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31. Dezember 2016

"Teil der chinesischen Brautfamilie"

Seit zehn Jahren pflegt das Faust-Gymnasium einen Schüleraustausch mit Schanghai / BZ-Mitarbeiterin schildert ihre Erfahrungen.

  1. 2016 feierte Franziska Brandsch (Zweite von links, mit ihrem Freund Julian Geng) in Schanghai die Hochzeit ihrer chinesischen Freundin Fan Zhen (Mitte, mit ihrem Bräutigam Shao Qin). Und nicht nur sie: Auch Franziskas Mutter Elke (rechts neben der Braut) und ihr Bruder Johannes (mit seiner Freundin Julia Rödiger) waren eingeladen. Foto: privat

  2. Im Sommer 2007 besuchten Franziska Brandsch (links) und Fan Zhen die Pfahlbauten in Unteruhldingen am Bodensee. Foto: Privat

  3. Ebenfalls 2007, im September, reiste eine Schülergruppe des Faust-Gymnasiums nach China. Begleitet wurde sie von den Lehrern Jürgen Eberbach (hinten, rechts) und Winfried Sturm (Achter von rechts, stehend). Foto: privat

STAUFEN. Vor zehn Jahren fand der erste Schüleraustausch zwischen dem Faust-Gymnasium in Staufen und einer Partnerschule in Schanghai statt. Als 2006 die erste Gruppe chinesischer Schüler nach Staufen kam, lernte ich Zhen kennen. Meine Austauschpartnerin war damals schon 17, ich erst 13 Jahre alt. Trotz des Altersunterschieds entwickelte sich eine echte Freundschaft, die bis heute andauert. Zhen ist zu einem richtigen Familienmitglied geworden. Sie ist an Weihnachten, Ostern und Familienfesten immer dabei. Auch ich habe sie schon mehrfach besucht. Diesen Sommer war ich auf ihrer Hochzeit in Schanghai.

Zehn Jahre besteht der Schüleraustausch zwischen dem Faust-Gymnasium Staufen und der Shanghai Shidong Middle School mittlerweile. Ins Leben gerufen haben ihn Jürgen Eberbach, Lehrer am Faust-Gymnasium, und seine Frau Wen Mao-Eberbach, Leiterin der Chinesisch-AG am Faust. Zhen und ich gehörten im Sommer 2006 zu den ersten Teilnehmern. Wir verstanden uns von Beginn an blendend – trotz der Sprachbarriere. Denn obwohl Zhen einen Deutschkurs in ihrer Schule besuchte und ich am Chinesisch-Unterricht des Faust teilnahm, unterhielten wir uns hauptsächlich auf Englisch. Und dabei ist es bis heute geblieben.

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2007 verbrachte Zhen wieder den Sommer bei uns, dieses Mal blieb sie sogar zwei Monate. Insgesamt verbrachten damals vier Schüler aus Schanghai den Sommer bei deutschen Gastfamilien, so dass wir gemeinsam Ausflüge machen konnten. Wir haben Zhen auch gezeigt, wie man Fahrrad fährt, sind gemeinsam ins Schwimmbad gegangen und zu meiner Oma an den Bodensee gefahren. Als der Aufenthalt sich dem Ende zuneigte, fiel uns der Abschied jedoch nicht allzu schwer, denn im September desselben Jahres besuchte ich Zhen und ihre Klassenkameraden in Schanghai, mit etwa 30 weiteren Schülern des Faust-Gymnasiums.

Drei Wochen verbrachten wir in China, von denen wir die erste Hälfte in den Gastfamilien untergebracht waren und die zweite Hälfte noch in weitere Städte wie Peking und Wuhan reisten. Diese drei Wochen waren eine unglaubliche Zeit. Wir sammelten viele neue Eindrücke, gewannen Einblicke in eine fremde Kultur und lernten viele neue Menschen kennen. Der Abschied fiel uns dieses Mal sehr schwer, denn wir wussten beide nicht, wann wir uns wiedersehen würden. Glücklicherweise sollten wir uns in den darauffolgenden Jahren aber noch oft begegnen. Zhen absolvierte sogar ihr Masterstudium in Dresden und verbrachte in den Semesterferien viel Zeit bei uns in Staufen. Auch ich besuchte Zhen regelmäßig in Schanghai, genauer gesagt alle drei Jahre: 2010, 2013 und 2016.

Als wir uns vor zehn Jahren kennenlernten, waren wir beide fast noch Kinder, und vermutlich konnten wir uns gerade deshalb so schnell anfreunden. Mittlerweile ist aus der kindlichen Freundschaft mehr geworden. Zhen ist zu einem richtigen Familienmitglied geworden. Sie ist an Weihnachten, Ostern und Familienfesten immer dabei gewesen.

Und nicht nur für mich war es unvorstellbar, dass sie dieses Jahr an Weihnachten zum ersten Mal nicht kommt. Auch meine Eltern und meine Brüder konnten sich das kaum vorstellen. Deshalb war es für meine Familie und mich eine umso größere Freude und auch eine große Ehre, Zhens Hochzeit diesen Sommer in Schanghai mitfeiern zu können.

