Druck auf die Freiburger Sportmedizin: Grüne fordern Aufklärung

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

Mo, 12. August 2013

Sportpolitik

Parlamentarier in Berlin und Stuttgart erhöhen den Druck auf die Freiburger Sportmedizin.

FREIBURG. Im Streit um die Vergangenheit der Sportmedizin in Freiburg erhöhen die Grünen den politischen Druck. In parlamentarischen Anfragen, die der BZ vorliegen, fordern sie Aufklärung darüber, wie tief sich die Sportmedizin unter Joseph Keul und Armin Klümper in die Doping-Geschichte des westdeutschen Sports verstrickt hat. Außerdem wollen sie wissen, welchen Beitrag Universität und Klinik bislang zur Aufklärung geleistet haben.

Die Berliner Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen will der Bundesregierung zu Beginn der Woche ein Fragenpaket mit 27 Punkten übermitteln. Sie will wissen, wie viel Geld die Uniklinik seit 1970 "für sportmedizinische Forschung und insbesondere für Projekte mit Bezug zur Dopingforschung" vom Bund erhalten hat. Die Grünen verlangen Aufklärung darüber, "in welchen dieser Studien Kadersportler als Probanden dienten" und ob auch Minderjährige für Dopingforschungen missbraucht wurden. Darüber hinaus wollen sie wissen, ob es zutrifft, dass Keul, Klümper und Co. in den 1970er Jahren auch über die Wirkung von Insulin und Wachstumshormonen geforscht haben. Letztere mussten zu jener Zeit noch aus den Hypophysen von Leichen gewonnen werden.

Hat die Universität die Aufklärer unterstützt?

Außerdem fragen die Parlamentarier um Viola von Cramon und die Freiburgerin Kerstin Andreae, ob die Berliner Forschergruppe unter Professor Giselher Spitzer jederzeit Zugang zu allen relevanten Akten bekam und inwieweit sie in ihrer Arbeit behindert wurde. Die Spitzer-Gruppe hatte in fünfjähriger Arbeit eine 800-Seiten-Studie zur Dopinggeschichte im Westen Deutschlands erstellt. Sie berichtet darin von anwendungsorientierter Dopingforschung mit staatlichen Geldern und politischer Unterstützung seit den 1970er Jahren – vor allem in Freiburg.

Der Bericht ist nach wie vor unveröffentlicht. Er liegt der Badischen Zeitung in einer Version, die 804 Seiten umfasst, inzwischen vor. In der Studie spielen die früheren Freiburger Spitzensportmediziner Joseph Keul (verstorben 2000) und Armin Klümper (angeblich in Südafrika) eine Schlüsselrolle. Die Grünen wollen von der Bundesregierung wissen, wie es dazu kam, dass Keul im Jahr 1990 das Bundesverdienstkreuz erster Klasse erhalten hat. Vor allem interessiert sie die Frage, wer Keul dafür vorgeschlagen hat. Verliehen hat es ihm der damalige Kultus- und Sportminister Gerhard Mayer-Vorfelder (CDU). Nicht zuletzt verlangen sie Aufklärung darüber, ob es zutrifft, dass die von der Kriminologin Letizia Paoli geleitete Kommission zur Vergangenheit der Freiburger Sportmedizin in ihrer Arbeit behindert wurde. Paoli hatte zu Beginn des Jahres von einem manipulierten Arbeitsauftrag berichtet und massive Behinderungen durch die Universität beklagt – obwohl die Uni selbst die Kommission im Jahr 2007 eingesetzt hatte. Sie versprach damals, rückhaltlos aufzuklären. Uni-Rektor Hans-Jochen Schiewer und Alt-Rektor Wolfgang Jäger wiesen Paolis Vorwürfe zurück.

Welche Rolle spielten Ministerien im Land?

Parallel zur Berliner Abgeordnetengruppe erhöhen nun aber auch die Grünen im Stuttgarter Landtag den Druck auf Uni und Klinik. "Die Rolle der Freiburger Sportmedizin im Zusammenhang mit Dopingforschung muss dringend weiter aufgeklärt werden", sagte Grünen-Fraktionschefin Edith Sitzmann am Wochenende der BZ. "Dass laut einer neuen, von der Bundesregierung finanzierten Studie selbst bei Minderjährigen systematisch mit Dopingmitteln experimentiert worden sein soll, hat mich wirklich erschüttert."

Die Freiburger Abgeordnete Sitzmann will dem Verdacht nachgehen, "dass Dopingpraktiken nicht nur toleriert wurden, sondern deren Erforschung auch aktiv betrieben wurde. In diesem Zusammenhang hat die Freiburger Sportmedizin wohl eine bedeutende Rolle gespielt."

Spannend ist allerdings auch die Frage, welche Rolle das Stuttgarter Wissenschaftsministerium sowie das Ministerium für Kultus und Sport seit 1970 gespielt haben. Aus Stuttgart flossen seit den 1970er Jahren Landesgelder in erheblichem Umfang in die Sportmedizin. Die einstige Spezialambulanz des früheren Mooswald-"Docs" Klümper etwa wurde 1982 mit Mitteln aus Stadt, Land und Bund erbaut. Die Grünen, in Stuttgart nun selbst an der Regierung, fragen, welche Informationen etwa das Wissenschaftsministerium "über Forschungsarbeiten zu Dopingpraktiken in Baden-Württemberg hat".