Prozess

Staufener Missbrauchsfall: Angeklagter entwickelte Drehbuch für Kindesmissbrauch

Carolin Buchheim

Von Carolin Buchheim

Do, 07. Juni 2018 um 16:15 Uhr

Staufen

Zwei Männer verabreden sich zum Missbrauch eines Kindes – und besprechen detailliert, wie dieser ablaufen soll: Am zweiten Verhandlungstag im Prozess gegen Jürgen W. sagte Christian L. als Zeuge gegen den angeklagten Schweizer aus.

Der Prozess gegen den 37-jährigen Jürgen W. ist die dritte gerichtliche Aufarbeitung im Staufener Kindesmissbrauchsfall vor dem Landgericht Freiburg. Christian L. und Berrin T. sollen den neunjährigen Sohn von Berrin T. und ein dreijähriges Mädchen aus ihrem Bekanntenkreis missbraucht haben und den Jungen gegen Geld weiteren Männern zum Missbrauch überlassen haben. Einer von ihnen soll Jürgen W. sein.Das Gericht hat vier Verhandlungstage eingeplant und in der Sache sechs Zeugen und einen psychiatrischen Sachverständigen geladen. Zwei Männer, die das Kind missbraucht haben, wurden bereits verurteilt: Markus K. aus dem Breisgau zu zehn Jahren Haft und Sicherungsverwahrung; der Bundeswehrsoldat Knut S. aus dem Elsass zu acht Jahren Haft; Knut S. hat Revision beantragt.

Weiterer Gang des Prozesses

15.30 Uhr: Da ein Verfahrensbeteiligter einen Termin hat, wird die Verhandlung für heute beendet. "Sie müssen dann noch einmal kommen", sagt der Vorsitzende Richter zu Christian L. "Keine Sorge, ich haue nicht ab", antwortet der. Der Prozess wird am 21. Juni 2018 fortgesetzt.

Aussage von Christian L.

13.10 Uhr: Nächster Zeuge ist Christian L., der mutmaßliche Haupttäter. Der Prozess gegen ihn und gegen Berrin T. beginnt am kommenden Montag in diesem Saal. L. hat seit seiner Aussage im Prozess gegen Markus K. seine Frisur gewechselt, hat keinen kurzen Irokesen-Schnitt mehr, sondern trägt zum Ziegenbart jetzt die Haare gleichmäßig kurz, und ist mit Jeans, T-Shirt und einer Steppweste bezogen. Bevor er seine Aussage beginnt, lässt er sich vom Vorsitzenden Richter noch einmal erklären, welchen Umfang sein Auskunftsverweigerungsrecht nach §55 STPO hat, beziehungsweise ob er in seiner Aussage neue Informationen geben könne.

L. beginnt. "Der Kontakt mit dem Angeklagten besteht schon seit 2015", sagt er. Im April 2016 habe die Kriminalpolizei Freiburg eine Hausdurchsuchung durchgeführt und ihn darüber informiert; er sei nicht im Haus gewesen, habe jedoch einen Laptop bei sich getragen. Er habe noch genug Zeit gehabt, einen Laptop mit reichlich Kinderpornographie und Missbrauch-Videos, die ihn und den Jungen zeigten, bei seiner Schwester zu verstecken. L. beschreibt, wie er danach wieder im Darknet tätig war, und in einem einschlägigen Forum "Alphaville" als Moderator kennenlernte. Moderatoren hatten dort Administratoren-Rechte, posteten Bilder. "Ich war circa drei, vier Monate lang dort tätig", sagt L. "Dann gab es aber wohl eine Polizeiaktion und im Sommer 2015 wurde die Seite geschlossen." Mit dem Betreiber der Seite und anderen Moderatoren habe er Kontakt über Tor-Messenger behalten; einer habe schließlich den Kontakt zu "Alphaville" vermittelt. Da habe Christian L. festgestellt, dass man sich bereits aus dem Forum gekannt habe.

