Glanz ohne Worte

Ute Wehrle

Von Ute Wehrle

Mo, 08. Oktober 2018

Staufen

Faszinierende Pantomimen-Vorstellung zum Auftakt der Staufener Kulturwoche.

STAUFEN. Visuelles Theater ohne Worte: Wie vielseitig das sein kann, zeigte die Compagnie Bodecker und Neander am Freitag in ihrem Programm "Déjà vu" im vollen Spiegelzelt und bescherten damit der Staufener Kulturwoche einen Auftakt der ganz besonderen Art.

Energisches Klopfen und barocke Trompetenfanfaren kündigen den Auftritt der Pantomimen an, die scheinbar aus der Ferne auf die schwarz ausgekleidete Bühne spazieren und immer größer werden. Aus dem Off erklingt Vogelgezwitscher und schon befinden sich die Zuschauer mitten in einem Park, beobachten, wie der eine seine Staffelei aufbaut, um den anderen zu porträtieren. Das Besondere daran: Weder Leinwand, Farbkasten noch Pinsel sind zu sehen. Genauso wenig wie die munteren Piepmätze, von denen die Darsteller umflattert werden.

Alexander Neander und Wolfram von Bodecker spielen mit der Perspektive, erwecken Gegenstände, Lebewesen und Phantasiebilder zum Leben. Jede ihrer Bewegungen sitzt exakt, angefangen vom punktgenauen Zusammenzucken zu den Plopps der imaginären Regentropfen bis hin zum Irish Dance, den die beiden temperamentvoll aufs Parkett legen. Angekündigt von einem – ebenfalls schweigsamen – Nummerngirl reiht sich eine Episode an die nächste. Etwa die des egozentrischen Sängers, der sich ein Schlückchen zu viel antrinkt und unter lautem Getöse auf die (echte) Geige seines Kollegen tritt. Flugs wird das Instrument durch ein neues, unsichtbares ersetzt. Ein beherztes Hicksen – und schon erklingt der Donauwalzer als wohltönender Schluckauf.

Die Herren mit den weiß geschminkten Gesichtern verbinden auf umwerfende Weise Mimenspiel und Körperbewegung zu einer faszinierenden Bilderwelt, die durch Elemente der Clownerie, des Schwarzen Theaters und des Stummfilms noch phantastischer wird. Nicht zu vergessen die Magie, die optische Täuschung. Da werden die mit roten Handschuhen geschmückten Arme einer Operndiva länger und länger und ein kleines, bissiges Raubtier in einer Papiertüte entwickelt ein Eigenleben. Und wie genau ein kluger Kopf nicht nur hinter einer überdimensionalen Zeitung steckt, sondern am Ende sogar restlos in ihr verschwindet, wird das Geheimnis der Pantomimen bleiben. Die aus der Zeit gefallenen poetischen Szenen gehen ans Herz – und haben oft ein überraschendes Ende.

Szenenwechsel: Das Publikum findet sich auf dem Bahnhof Berlin-Alexanderplatz wieder, gemeinsam mit einem schnoddrigen jugendlichen Rapper und einer hilflosen Oma, die im Dschungel der Gleise verzweifelt das richtige sucht. Für die Pantomimen eine wunderbare Gelegenheit, vor den Augen der Zuschauer auf Rolltreppen auf und ab zu fahren, die nur in der Phantasie existieren. Liebevoll und mit scharfer Beobachtungsgabe skizzieren die Künstler ihre Figuren und sorgen bei der Begegnung zwischen Jung und Alt gleichermaßen für komische wie rührende Momente.

Erstaunen, Kummer, Schadenfreude, Belustigung: Wie Neander und von Bodecker ganz im Sinne ihres großen Lehrmeisters Marcel Marceau menschliche Emotionen darstellen, geht weit über Augenrollen und aufgerissene Münder hinaus. Ohne zu übertreiben, verstehen sie es, den eigentlich trivialen Geschichten aus dem Alltag und der Komik des Lebens einen besonderen Glanz zu verleihen. Ihre bewundernswerte Ausdruckskraft, die lediglich von Musik, Geräuschen und wenigen Requisiten bereichert wird, schafft es, das Publikum bestens zu unterhalten und hat den tobenden Applaus im Spiegelzelt redlich verdient. Große Kunst bedarf eben nicht immer großer Worte.