Kalorienreiches Kabarett

Hans-Peter Müller

Von Hans-Peter Müller

Sa, 13. Oktober 2018

Staufen

KULTURWOCHE STAUFEN: Umjubelter Auftritt von Martin Zingsheim im vollbesetzten Spiegelzelt.

STAUFEN. "Kultur ist in Staufen Grundnahrungsmittel." Diesen Satz von Bürgermeister Michael Benitz, mit dem er sich bei den am Donnerstag geladenen Sponsoren der Kulturwoche bedankte, nahm sich Martin Zingsheim zu herzen. Schon einer der ersten Gags war kalorienreich: Was haben Internet und gesunde Ernährung gemeinsam? "Sie scheitern oft an Cookies", so die Erkenntnis des Kölner Kabarettisten, der sich auch herrlich selbstironisch ausließ über veganen Lebensstil und das Schicksal als Selbstversorger im eigenen Garten, über "Crystal Mett" und den beim Italiener spendierten Limoncello, der doch stark an einen Schluck aus der WC-Ente erinnere.

Man darf den 34-Jährigen allerdings nicht auf solche Gag-Salven reduzieren, auch wenn er dem Publikum im vollbesetzten Spiegelzelt zwischen den Pointen kaum Zeit zum Luftholen lässt, insbesondere nach der Pause, als man sich an sein teils irrwitziges Tempo gewöhnt hat.

Denn Martin Zingsheim ist auch ein Schnellsprecher, dessen Wortkaskaden ihresgleichen suchen, egal ob beim Versuch vegan zu sprechen, der in einer nicht endenwollenden Abfolge tierischer Redewendungen mündet oder bei seinem Rundgang durch die Musik seine Jugend. Ohne Tempolimit kalauert er sich durch die "Neinties", ganz nach dem Motto "Wir hatten keine Lieder, was wir hatten, das war Pech". Der studierte Musikwissenschaftler ist nämlich nebenbei auch noch ein begnadeter Pianist und guter Sänger, der seine wohltönende und kabarettistisch wandlungsfähige Stimme noch mehrmals ertönen lässt.

Der promovierte Philosoph kann auch anders, hat bissige und nachdenkliche Momente im Repertoire: Wenn er sinniert, ob Elektroschocks humaner sind, wenn man sie mit Ökostrom betreibt oder wenn er klarstellt, dass der Islam selbstverständlich zu Deutschland gehört, "allein schon wegen des Antisemitismus".

Die stärksten Momente sind seine absurden Nummern, wenn er durchspielt, was wäre, wenn althippieske Museumsbesucher und Hooligans im Stadion die Rollen tauschen würden oder wenn er die Frage stellt, was passieren würde, wenn heute einer käme und sagen würde, er wäre der Sohn Gottes. Das Publikum ist begeistert und erklatscht sich seine Zugaben. Der Künstler bedankt sich für die gute Versorgung: "Fast wie Pflegegrad 3".