"In Afrika wird viel mehr gelacht"

Robert Bergmann

Von Robert Bergmann

Sa, 27. Oktober 2018

Steinen

BZ-INTERVIEW mit Dorothee Fleck, die am Freitag, 9. November, in Steinen ihr Buch über ihre Afrika-Radtour vorstellt.

STEINEN. Nach einer zweijährigen Radreise quer durch Afrika kehrte Dorothee Fleck Anfang des Jahres nach Deutschland zurück. BZ-Redakteur Robert Bergmann hat mit ihr über die Tour gesprochen und dabei auch wissen wollen, warum sich immer mehr Menschen vom Schwarzen Kontinent in Richtung Europa auf den Weg machen.

BZ: Ihre dritte längere Reise mit dem Drahtesel führte Sie durch 33 afrikanische Staaten. Seit wann sind Sie zurück?
Fleck: Ich bin seit Ende Januar wieder in Deutschland, habe aber zwischendurch schon eine Drei-Monats-Tour rund um die Ostsee absolviert. Das war nach der anstrengenden Afrika-Tour pure Erholung (lacht).

BZ: Was war denn bei dieser Tour Ihr beeindruckendstes Erlebnis?
Fleck: Da gab es viele beeindruckende Erlebnisse. Etwa, wenn mir bei auftretenden Problemen mal wieder einmal jemand hilfreich zur Seite stand. Und ständig haben mir Menschen weitergeholfen, wenn es mir schlecht ging. Einmal, als ich im Königreich Lesotho völlig verfroren und nass war, hat man mich gleich ins Haus geholt, mir heißes Wasser gegeben und alles dafür getan, dass es mir wieder besser geht. Das war sehr beeindruckend.

BZ: Unser Bild von Afrika ist eher das eines Kontinents, dessen Bewohner vor allem unsere Hilfe benötigen. Und wirklich fließen ja etliche Milliarden an Entwicklungshilfe. Haben Sie auf Ihrer Reise eine Idee davon bekommen, ob diese Hilfe auch ankommt?
Fleck: Wenn von dem vielen Geld überhaupt etwas ankommt, dann gelangt es nach meinem Eindruck nur zu sehr geringen Prozenten bei denen, die es wirklich brauchen. Denn leider ist Afrika nach wie vor ein ziemlich korrupter Kontinent. Von den Hilfsgeldern lässt sich auf der staatlichen Ebene sehr leicht so manches Sümmchen problemlos abzwacken. Und was die Hilfsgüter angeht, die in die Dörfer geliefert werden: Da verrottet ein beträchtlicher Anteil der High-Tech-Maschinen aus den USA oder Europa, weil es niemand versteht, sie zu bedienen oder weil der Strom fehlt. Mir hat in Äthiopien der Mitarbeiter einer Hilfsorganisation gesagt, dass alles prima laufe, solange seine Leute da sind. Sobald sie aber weggehen, verschwinden mit einem Mal die Geräte und werden privat genutzt. Insofern macht diese Art der Hilfe aus seiner Sicht wenig Sinn.

BZ: Einmal über das Thema Entwicklungshilfe hinaus geschaut, welche Stärken haben Sie entdeckt bei den Menschen Afrikas?
Fleck: Es ist ohne Zweifel ein hartes Leben, das die Afrikaner führen. Sie sind unter finanziellen Aspekten deutlich ärmer dran als wir Europäer. Auf der anderen Seite kennen sie nicht das, was ich gerne als soziale Armut bezeichne: Es gibt noch überall den sozialen Zusammenhalt, den wir hier in Europa so häufig vermissen. Klar ist natürlich, dass die Menschen ohne diesen Zusammenhalt einfach nicht überleben könnten. Ach ja, aufgefallen ist mir im Verlauf meiner Reise noch, dass in Afrika viel mehr gelacht wird, als bei uns. Dass es in Europa eine vergleichsweise hohe Selbstmordrate gibt, können die Leute nicht verstehen. "Ihr habt doch alles", sagten mir Dorfbewohner ungläubig, wenn ich versucht habe, ihnen zu erklären, dass es in Europa auch unglückliche Menschen gibt.

