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31. Juli 2012

Bilanz

Stimmen-Festival 2012: Gesang, der unter die Haut geht

"Stimmen" bleiben sich treu und erfinden sich doch neu, sind das Spartenfestival geworden, das das Eigene und die Community-Idee entdeckt hat/.

  1. Markante Bühnen: Marktplatz, Wenken- und Foto: Barbara Ruda

  2. Foto: Barbara Ruda

  3. Rosenfelspark Foto: Ruda/Baas

  4. Helmut Bürgel Foto: Michael Baas

Merçan Dede, der 2006 im Rosenfelspark Elektrobeats und Sufi-Musik kreuzte oder der französische Rapper Abd Al Malik, der ebenda 2009 im strömenden Regen vor kaum 50 Zuhörenden auftrat: Das sind zwei Stimmen-Konzerte, die nachhallen. Solche Erinnerungsinseln, die im Strom des Alltags nicht wegschwemmt worden sind, hat Helmut Bürgel mit seinem Festival in den vergangenen 19 Jahren zuhauf kreiert: Da ist der bretonische Gwerz-Barde Denez Prigent, der 2004 im Rosenfelspark gastierte, oder der französische Bassklarinettist Denis Colin und die farbige US-Sängerin Gwen Matthews, die da 2007 die "Songs for Swans" vorstellten; da hat sich die Polin Aldona im Vorjahr im Riehener Wenkenpark ins Gedächtnis gesungen, oder die amerikanischen Avantgarde-Vokalistinnen Laurie Anderson (2007 im Burghof) und Meredith Monk, die 2004 und 2006 da war, Artists in Residence, wie Bobby McFerrin mit dem Opernprojekt "Bobble" und populäre Stars à la Bob Dylan, Leonard Cohen und Peter Fox, die 2001, 2008 und 2009 auf dem Lörracher Marktplatz spielten; da klingt aber auch das Echo der Chinesin Gong Linna aus der Fondation Beyeler 2008 im Ohr oder das der amerikanischen Folk- und Blues-Ikonen Randy Newman und Otis Taylor, die 2006 auf einer Weide beim Wasserschloss Inzlingen auftraten – Schauplätze, die längst wieder verschwunden sind von der "Stimmen"-Karte.

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Dieses kometenhafte Aufglühen einzelner Konzertorte aber zeigt nicht zuletzt eines: "Stimmen" war und ist immer ein offenes Experiment gewesen, das sich wiederholt gehäutet hat, häuten musste. Aus zwei, drei bekannten Namen, ein paar regionalen Projekten und einer Prise Weltmusik, den "Stimmen" der Premiere 1994, hat Helmut Bürgel das Festival mit Unterstützung weniger Helfer und Helferinnen, sowie ein paar Gönnern und Gönnerinnen durch annähernd zwei Jahrzehnte zu einem Kulturprodukt entwickelt, das Lörrach nicht nur auf der internationalen Festivallandkarte verortet hat, sondern das zur tragenden Säule eines kommunalen Kulturkonzeptes geworden ist, das mit dem Burghof im wahrsten Sinn des Wortes um die "Stimmen" herumgebaut worden ist.

Vor allem aber ist "Stimmen" bis heute – und das ist eine dritte Dimension, ja aus externer Sicht die eigentliche Pionierleistung – eine Initialzündung im Bemühen, Gesang als eigene Sparte zu etablieren. "Stimmen" ist das Spartenfestival für Gesang geworden und diese im Prinzip einfache Idee seit den Anfängen nie angetastet worden. Im Gegenteil: Der Keim wurde konsequent gepflegt. Heute widmet sich "Stimmen" wie kein Festival sonst allen Facetten, Stilen und Genres des Gesangs. "Ich habe mich immer an Stimmen orientiert", skizziert Bürgel die rote Linie im Rückblick. Anders als zeitweise kolportiert sei er dagegen nie der große Weltmusikfan gewesen. Entscheidendes Kriterium, die letzte Instanz war stattdessen immer der Gesang, "der unter die Haut geht." Insofern ist das aktuelle Programm mit dem Schwerpunkt Orpheus, dem Archetyp der verzaubernden, sprichwörtlich Tote zum Leben erweckenden Stimme, tatsächlich ein stimmiger Abschluss.