Nachdem Zhen und ihr Verlobter Qin uns die Einladung geschickt hatten, begannen wir mit der Reiseplanung. Wir beschlossen, ein paar Tage vor der Hochzeit nach Schanghai zu fliegen, um noch ein bisschen mehr Zeit mit Zhen zu haben. Im Anschluss wollten wir nach Hongkong weiterreisen. Die insgesamt zehntägige Reise und vor allem die Hochzeit sollten jedoch noch überwältigender werden, als wir uns das ausmalen konnten.

Mitte Juli war es soweit: Wir flogen nach Schanghai. Der Tag begann nicht nur für das Brautpaar sehr früh, sondern auch für uns, denn aufgrund unserer engen Freundschaft wurden wir alle zur Brautfamilie gezählt. Wir durften daher die traditionellen familiären Zeremonien miterleben, bei denen die Großeltern und Eltern des Brautpaares ihren Enkeln und Kindern rote Umschläge mit Geld überreichen, um ihnen eine glückliche Zukunft zu wünschen.

Erst danach ging es für die ganze Familie zum eigentlichen Ort der Hochzeit, dem Schanghai Tower. Gegen 16 Uhr durften die Hochzeitsgäste nach oben auf die Aussichtsplattform des Turms. Von dort aus hatten wir einen atemberaubenden Blick über ganz Schanghai. Als wir wieder nach unten kamen, trafen schon die ersten Gäste ein, die nicht zum engsten Familienkreis gehörten. Insgesamt waren rund 500 Freunde und Verwandte eingeladen.

Das Brautpaar ließ sich mit jedem ankommenden Gast fotografieren. Währenddessen gab es für die anderen Gäste verschiedene kleine Kuchen. Wir bestaunten auch die Hochzeitstorte, auf der ein großes Brautpaar aus Marzipan thronte. Wir vermuteten, dass die beiden die Torte zu späterer Stunde anschneiden würden. Jedoch erklärten sie uns am nächsten Tag, dass es in China nicht üblich sei, die Torte überhaupt anzuschneiden, geschweige denn zu essen. Stattdessen bewahrt das Brautpaar die Torte als Erinnerung auf.

Das Programm des Abends, das moderiert wurde, war sehr abwechslungsreich. Zuerst gab es eine kleine Zeremonie, ähnlich wie in Deutschland. Die Braut wurde von ihrem Vater über einen langen Gang zum Bräutigam gebracht, der vorne wartete – allerdings nicht vor dem Altar, sondern auf einer großen Bühne vor einer Leinwand. Beide sprachen ihre Ehegelübde – natürlich auf Chinesisch. Obwohl wir wenig verstanden, war es sehr emotional. Man spürte sogar in dieser riesigen Menschenmenge, wie sehr sich die zwei lieben. Als der Bräutigam auf der Bühne ein Liebeslied für Zhen sang, schmolzen alle dahin. Im Hintergrund flimmerten Fotos der beiden über die Leinwand. Zhen und Qin kennen sich schon aus Kindertagen.

Im Festsaal standen 51 Tische mit jeweils zehn Plätzen. Das Brautpaar saß mit ihren Trauzeugen an Tisch 1 und wir saßen mit der engen Familie direkt daneben an Tisch 2. Geschmückt war der Saal mit vielen großen und kleinen Blumen, in Pink und Rosa, sowie mit allem, was glitzert und blinkt. Auch wenn sich das sehr nach Kitsch anhört, passte alles gut zusammen.

Ein Liebeslied

für die Braut

Wir sind aus Deutschland einfach anderes gewöhnt und deshalb war diese riesige Hochzeit so überwältigend. Allerdings war es auch für chinesische Verhältnisse keine normale Hochzeit. Die sieben Foto- und Videographen, das 15-Gänge-Menü mit Hummer in Käsesoße, Angus-Rind, Nudeln, Reis, Gemüse und Früchten oder die sechs verschiedenen Brautkleider waren schon sehr außergewöhnlich.

Ganz anderes als in Deutschland ist zudem, dass in China die Hochzeitsfotos üblicherweise bereits ein Jahr vor dem Fest gemacht werden. Hierfür gibt es spezielle Studios, in denen man Hochzeitskleider und Anzüge mieten kann, um dann in verschiedenen Outfits und an mehreren Locations Fotos zu machen.

Das Hochzeitsfest endete mit einer Aftershow-Party um 21 Uhr im Garten, bei der reichlich getanzt wurde. Lange dauerte sie jedoch nicht, da der Tag für das Brautpaar schon sehr früh begonnen hatte. Für das Ehepaar ging es bald danach zur Hochzeitsreise auf die Malediven. Wir flogen weiter nach Hongkong und anschließend wieder nach Hause. Diese außergewöhnliche Hochzeit hätte ich ohne den Schüleraustausch nie miterleben können. Ich habe eine chinesische Schwester dazugewonnen.

Franziska Brandsch (23) ist in Staufen aufgewachsen und hat dort das Faust-Gymnasium besucht. Mittlerweile hat sie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg ihr Bachelor-Studium in English and American Studies abgeschlossen.

Autor: Franziska Brandsch