BZ: Das Bild vom armen, aber glücklichen Afrikaner scheint mir mit Verlaub ein wenig weich gezeichnet mit Blick auf Hunderttausende Schwarzafrikaner, die sich gerade auf den Weg nach Europa machen, weil sie sich hier ein besseres Leben erhoffen...
Fleck: Die afrikanischen Menschen, die ihre Heimat verlassen, haben ein Bild von Europa und insbesondere auch von Deutschland, wie es die dortigen Medien zeichnen. Und das ist eines, als ob überall in Europa wahrhaft paradiesische Zustände herrschen. Wer will denn auch nicht ins Paradies? Einmal in Deutschland, Spanien oder Dänemark angekommen, zeigt sich zwar schnell, dass es dieses Paradies nicht gibt. Das aber können die Flüchtlinge nicht zugeben, denen ihre Familien Unsummen zum Bezahlen der Schleuser vorgestreckt haben und die jetzt regelmäßig Geld heimschicken sollen. Und so wirkt die Erzählung immer weiter. Bilder von brennenden Flüchtlingsheimen werden im senegalesischen, malischen oder simbabwischen Fernsehen jedenfalls nicht gezeigt.

BZ: Haben Sie denn auf Ihrer Reise mal versucht, dieses geradezu märchenhafte Bild von Europa zu korrigieren?
Fleck: Ja natürlich. Ich habe ständig versucht zu erklären, dass es in Deutschland ein wenig anders aussieht, dass es auch bei uns Armut, Bettler und Obdachlosigkeit gibt. Dann waren meine Gesprächspartner bisweilen schon ein wenig schockiert. Aber wieweit ich damit wirklich durchgedrungen bin, weiß ich nicht.

BZ: In welcher Region Afrikas hat Ihnen das Radfahren eigentlich am meisten Spaß gemacht?
Fleck: Eine interessante Frage. Spontan würde ich behaupten auf dem Weg durch die Wüste von Marokko nach Mauretanien. Da hatte ich nämlich fantastischen Rückenwind und die Strecke war topfeben. Die 160 Kilometer bin ich an einem Tag – wutsch– durchgebraust. Das war toll!

BZ: Und wo haben Sie die nettesten Menschen getroffen?
Fleck: Von den Menschen her war wahrscheinlich Mali am interessantesten. Ich hatte erst erwartet, dass die vielleicht wegen ihrer großen Probleme nicht so offen sind. Tatsächlich aber haben sich die Menschen in Mali unglaublich gefreut, wo immer wir uns getroffen haben. Doch auch in Südafrika hatte ich tolle Erlebnisse mit der Bevölkerung dort – und zwar mit Weißen wie mit Schwarzen. Ich denke, das hat auch viel mit dem Radfahren zu tun. Dass man von soweit her geradelt kommt, imponiert den Leuten natürlich.

BZ: Haben Sie von Ihrer jüngsten Reise etwas mitgebracht, das Sie verändert hat?
Fleck: Ja, es hat mir schon einiges zum Nachdenken gegeben, dass es in Afrika bestimmte Zivilisationskrankheiten, wie das bei uns allgegenwärtig scheinende Aufmerksamkeits-Defizit Syndrom ADHS einfach nicht zu geben scheint. Und das mit dem viel weiter verbreiteten Lachen, dem sozialen Zusammenhalt hat mich schon nachhaltig beeindruckt. Ob es mich auch verändert hat, muss ich aber erst noch herausfinden (lacht).

BZ: Und wie geht es mit Ihnen jetzt weiter? Ist die nächste Zwei-Jahres-Tour schon in Planung?
Fleck: Wie es mit mir weitergeht, würde ich auch gerne wissen. Im Ernst: Ich würde gerne mein kommendes Leben etwas weniger "on Tour", sondern sozusagen teilsesshaftig planen. Soll heißen, die nächsten Radreisen werden wohl nicht mehr über ein zwei Jahre, sondern nur noch über drei bis vier Monate gehen. Den Rest der Zeit könnte ich mir vorstellen, als Beraterin zu arbeiten. Zum Beispiel für Kommunen, die ihre Gemeinde fahrradfreundlicher gestalten wollen.

BZ: Und haben Sie schon ein neues Reiseziel im Auge?
Fleck: Ja, die kanadische Wildnis würde mich mal reizen.

Infos: Dorothee Fleck wird einen Vortrag über ihre Afrikareise am Freitag, 9. November, 20 Uhr in der Aula des Schulzentrums halten. Das Buch "Als Frau allein mit dem Fahrrad rund um Afrika" gibt es vor Ort oder im Internet: dorothee-fleck.com
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