Sonderrechte nur mit Martinshorn

Sebastian Barthmes

Von Sebastian Barthmes

Mi, 28. September 2016

St. Blasien

Zu einem "Einsatz mit Eile" muss die Feuerwehr mit Blaulicht und Signalhorn fahren /Immer wieder gibt es deshalb Beschwerden.

ST. BLASIEN. Wenn der Meldeempfänger Alarm schlägt und einen "Einsatz mit Eile" meldet, muss es schnell gehen – auch mitten in der Nacht, wenn die Feuerwehreinsatzkräfte aus dem Schlaf gerissen werden. A

b in die Kleider und zum Feuerwehrgerätehaus – volle Konzentration ist gefragt. Verwundert und verständnislos nehmen die ehrenamtlichen Helfer in der Not dann zur Kenntnis, dass solche Einsätze zu Beschwerden führen.

Neulich Nacht war es wieder so weit, sagt Feuerwehrkommandant Frank Bercher: Um 6.13 Uhr meldete die Leitstelle "Unklare Rauchentwicklung" in einem Wohngebäude in St. Blasien. Da geht es um Sekunden, sagt Bercher, denn niemand weiß, wie ernst die Lage ist, ob ein Wohnhaus vielleicht schon in Flammen steht – es geht also um Menschenleben.

Mit Martinshorn und Blaulicht eilte die Feuerwehr dann mit vier Fahrzeugen zum Einsatzort. Schnell stellte sich dort heraus, dass die Lage schnell unter Kontrolle gebracht werden kann und kein Schaden entstanden ist – zum Glück.

Kurz darauf erreichte den Kommandanten eine heftige E-Mail: Könne die Feuerwehr um die Zeit nicht nur mit Blaulicht aber ohne Martinshorn durch die menschenleere Stadt fahren? Womöglich fehle es den Feuerwehrleuten an Aufmerksamkeit, lautete die Vermutung des Verfassers. Die Lärmbelästigung müsse nicht sein, findet der Schreiber. "Es gibt relativ häufig Beschwerden", sagt der Feuerwehrkommandant, damit könne man umgehen. Die ehrenamtlichen Einsatzkräfte treffe es aber, wenn man sie beschimpft. "Die Menschen in der Stadt werden vielleicht durch das Martinshorn geweckt, sie können sich aber wieder umdrehen und weiterschlafen. Wir werden auch aus dem Schlaf gerissen und nach dem Einsatz fahren wir ohne Dusche und Frühstück zum Arbeitsplatz," sagt Bercher.

Nach Lust und Laune können die Einsatzkräfte ohnehin die Sondersignale nicht einsetzen, erläutert er. Von der Leitstelle komme die Ansage "mit Sondersignal" oder "ohne Sondersignal". Ein Feuerwehrauto ist zunächst einmal ein normales Fahrzeug, das sich an die Straßenverkehrsordnung halten muss. Es gehe um das Sonderrecht und das Wegerecht, wenn Blaulicht und Horn angeschaltet werden. Nur dann dürfe die Mannschaft beispielsweise schneller als erlaubt unterwegs sein. Außerdem müssen dann alle anderen Verkehrsteilnehmer den Einsatzfahrzeugen Platz machen.

Blaulicht alleine reicht nicht, erläutert Bercher, die Sonderrechte gibt’s eben nur in der Kombination – die Straßenverkehrsordnung regelt deren Einsatz genau. Außerdem seien auch nachts Menschen unterwegs, weiß er aus Erfahrung.

Und tatsächlich sei es in anderen Orten schon zu Unfällen bei Einsatzfahrten gekommen. Wenn also jemand ein Feuerwehrauto nicht wahrnimmt und vielleicht angefahren wird, haben die Einsatzkräfte ein Problem, sollte das Martinshorn nicht eingeschaltet gewesen sein. In der Stadt sei es also einfach gefährlich, wenn man schnell und dennoch verhältnismäßig leise zum Einsatzort fährt.

Das Martinshorn "ist auch für uns nervig" sagt Bercher. Denn in den Fahrzeugen verstehe man sein eigenes Wort dann kaum. Und dabei müsse man per Funk mit der Leitstelle kommunizieren oder mit den Einsatzkräften erste Absprachen für die Brandbekämpfung treffen.

Der Einsatz der Sondersignale ist genau im Gesetz geregelt

Auch wenn die Zahl der Beschwerden zunimmt und auch der angeschlagene Ton deutlich an Schärfe zunehme, weiß der Feuerwehrkommandant doch, dass die Mehrheit der Bevölkerung den ehrenamtlichen Einsatz zu jeder Tages- und Nachtzeit würdigt.

Neben Beschwerden muss sich die Feuerwehr aber auch mit anderen Hindernissen befassen – zugeparkte Straßen oder Autofahrer, die einem Einsatzfahrzeug nicht Platz machen, kämen immer wieder vor. Manchmal sei es schlichte Unkenntnis (es muss immer eine Durchfahrbreite von drei Metern frei bleiben), aber auch der Kopfhörer während der Autofahrt oder einfach Nachlässigkeit, die im Ernstfall Zeit kosten. Wenn die schweren Fahrzeuge schnell unterwegs sind, können sie für Fußgänger oder andere Verkehrsteilnehmer zur Gefahr werden. Aber auch für die Einsatzkräfte selbst wird’s manchmal gefährlich, wenn Autofahrer zum Beispiel einfach nicht einsehen, dass eine Straße für einen Feuerwehreinsatz gesperrt ist – immer wieder werde das ignoriert.

Und der E-Mail-Schreiber? Ihm habe er ebenfalls mit einer E-Mail geantwortet und die rechtliche Situation geschildert, sagt Bercher. Daraufhin sei eine weitere E-Mail des Beschwerdeführers gekommen – von Einsicht keine Spur, im Gegenteil, Bercher sei sogar persönlich angegriffen worden.