"Es ist schon so, dass es nicht ums Finanzielle geht."Christian L.
L. beschreibt ein erstes Treffen in Staufen, das gescheitert sei, weil man sich gegenseitig nicht erkannt habe. Dann beschreibt er das zweite Treffen im Wald, bei dem der Angeklagte sich als Polizist ausgab und das Kind missbrauchte. "Es war relativ leicht", sagt Christian L. "Man hätte ihm nichts vorspielen müssen. Ich habe mir nur gedacht, vielleicht macht es das ein bisschen leichter."

Der Vorsitzende Richter will mehr über seine Motivation wissen. "Es ist schon so, dass es nicht ums Finanzielle geht", sagt Christian L. Eigentlich "stünde er nicht auf Jungen". Richter Bürgelin fragt nach, warum der Spanier, der als erster Kunde den Jungen missbrauchte, Summen in Höhe von mehreren Tausend Euro zahlte, der heute Angeklagte, der das Kind danach missbrauchte, jedoch nur geringe Summen. Der Spanier habe die hohen Summen gleich selbst angeboten, der Angeklagte sei zur Tatzeit aber wohl arbeitslos gewesen, daher habe er weniger gefordert. Gefilmt worden sei für den Eigenbedarf. Nach der ersten Tat habe "Alphaville" den Zugang zu zwei weiteren Foren ermöglicht. "Er war schon im Darknet bekannt dafür, dass er Kontakt zu pädosexuellen Frauen suchte", sagt Christian L.

Richter Bürgelin fragt detailliert zu den drei Taten nach, will wissen, wer welchen Teil des jeweiligen Drehbuchs bestimmt hatte, welche einzelnen Missbrauchshandlungen abgesprochen waren. Ein Abflauen des Kontakts nach dem ersten Treffen will Christian L. bei Jürgen W. nicht bemerkt haben. "Wir haben noch am gleichen Abend wieder miteinander geschrieben, in den Tagen und Wochen darauf auch mal bis drei, vier Uhr."
Christian L. gefällt sich in seiner Rolle als Zeuge der Anklage. Er hört sich offensichtlich gerne reden, erzählt viele Details, antwortet ausführlich und selbstverständlich die Fragen zur Tatausführung, gibt vor, jetzt zu kooperieren, damit das Kind den Missbrauch irgendwann verarbeiten könne. "Dass ich der Haupttäter bin, ist absolut richtig", sagt er irgendwann. Dass er das Kind im Darknet angeboten habe, sei allerdings so nicht korrekt. "Das klingt, als hätte ich eine Kontaktanzeige aufgegeben. [Junge], 9 Jahre. Ich habe ihn nur im Tor-Messenger angeboten."

Dann wird es kleinteilig; detailliert geht es – meist am Richtertisch - um einzelne Chats, Namen in Buddylisten, Fotos.

Antrag auf Ladung eines weiteren Zeugen

11.55 Uhr: Staatsanwältin Nowak bittet um die Ladung eines BKA-Ermittlers, der zu den Aktivitäten des Angeklagten in Darknet-Foren aussagen kann. Verteidiger Phleps tritt dem Antrag entgegen. Nebenklagevertreterin Ravat unterstützt den Antrag, diese Informationen seien wichtig, um festzustellen, mit welcher Intensität der Angeklagte seinen Interessen nachgegangen sei. Auch Gutachter Pleines unterstützt den Antrag. Bis 13 Uhr ist die Verhandlung für eine Mittagspause unterbrochen.

Aussage des Ermittler W.

10.55 Uhr: Zweiter Zeuge ist der Ermittler W. von der Kriminalpolizei Freiburg. "Ich habe viel in diesem Fall ermittelt", sagt er zu Beginn mit klarer Stimme. Fünf oder sechs Mal habe er den Angeklagten vernommen. "Er hat zugegeben, dass er der Alphaville war", sagt W. "Und mir auch bald gesagt, wo ich die Dateien finde, die für mich wichtig sind." Ein handschriftliches Geständnis des Angeklagten, dass dieser in der Haft in Österreich anfertigte, habe er gesichert und gelesen.

