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18. Oktober 2008

Lieder, so deutsch wie der Wilde Westen

Holger Saarmann und Vivien Zeller mit Collage von Worten und Klängen im Geiste von Karl May

  1. Vivien Zeller und Holger Saarmann Foto: Anne Freyer

STAUFEN. Bei Geld denkt der Mitteleuropäer offenbar sofort an Amerika (zur Zeit in der Tat von beklemmender Aktualität). Das Duo Vivien Zeller und Holger Saarmann fiedelte, klampfte und sang Auswandererlieder unter dem Titel "Winnetou ist ein Christ", womit auch gleich auf einen Programmschwerpunkt hingewiesen wäre: Karl May, den sächsischen zunächst glücklosen Lehrer und Kleinkriminellen und dank seinem Freiburger Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld höchst erfolgreichen Autor von Literatur für die Jugend von acht bis achtzig.

Fehsenfeld hatte den über 70 Abenteuergeschichten aus der Feder Karl Mays das einheitliche Aussehen gegeben, das ihnen bis heute ihren hohen Wiedererkennungswert beschert. Aus einem dieser berühmten "grünen Bände" streute Holger Saarmann immer wieder Textpassagen zwischen die Lieder, mit Recht: May, der bekanntlich nie in Amerika war, hatte sein Wissen über die Neue Welt vorwiegend aus Berichten von Auswanderern und über sie bezogen.

Da nicht nur die Armut, sondern auch die Religion und ihre oft eingeschränkte Ausübung in der Alten Welt ein starkes Motiv zum Auswandern war, widerfuhr dem Apachen Winnetou bei May denn auch kurzerhand die Missionierung, was der mal wehmütigen, mal heiter-ironischen Zwei-Personen-Show den Titel gab.

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"Lieder, so deutsch wie der Wilde Westen" brachten die beiden Künstler aus Berlin zu Gehör, und das erstaunlich authentisch sowohl musikalisch als auch in der Diktion, waren doch beide nach eigenem Bekunden noch nie dort gewesen. Vieles hatten die Neubürger aus Europa vom 19. Jahrhundert an nach Pennsylvania mitgebracht, vieles aber auch "drüben" neu komponiert und gedichtet.

In den Liedern geht es meistens um alltägliche Abläufe und Verrichtungen, um das liebe Vieh, um die Ernte und die Liebe. Oft ist zu spüren, wie die bäuerlich geprägten Pioniere mit Galgenhumor den unerwarteten Widrigkeiten der Neuen Welt zu begegnen versuchten. Hörbar wird auch, wie sie sich allmählich akklimatisierten, etwa durch Aufnahme neu gelernter englischer Wörter in den heimischen Dialekt. Der klare Tenor des Liedermachers Holger Saarmann, der stark an Reinhard Mey erinnert, passt wunderbar sowohl zu den Cowboy- und Goldgräber-Songs in englischer als auch zu den Auswandererliedern in vorwiegend pfälzisch-schwäbisch-hessischem Idiom. Vivien Zeller steuerte kongenial die Zweitstimme, vor allem aber ihr sensibles Spiel auf der Geige bei, das weit über die schlichte Begleitung von Gitarre und Gesang und das vertraute Western-Gefiedel hinausging.

Lieferant für das Repertoire war, wie Holger Saarmann dankbar anmerkte, das Deutsche Volksliedarchiv in Freiburg gewesen, "das beste, das es in Deutschland gibt". Seine Leiterin Barbara Boock war selbst nach Staufen gekommen, um zu hören, wie ihre sorgsam gesammelten Lieder klingen.

Autor: fry