Dabei verlief die Entwicklung aber keineswegs kontinuierlich nach oben. Es gab Rückschläge, wie die enttäuschende Resonanz auf den ambitionierten Türkei-Schwerpunkt 2006, oder die finanzielle Bauchladung beim Jubiläum 2008; da misslang mal die eine oder andere Kooperation und auch künstlerisch ist keineswegs jede Entscheidung unstrittig, die eigenwillig programmierten Eröffnungskonzerte der letzten zwei Jahre sind dafür ein Beispiel. Last, but not least gab’s auch veritable Fehleinschätzungen wie die 2004 im BZ-Interview geäußerte Hoffnung auf weiteres Wachstum, auf ein Standbein in Basel und noch mehr regionale Satelliten. Inzwischen stehen die Zeichen dagegen längst wieder auf Verdichtung, auf Konzentration.

Diese neuerliche Häutung, diese Wiederentdeckung des Small-is-Beautiful hängt zwar auch mit den tektonischen Verschiebungen in der Kulturlandschaft und der Entwicklung der Veranstaltungskultur zusammen; sie ist aber ebenso ein Beleg dafür, dass bei "Stimmen" in der Ära Bürgel stets das Vernunftprinzip mit Regie führte. "Ich kann nicht künstlerisch planen, ohne auf das Kaufmännische zu achten", beschreibt er den Ansatz. Zwar hat der Trend zum Kulturerlebnis, zum Event, und damit verbunden die auch im Kreis Lörrach und in Basel deutlich dichter besetzte Veranstaltungslandschaft die Konkurrenz spürbar verschärft – um Publikum wie Profil. Gerade Letzteres wird angesichts der Entwicklung sogar durchgängig für alle zu einer Achillesferse: Denn so viele neue Musiker und Stile, dass sich jedes Festival durch den schlichten Zugriff auf das Angebot profilieren kann, gibt der Markt gar nicht her. Helmut Bürgel aber hat frühzeitig darauf verzichtet, mit "Stimmen" da allein nach dem Muster höher, schneller, weiter zu punkten.

Sichtbar wurde das vor allem am Marktplatz: Die ursprüngliche Idee, mit populären Großkonzerten die Festivalkasse zu füllen für ambitionierte Projekte, ist längst pulverisiert. Zuletzt kämpfte "Stimmen" bei seinen großen Open-Air-Konzerten eher damit, keine all zu roten Zahlen zu erwirtschaften. Die Vorzeichen haben gewechselt: Open-Air-Konzerte auf dem Marktplatz sind inzwischen eher ein Risiko geworden – zumal dieser "von großen Namen lebt", wie Bürgel schon vor vier Jahren konstatierte. Die aber sind angesichts moderner Großarenen und deren Verdienstmöglichkeiten kaum mehr nach Lörrach zu locken. "Bob Dylan oder Leonard Cohen sind unbezahlbar geworden für ‘Stimmen’", räumt Helmut Bürgel denn auch ein. Einen Konzertort wie den Marktplatz mit der begrenzten Kapazität von 5000 Besuchern würde heute vermutlich niemand mehr als Open-Air-Bühne etablieren. Mit ausreichend Geld, hat Bürgel erfahren, ließe sich zwar jeder Künstler dorthin holen. Die Option konnte und wollte "Stimmen" bislang aber nicht ziehen. Die Meisterschaft der letzten Jahre bestand denn auch darin, die Balance zu wahren zwischen dem beschränkten und beschränkendem Rahmen und dem Anspruch, Populäres zu bieten, das auch jene anspricht, die eher kulturfern sind. Dass das bislang noch jedes Mal einigermaßen funktioniert hat, zeigt, dass da einer (oder auch zwei) ihr Handwerk verstehen.

Vergleichbares gilt für den Rosenfelspark: Konzerte dort leben bis heute vom romantischen Ambiente; als Bühne für Weltmusik aber hat der Park in Zeiten, in denen Exotisches auch anderenorts breit wahrgenommen wird, ausgedient. Entdeckungen im Rosenfels sind 2011 oder 2012 andere als 2003 oder 2004; inzwischen setzen dort kulturübergreifende Projekte, regionale Bands, junge Künstler, Musiker jenseits des Mainstreams die Akzente. "Ein Festival muss sich in der Erlebnisgesellschaft ständig neu erfinden", stellte Helmut Bürgel schon 2008 fest – zumal ein öffentlich gefördertes, dem es nicht um Profit und kommerzielle Erfolge geht, sondern um das Eröffnen und Erhalten von Freiräumen und um die kulturelle Identität einer Region.