W. erzählt von der Aussagen des Angeklagten über den ersten Missbrauch. "Er hat gesagt, er sei überfordert gewesen", sagt W. "Überfordert, das war sein Lieblingswort." Vor dem zweiten Missbrauch hätten Christian L. und er daher ein Drehbuch entwickelt, und den Missbrauch dementsprechend durchgeführt. Danach hätte Jürgen W. nach eigenen Angaben keinen Kontakt mehr mit Christian L. gehabt.

"Wir müssen davon ausgehen, dass wir nicht von allem Aufnahmen haben." Ermittler W.
Der Ermittler spricht über die Videoaufnahmen. "Wir müssen davon ausgehen, dass wir nicht von allem Aufnahmen haben", sagt er. Der Ermittler schildert, wie versucht wurde, die genauen Termine der Taten festzustellen, zu ermitteln, wann welches Video aufgenommen wurde. "Ab der vierten Vernehmung wurde es ein bisschen schwierig", sagt W., dabei habe der Angeklagte Jürgen W. sich geweigert, die Videos der Taten sehen zu wollen.

"In der Zwischenzeit war wohl der Herr Pleines bei ihm gewesen", sagt W. in Bezug auf den psychiatrischen Gutachter. "Da wurde er ein bisschen vorsichtiger." Dem Ermittler gegenüber hatte der Angeklagte behauptet, er habe sich nach den Taten nicht mehr mit Kinderpornographie beschäftigt, das hätten die Ermittlungen nicht bestätigt: Noch kurz vor der Festnahme habe er Kinderpornographie auch mit Babys und Kleinkindern konsumiert und in verschlüsselten Chats auf seinem Smartphone darüber kommuniziert. "Da ist es ganz übel geworden", sagt der Ermittler.

Der Angeklagte habe versucht, weitere Treffen durchzuführen, sei auf der Suche nach pädosexuellen Frauen gewesen, um mit deren Einwilligung ihr Kind zu missbrauchen: "Er wollte unbedingt eine treffen." Hinweise auf tatsächlich erfolgte Treffen und weitere Missbräuche habe es jedoch nicht gegeben. "Es gibt ja gottseidank wenige wie den L., die es durchziehen", sagt der Ermittler.

"Man soll den Eindruck haben, dass die Initiative von ihm ausgeht." Ermittler W.
Staatsanwältin Nowak fragt nach, was die Mutter des Angeklagten wisse. "Bis vorgestern wusste sie nicht, was genau der Vorwurf hier ist", sagt er. "Da hat er es ihr wohl erzählt." Für sie sei der Angeklagte immer noch "der guter Bub".

Novak stellt eine Nachfrage zum Video der ersten Tat und einer Unterhaltung zwischen dem Angeklagten und dem Jungen. "Es fängt damit an, dass er sich als Polizist ausgibt", sagt W. Später sei es in dem Gespräch um die Mutter gegangen."Mutter ist die Gute, die macht Essen", zitiert W. den Jungen. "Zwei Sätze später sagt er dann allerdings, dass sie es wisse. Er versucht aber, sie herauszuhalten."

Aussage des Ermittlers B.

9.55 Uhr: Erster Zeuge des zweiten Verhandlungstages ist der Polizist B., der das Ermittlungsverfahren für den gesamten Staufener Missbrauchsfall vom LKA übernommen hat; er hat auch in den ersten beiden Verfahren ausgesagt. B. fasst noch einmal den Gang der Ermittlungen zusammen, berichtet vom anonymen Hinweisgeber, der LKA und BKA informierte, die darauf folgende erfolglose Schulfahndung, die Ermittlungen unter bereits straffällig gewordenen Sexualstraftätern und die Festnahme von Christian L. und Berrit T. in Münstertal.

"Der Herr L. war von Anfang an willig, mitzuwirken", sagt der Ermittler; L. habe alsbald von drei weiteren Tätern erzählt - den bereits verurteilten Markus K. und Knut S. sowie "Alphaville", einen Österreicher der Markus hieße und das Kind zweimal missbraucht hätte. Man habe sich im Darknet kennengelernt, "Alphaville" sei Administrator eines Boards gewesen. Unter anderem habe man in einem Pädophilen-Rollenspielchat kommuniziert.

