Vom Handwerk zur Kunstform

Anne Freyer

Von Anne Freyer

Do, 13. Juli 2017

Staufen

Neue Ausstellung im Keramikmuseum Staufen eröffnet.

STAUFEN. Bewegte Tage liegen hinter dem Staufener Keramikmuseum. Los ging’s mit der Eröffnung der Studio-Ausstellung "Blütenklecks auf Schalenrand und Vasenwand" mit Arbeiten von Beatrix Sturm-Kerstan aus Kandern. Außerdem beteiligte sich das Museum an der Wettelbrunner Straße mit zwei Aktionstagen am Kunsthandwerkermarkt auf dem Schladererplatz.

Die Entwicklung der rein handwerklich betriebenen Töpferei zur eigenständigen Kunstform beschrieb Walter Lokau, der frühere Leiter des Staufener Museums, am Beispiel von Beatrix Sturm-Kerstan. Die Künstlerin gehöre der Generation der um 1960 Geborenen an, die in der Gestaltung von Ton ihr Selbstverwirklichungsziel suchten und fanden, behauptete er. Die Künstlerin widersprach nicht. Und ihre Arbeiten, die in Staufen zu sehen sind, bestätigen die Beobachtungen des erfahrenen Kunstexperten.

1957 in Lörrach geboren, habe sie gegen alle Widerstände ihren innigen Wunsch, das Töpfern zu lernen und zum Beruf zu machen, verwirklicht, so Lokau. In den Jahren zwischen 1975 und 1985 war die Töpferei ein Lehrberuf, in dem es weit mehr Lernwillige als Lehrstellen gab. Die Erklärung laut Lokau: Töpfern sei für junge Menschen zu jener Zeit eines der attraktivsten, angesagtesten Metiers überhaupt gewesen – Ursprünglichkeit und Kreativität, das Schaffen mit den eigenen Händen, Selbstverwirklichung und inhaltlich wie wirtschaftlich selbstbestimmte Unabhängigkeit, all das habe dieses Handwerk mit einem gewissen Nimbus der Alternative zu einer hochindustrialisierten, durchrationalisierten Gesellschaft umgeben.

Sturm-Kerstan habe trotz Ausbildung zur Lehrerin nie ihr Ziel aus den Augen verloren, als Keramikerin ihren Weg zu machen. Heute vereinen ihre Gefäße in sehr gelungener Weise den sowohl handwerklichen als auch den künstlerischen Charakter, den die Töpferei inzwischen weitgehend angenommen hat. Mit seinen temperamentvollen Eigenkompositionen auf dem italienischen Akkordeon namens "Ranco Guglielmo" trug Alfred Eckerle aus Freiburg zum Gelingen der Vernissage bei.

Bei den Aktionstagen konnten Besucher etwas über die Vorgeschichte des Keramikmuseums erfahren. Die Zweigstelle des Landesmuseums Karlsruhe hat ihren Sitz in einem Haus, das einst Wohn- und Arbeitsstätte des Staufener Töpfermeisters war: Josef Maier. Fast in jedem Ort habe es einen Töpfer gegeben, zumindest bis zur industriellen Herstellung von Geschirr, erläuterte Ina Zimmermann bei ihren Führungen. Die Werkstätten befanden sich stets außerhalb des Ortskerns – wegen der Brandgefahr durch das offene oder in speziellen Brennöfen entfachte Feuer.

Weitestgehend der traditionellen Töpferei, wenn auch mit frischen Gestaltungselementen, hat sich Jörg Treiber aus Ettenheim verschrieben, der sich bei der Herstellung von Gefäßen an der Drehscheibe über die Schulter blicken ließ. Hafner lebten früher nicht nur kreativ, sondern auch gefährlich. Sie arbeiteten in ungeheizten Werkstätten, der Umgang mit dem nasskalten Ton erhöhte das Risiko, an Rheuma und Tuberkulose zu erkranken. Die eigentliche Berufskrankheit war jedoch die Bleivergiftung, bekannt und berüchtigt als "Töpferkrankheit" mit Darmkoliken, Gelenkschmerzen, Störungen des Nervensystems und Lähmungen.

Aber nicht nur die Hafner, die den bei der Herstellung freiwerdenden Bleistaub einatmeten, waren gefährdet, sondern auch die Käufer, denn beim Kochen wurden bleihaltige Dämpfe freigesetzt. 1897 schränkte ein Gesetz die Verwendung bleihaltiger Glasuren ein; heute werden ungiftige Frittenglasuren benutzt. Dies und noch vieles mehr ist in der sehenswerten Ausstellung dokumentiert. Dort kommt auch Emma Bregger zu Wort, Tochter des Töpfers Josef Maier und Ehefrau des aus Bernau stammenden Töpfers Bregger, die als Frau den Beruf selbst nicht lernen durfte, jedoch für Vater und Ehemann eine unentbehrliche Hilfe war.

Die Ausstellung ist bis 20. August mittwochs bis samstags von 14 bis 17 Uhr und sonntags von 12 bis 17 Uhr zu sehen.