Diesem Credo blieb "Stimmen" bis jetzt noch immer treu – zäh, innovativ und bereit, aus Irrtümern zu lernen, keine "alten Zöpfe" zu pflegen. Gerade für die letzte Etappe der Ära Bürgel ist erneut ein solcher Paradigmenwechsel, eine Häutung zu beobachten: Zur Faszination des Fremden, die die Wahrnehmung des Festivals jahrelang prägte, ist der Blick auf das Naheliegende, die Begegnung mit der eigenen Kultur als gleichberechtigtes, hierzulande aber unterbelichtetes Element dazugekommen. Das mag mitunter als schleichende Provinzialisierung erscheinen; andererseits offenbaren diese Ansätze, das ehrliche Bemühen, "Stimmen" eine gesellschaftliche Relevanz jenseits des kommerzialisierten Abspielbetriebs zu bewahren, ja diese zu untermauern.

Das Gleiche gilt für die mitunter etwas konturlos wirkenden Programme der letzten zwei, drei Jahre, die den Eindruck erwecken konnten, "Stimmen" trete künstlerisch auf der Stelle. In der Tat sind die Konzeptprogramme mit Themenschwerpunkten wie Türkei oder "das andere Amerika", die gesellschafts- und kulturpolitische Ansprüche vermittelten, "Stimmen"-Geschichte; andererseits hat sich das Festival dafür bewusst der Region geöffnet, setzt mit der Stimmen-Werkstatt oder dem Chorfestival "Lörrach singt" auf Partizipation, fördert mit der "Stimmen"-Akademie Voicelab Nachwuchs und Amateure, definiert sich als Gefäß für Gesang auch jenseits großer Stars und Gesten. Insofern ist das Profil nicht beliebig geworden, sondern schlicht ein anderes.

Dafür steht exemplarisch die Gemeinschaftsidee, das Bild der singenden Community, die in Orpheus’ Traditionen mit ihrem Gesang böse Mächte bannt und inzwischen konstitutiv ist für "Stimmen". Zwar sind damit harte kulturpolitische Aspekte an den Rand gerückt; dafür sind anthropologische, allgemeinmenschliche Dimensionen wichtiger geworden. Im Endeffekt haben "Stimmen" Politisches durch Individuell-Persönliches ersetzt. Das aber zeigt einmal mehr Antennen für Trends. "Man kann nicht sagen, dass der Fokus abgenommen hat, sondern, dass sich auf der Plattform Akzente verschoben haben", beschreibt auch der Baselbieter Kulturbeauftragte Niggi Ullrich, der das Festival seit langem begleitet, die Entwicklung.

Ob "Stimmen" das fortsetzen, zurückfinden zu kulturpolitisch motivierten Statements oder einen dritten Weg einschlagen, sich einmal mehr häuten, bleibt nun Helmut Bürgels Nachfolgern überlassen. Die Linie aber ist klar: "‘Stimmen’ war nie ein Selbstzweck", sagt der Gründer und scheidende Leiter, und seine Messlatte liegt allemal hoch: Das sind die bis in die Gegenwart funkelnden Sterne aus dem Universum der Stimmen – von Merçan Dede bis Laurie Anderson, von Bobby McFerrin bis Leonard Cohen, …

FAKTEN ZU "STIMMEN"

Das Budget liegt bei rund 1,5 Millionen Euro; etwa 60 Prozent stammen aus Ticketverkäufen, 20 Prozent sind öffentliche Zuschüsse, weitere 20 Prozent steuern Sponsoren bei. Zu Beginn betrug das Budget gerade 360 000 Mark, also etwa ein Neuntel des aktuellen. Die meisten Besucher gab’s 2003 mit 35 000 Eintritten sowie 2007 und 2009 mit jeweils 34 000; 2008 waren’s nur 23 000, im Vorjahr 31 000, im Startjahr 1994 immerhin 15 000 bei damals schon 15 Veranstaltungen; inzwischen sind’s etwa doppelt so viele; die bislang längsten "Stimmen" gab’s 2004 und 2003 mit jeweils rund fünf Wochen.  

Autor: alb

Autor: Michael Baas