Alles ist gesagt

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

So, 25. März 2018

Südwest

Der Sonntag In der Galerie konkret stellt Eugen Gomringer als Vertreter der konkreten Poesie aus.

In Berlin wird noch über die Entfernung eines Gedichts Eugen Gomringers von der Fassade einer Hochschule gestritten, in Sulzburg herrscht die Rationalität des Schwarz auf Weiß. Martin Wörn zeigt in seiner Galerie konkrete Poesie des Schweizers.

Martin Wörn ist immer noch der Unmut anzumerken. Dabei hat der Sulzburger Galerist seinen Beitrag zur Debatte geleistet. Auch im Südbadischen. Zwar mag die Entfernung von Eugen Gomringers Gedicht "Ciudad" an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule wie eine Berliner Posse wirken, doch sie hat nationale Wellen geschlagen. Gomringers auf Spanisch entstandenes Gedicht besteht aus einer Aneinanderreihung von Worten, genauer von Alleen, Blumen und Frauen. Es endet und dies ist sehr untypisch für Gomringer mit dem lyrischen Ich, das sich als Bewunderer bezeichnet. Vor allem an Letzterem störten sich die Vertreter der Studierenden, macht der männliche Bewunderer doch die Frauen zu Objekten und überhaupt zum Ziel von sexuellen Belästigungen, so ihre Argumentation. Dazu muss man wissen, dass Gomringers Gedicht 1951 entstand, als er in Barcelona über die Ramblas flanierte und es für gut befand, dass der Krieg hinter den Menschen lag und sie sich wieder dem guten Leben öffnen konnten.

Es ist bizarr, dass die Diskussion nun einen Autor trifft, der über seine Lyrik sagt, sie sei eine Aufforderung und weder formal noch thematisch ein Rezept: "sie nennt die "allzu menschlichen, sozialen und erotischen probleme nicht. wenn diese nicht im leben gelöst werden können, gehören sie vielleicht in die fachliteratur", so Gomringer.
Einige der Artikel, die Stellung beziehen auf die Diskussionen um Sexismus und Kunstfreiheit, liegen in einer der beiden Vitrinen in der Galerie konkret Martin Wörn in Sulzburg aus. Sie demonstrieren, wie angespannt diese ist. Er wolle zeigen, was Eugen Gomringer überhaupt mache, sagt Wörn.

Dafür musste er nur in sein Depot gehen, er kam mit 26 Arbeiten zurück. Das Gedicht "Ciudad" war nicht darunter, dafür andere zwischen 1950 und 1970 entstandenen Gedichte, die Gomringer vor einigen Jahren drucken oder in Serigrafien auf Leinwand aufziehen ließ. Sie demonstrieren schwarz auf weiß, warum der 1925 in Bolivien geborene Gomringer als wichtiger Vertreter der konkreten Poesie gilt.

Bei Eugen Gomringer ist ein Gedicht gleichwertig Form und Sprache. Die Schrift, die er dabei verwendet, ist so neutral wie möglich: serifenlos und konsequent klein geschrieben. So hat er etwa aus einer zu möv verkürzten Möwe Flügel, wenn nicht gar einen fliegenden Vogelkörper gemacht, der durch die beiden eingefügten Wörter luv und lee gut im Wind liegt. Auch durch ein anderes Gedicht geht ein Luftzug. So stellt man sich allein durch die grafische Anordnung des Textes einen Baum vor, der vom Wind zerzaust wird. Steht der Baum noch fest an seinem Platz, so folgt das Auge einem Winkel, der rechts oben beim w beginnt, schräg nach unten führt und dann rechts in einem d ausläuft.

Eugen Gomringers Gedichte mögen auf das Nötigste beschränkt sein, selten braucht er mehr als ein paar Worte, um zu einer Aussage zu kommen, doch diese ist interpretierbar. Die Ausstellung in Martin Wörns Galerie für konkrete Kunst ist mehr als ein guter Beitrag zur Versachlichung in einer Diskussion, in der schon längst keine Argumente mehr ausgetauscht werden, sie weckt das Interesse an einem Dichter wieder und sie zeigt, dass Sprache jenseits akademischer Diskurse ein Eigenleben führt, das auch von diesen nicht totzukriegen sein wird.
Fokus auf eugen gomringer Galerie + Edition konkret Martin Wörn, Hauptstr. 29, Sulzburg. Donnerstag bis Sonntag 15 bis 17.30 Uhr. Bis 8. April. Geöffnet am Karfreitag, geschlossen am Ostersonntag.