B. beschreibt Christian L.s Aussage zum Missbrauch des Kindes durch Jürgen W., die Absprache, dass W. Christian L. und das Kind überraschen werde, sich als Polizist ausgeben und dem Kind drohen würde. Zunächst habe L. zwei Missbräuche des Kindes durch Jürgen W. angegeben, bei einer Tatortbegehung dann einen dritten. Der Vorsitzende Richter Stefan Bürgelin will wissen, ob L. bewusst gelogen habe. "Nein", sagt B. "Es ist eher anzunehmen, dass es ihm entfallen war." Dann will er wissen, was Christian L. motiviert habe, das Kind anzubieten. "Er hat gesagt, dass er eigentlich auf Mädchen stehe," sagt der Beamte. Zu Mädchen hätte er keinen Zugang gehabt. "Es hätte ihn erregt, wenn zuvor andere Männer [das Kind] missbraucht hätten." Finanzielle Interesse habe Christian L. nicht gehabt. Bei Berrin T. sei das anders gewesen. Sie hätte laut Christian L. großes Interesse daran gehabt, dass nur der "Spanier" das Kind missbrauche. Der sei der einzige Mann gewesen, der "richtig hohe Summen" gezahlt habe.

L. kooperiere jetzt, weil er Interesse hätte, seine Strafe gering zu halten – und auch gerne "Teil des Ermittler-Teams" sei. Im Fall Daniel V., der in Karlsruhe festgenommen wurde, habe Christian L. großes Interesse gehabt, dass dieser festgenommen werde: V. habe sich verabreden wollen und hätte Interesse daran bekundet, den Jungen nach dem gemeinsamen Missbrauch grausam zu töten.

Dann werden, wie schon in den ersten beiden Prozessen, Videos von einer Begehung der Tatorte der Polizei mit Christian L. gezeigt; L. zeigt eine Bank am Rand von Staufen vor, beschreibt das Treffen mit und den Missbrauch des Kindes durch "Alphaville" in unmittelbarer Nähe im Wald. Jürgen W. schaut aufmerksam auf den Videoschirm. "(Das Kind) hat geglaubt, dass er tatsächlich Polizist ist", sagt Christian L. an einer Stelle.

"Alphaville wollte, dass ich das nicht aufkläre für weitere Treffen." Mit der ihm eigenen Gleichgültigkeit beschreibt Christian L. an einem anderen Tatort eben diese weiteren Treffen, beschreibt mit großer Selbstverständlichkeit grausame Details zwei weiterer Missbräuche. Alle drei Taten wurden gefilmt: sowohl von Jürgen W., als auch von Christian L.

Ermittler B. beschreibt, dass Ermittlungen des BKA in Bezug auf den Rollenspiel-Chat gezeigt hätten, dass der Angeklagte dort mehr Rechte als ein normaler Nutzer gehabt habe.

Staatsanwältin Nikola Novak befragt den Ermittler, will mehr wissen über die Kontaktlisten des Angeklagten im Tor-Chat, seine Kommunikation in Foren, dann stellt sie ihm Fragen zur den Videos, die auf den diversen Festplatten des Angeklagten gefunden wurden. "Das war Kinderpornographie mit extremer Gewalt, Gewaltexzessen", sagt B. "Das ist unbeschreiblich." Selbst der erfahrene Ermittler sei davon erschüttert gewesen.
Prozess gegen Mutter und Lebensgefährten

Der Prozess gegen Christian L. und die Mutter des Jungen, Berrin T. beginnt am 11. Juni am Landgericht Freiburg. Auch gegen einen Mann aus Spanien, der für den Missbrauch des Kindes mehrere tausend Euro gezahlt haben soll, soll noch in Freiburg verhandelt werden. Am gestrigen Dienstag wurde ein Mann aus Neumünster, mit dem Christian L. sich zum wechselseitigen Missbrauch der jeweils eigenen Kinder verabredet hatte, wegen Missbrauchs seiner siebenjährigen Tochter zu sieben Jahren und drei Monaten Haft verurteilt.

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