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09. Dezember 2015

Schüler diskutieren mit Politikern

Die Oberstufe des Faust-Gymnasiums in Staufen hat Kandidaten der Landtagswahl befragt / Großes Interesse am Flüchtlingsthema.

  1. Auf dem Podium (von rechts) Vincenz Wissler (FDP), Birte Könnecke (SPD), Bärbl Mielich (Grüne), Patrick Rapp (CDU). Am zweiten Tisch die Moderatorinnen Livia Heller (mit schwarzer Jacke) und Corinna Schätzle Foto: Rainer Ruther

STAUFEN. Am 13. März ist Landtagswahl – aber im Moment ist davon noch nichts zu spüren: Es hängen keine Wahlplakate, auf dem Markt sind keine Stände der Parteien aufgebaut, und es gibt keine Diskussionen mit Kandidaten. Oberstufenschüler des Faust-Gymnasiums haben dieses Datum aber schon im Blick: Sie haben am Montag vier Kandidaten zur Debatte in die Schule gebeten: Bärbl Mielich (Grüne), Birte Könnecke (SPD), Patrick Rapp (CDU) und Vincenz Wissler (FDP). Ein Experiment, das Jugendlichen wie Politikern neue Einsichten brachte.

"Auch wenn die wenigsten 18 Jahre alt sind und wählen dürfen – wir wollen Antworten auf unsere Fragen aus erster Hand." Das war die Motivation, um mit viel Mühe und Arbeit diese Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Zum einen galt es zu schaffen, dass alle vier Bewerberinnen und Bewerber an einem Datum Zeit hatten, nach Staufen zu kommen – und es galt vor allem, ihnen die Fragen, die Jugendlichen unter den Nägeln brennen, zu stellen. Antworten aus erster Hand versprachen sich die Organisatoren – und anstelle von Floskeln bekamen sie die auch.

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Das lag zum einen an der guten Vorbereitung. Über Wochen waren Schülerinnen und Schüler des Neigungskurses Gemeinschaftskunde am Faust durch die Klassen der Oberstufe gezogen und hatten Fragen an die Politiker gesammelt. Dabei ergab sich ein erstaunlicher Schwerpunkt: nicht Bildungs- oder Jugendpolitik interessierte die Schüler, sondern das Flüchtlingsproblem. Auch wenn es nicht eine Sache ist, die allein auf Länderebene verhandelt und geregelt wird, sollten die Landespolitiker Stellung nehmen: Wie will Ihre Partei das Problem der Flüchtlinge in den Griff bekommen? Sollen Familienmitglieder nachziehen dürfen? Wie gelingt eine Integration der Flüchtlinge in unserer Gesellschaft? "Schließlich", so sagte eine Schülerin, "ist das unsere Zukunft, unsere Aufgabe, diese Menschen zu integrieren."

Angesichts der nachdenklichen Antworten und des fairen Umgangs der vier auf dem Podium miteinander wünschte man sich als Zuschauer diese Art von Debattenkultur auch für die politische Auseinandersetzung im Landtag oder im heraufziehenden Wahlkampf. Ausreden lassen, zuhören, die Fragen beantworten und nicht vom Thema abschweifen – konzentriert, knapp und kurz kamen die Statements, getrieben von den beiden Moderatorinnen Livia Heller und Corinna Schätzle, die darauf achteten, dass sich die Redner an die vorgegebene Redezeit hielten.

Klar wurde sehr rasch, dass sich die vier in vielem einig waren: Es gelte, die Herausforderung durch den Zuzug von so vielen Menschen anzunehmen. Wohl sei zu unterscheiden zwischen Asylanten und Flüchtlingen auf der einen Seite und Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen zu uns kommen. Denjenigen, die bei uns bleiben können, müsse eine Perspektive gegeben werden: Bildung, Arbeit, eine Bleibe, auch der Nachzug ihrer Familien. Zu verhindern gelte es, dass sich Parallel-Gesellschaften bildeten. Ideen seien gefragt, zum Beispiel eine Integration über Sport und Musik oder mit Hilfe von Ehrenamtlichen, die professionell begleitet und unterstützt werden sollten. Abbau der Bürokratie und raschere Entscheidungen der Behörden, mehr Deutschkurse, mehr Lehrer, schnellere Arbeitsaufnahme, Bau von Wohnungen – all das direkt aus dem Mund der Politiker zu hören und nicht in der Zeitung oder im Internet zu lesen, bedeutete den Schülern viel, wie sie nach der Veranstaltung sagten.

Zweites Thema: die Terrorgefahr, die offenbar viele Jugendliche beunruhigt. Hier hörten sie vom Podium unisono: Freiheiten werden nicht beschnitten, wir lassen uns nicht von Panik anstecken, wir alle sollten keine Angst zeigen und uns nicht einschränken lassen. Bildungspolitik stand an dritter Stelle bei den Zuhörern, und hier wurden dann auch die ersten Unterschiede auf dem Podium deutlich, bei der Gemeinschaftsschule etwa oder bei der Frage, wie man das Niveau des Abiturs halten kann. Der Vorschlag eines Schülers lautete: "Nicht jeder Trottel sollte aufs Gymnasium"; man sollte die verpflichtende Grundschul-Empfehlung wieder einführen, die Rot-Grün abgeschafft hatte, und mehr darauf achten, dass sich der Unterricht nicht am Schwächsten orientiert und das Niveau absinkt. Ganz offenbar machen sich diejenigen, die bald die Reifeprüfung ablegen, Gedanken darüber, welchen Wert das Abitur noch hat. Am Ende gab es großen Beifall, und Lob vom Podium: für spannende Fragen, die gute Vorbereitung und Leitung und für die Tatsache, dass sich die Schule Politiker ins Haus geholt habe, um wichtige Inhalte zu transportieren.

Autor: Rainer Ruther