Die Rolling Stones der Barockmusik

Karin Steinebrunner

Von Karin Steinebrunner

Sa, 27. Mai 2017

St. Blasien

Das Ensemble "Red Priest", benannt nach der roten Haarpracht von Antonio Vivaldi, gibt im Festsaal des Kollegs ein Konzert.

ST. BLASIEN. Die Gruppe "Red Priest", gegründet im Jahr 1997 und benannt nach der roten Haarpracht des Barockkomponisten Antonio Vivaldi, ist wohl das einzige Ensemble für Alte Musik, das sich rühmen kann, mit den Rolling Stones verglichen worden zu sein.

Und obwohl es sich in seinen Darbietungsformen durchaus auf barocke Quellen und Berichte stützen kann – man denke nur an die Beschreibung der barocken Feste als opulenter Gesamtkunstwerke, bei denen die höfische Gesellschaft für ihre Selbstdarstellung alle Register rhetorischer Kunstfertigkeit zieht, etwa in den kunsthistorisch-soziologisch orientierten Arbeiten eines Richard Alewyn -, dürften sogenannt herkömmliche Verfechter historischer Aufführungspraxis möglicherweise damit Probleme bekommen.

Sicher ist indes, bei ihrem Auftritt im Festsaal des Kollegs St. Blasien im Rahmen der seit Jahren bestehenden Kooperation zwischen den Klosterkonzerten und dem Schwarzwald Musikfestival entfachten sie mit ihrer stürmischen, ja atemberaubenden Barockmusikinterpretation unter dem Titel "Händel in the Wind" wahre Stürme der Begeisterung beim Publikum im ausverkauften Saal.

Alle Register rhetorischer Kunstfertigkeit gezogen

Alle Register rhetorischer Kunstfertigkeit gezogen haben auch die vier Ausnahmekünstler von "Red Priest" in St. Blasien und damit den lebendigen Beweis dafür geliefert, wie mitreißend Alte Musik vergegenwärtigt werden kann.

In der Konzerteinführung hatte Flötist Pier Adams seine hölzernen Lieblinge vorgestellt, vom Piccoloinstrument bis zum Blockflötenschwergewicht in tiefer Basslage, und während des Konzertes benutzte er sie alle quasi im fliegenden Wechsel, wobei er zur Überbrückung mitunter sogar kurze Partien mit zwei Instrumenten gleichzeitig spielte. In der Einführung hatte er auch als Ausgangspunkt für das aktuell vorgestellt Programm den Wunsch von Cellistin Angela East angeführt, Händels Messias für ihre Besetzung einzurichten, und so durchzog diese Bearbeitung, neben den in Originalbesetzung vorgestellten Sonaten etwa, in Form von drei Suitenteilen das gesamte Programm.

Außerdem gestand Adams, dass die Gruppe mit Adam Summerhayes einen Wahl-Zigeunergeiger besitze und dementsprechend als neues Projekt ein Zigeuner-Barock-Programm in Angriff genommen habe, besitzen doch beide, sowohl Barocktradition als auch Zigeunermusik, die ausgeprägte Improvisationstechnik als einen wesentlichen Anknüpfungspunkt. Aus diesem Projekt lieferte die Gruppe denn auch, vornehmlich in der zweiten Programmhälfte sowie bei den Zugaben, zur restlosen Begeisterung des Publikums bereits einige Kostproben.

Ebenfalls in der Einführung schon angeklungen war die Wesenhaftigkeit der Barockmusik als beständig wechselndem sprachlichem Ausdruck, die sich in der Vielfalt steten Wechsels von Klangfarbe, Dynamik, Artikulationstechnik und Agogik spiegelt, wie sie das Ensemble in seinem Vortrag höchst lebendig veranschaulichte.

Da platzte das Cello mit einem ruppigen Akzent heraus, da ging die Flöte auch schon mal bewusst mit ihrem Klangspektrum bis an die oberste Schmerzgrenze zum Quietscher, da rauschte das Cembalo unter David Wrights Händen wie ein ganzer Sturzbach, da musste die Geige im Ansatz auch mal als Schlaggitarre herhalten – alles zusammen in einer geradezu als Choreographie wahrnehmbaren Bewegtheit und Beschwingtheit, die mitunter auch hörbar sich einem, wie es im Programmbuch heißt "Barock’n Roll" annäherte – vor allem im abschließenden Tophit aus dem Messias, dem Hallelujah.

Am eindrücklichsten aber war doch mit Sicherheit die atemberaubende Geschwindigkeit und Brillanz, mit der in erster Linie Flötist Pier Adams beständig improvisatorisch seine Melodien verzierte und variierte, wie er zwitscherte und tirillierte, wobei in einigen Passagen seinen wieselflinken Fingern seine Musikerkollegen in nichts nachstanden.