paoli ausgeschiedenen – Kommissionsmitglieder Andreas Singler und Heinz Schöch.

Wie die Universität bereits am Montag auf BZ-Anfrage mitteilte, dauere die juristische Prüfung dieser Gutachten gegenwärtig an. Noch ist also offen, ob und wann sie publiziert werden können. Schiewer erklärte dazu am Dienstag, die neue Forschungsstelle werde "die Erkenntnisse der bisherigen, allerdings nicht abgeschlossenen Kommissionsarbeit soweit wie möglich für die Öffentlichkeit aufbereiten". Dazu werde sie "eine zusammenfassende Auswertung der vorliegenden Einzelgutachten erstellen" und nach einer externen Rechtsprüfung "der Öffentlichkeit zeitnah zur Verfügung stellen".

Uniklinik spricht von über einer Million Euro Kosten

Die Universitätsklinik erklärte um 14.49 Uhr, sie bedaure ebenfalls, dass es der Kommission "trotz des wiederholten Entgegenkommens seitens des Klinikums und der Universität nicht gelungen ist, einen Abschlussbericht vorzulegen". Die Arbeit der Kommission habe "weit über eine Million Euro an öffentlichen Geldern des Universitätsklinikums" gekostet.

Der Olympische Sportbund bedauert das Ende

Der Deutsche Olympische Sportbund bedauerte den Rückzug der Kommission. Es sei "sehr bedauerlich, dass die Uniklinik und die Kommission nicht zusammengefunden haben, um die Doping-Vergangenheit der Freiburger Uniklinik endgültig aufzuklären", sagte der DOSB-Vorstandsvorsitzende Michael Vesper: "Es ist eine verpasste Gelegenheit, sich auch nachhaltig mit der Vergangenheit im Westen auseinanderzusetzen."

Franke konstatiert ein schmutziges Spiel

Auch der Heidelberger Doping-Bekämpfer Werner Franke meldete sich zu Wort. Er erklärte dem "Sportinformationsdienst": "Die Uni hat immer ein dreckiges Spiel getrieben. Sie hat Akten versteckt, in Landesarchiven, irgendwelchen Schränken oder in Privatwohnungen von Mitarbeitern. Da sind groteske Sachen passiert. "Natürlich ist der Hintergrund, dass das volle Ausmaß der Dopingvergangenheit nicht an die Öffentlichkeit gelangen soll."

Die BZ berichtet weiter.

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Die Stellungnahmen lesen Sie im Wortlaut hier:

Autor: Andreas Strepenick, aktualisiert um 15.27 Uhr