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11. Februar 2017

... Philipp Heist, der mit dem von ihm selbst entwickelten Gefährt eine Gehhilfe der besonderen Art erfunden hat

AUF DEM GEHRAD MIT...: "Das Schönste für mich ist die gerettete Mobilität"

  1. Gehend-radelnd unterwegs: Philipp Heist Foto: Ingo Schneider

Vor-Ort-Termin im Freiburger Einkaufszentrum ZO. Draußen liegt noch Schneematsch, drinnen herrscht trubelige Nachmittagsstimmung. Mittendrin sitzt auf einem seltsam anmutenden Gefährt der Rentner Philipp Heist. Claudia Füßllter ist mit ihm verabredet und würde sich sich eigentlich gerne in Ruhe ein wenig unterhalten über eben dieses Gefährt. Doch Heist wird ständig von Wildfremden angesprochen: "Entschuldigung, wie schnell können Sie damit fahren?", "Dürfen Sie damit in die Straßenbahn?", "Zeigen Sie mal, wie genau das funktioniert", "Wo haben Sie das Ding her?"

Philipp Heist gibt geduldig Antwort und jedem Fragenden zum Schluss eine Visitenkarte mit seiner Internetadresse in die Hand. Er ist die Neugier gewohnt, seit er mit "dem Ding" unterwegs ist. Die Grundkonstruktion seines Gefährts erinnert an einen Tretroller, aufgerüstet mit einem Sattel und einem Korb. Heist nennt seine Erfindung Gehrad: "Ältere Menschen können lange Stöcke, Stützen und Krücken nutzen, dann kommt plötzlich der Rollator oder der Rollstuhl. Doch dazwischen gibt es so gut wie nichts. Diese Lücke schließt das Gehrad."

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Die Kernidee einer Erfindung entsteht oft aus persönlicher Betroffenheit. Bei dem 70-jährigen Heist aus Freiburg waren es Rheuma und Arthrose, die den einstigen Turmspringer quälten. Der Weg zur Straßenbahnhaltestelle um die Ecke war nur mit großer Mühe und Schmerzmitteln zurückzulegen, die Reichweite seiner Ausflüge schränkte sich massiv ein. "Ich sagte mir, wenn ich noch immer ein guter Erfinder wäre, müsste ich mir etwas einfallen lassen, um mir meine Mobilität zu bewahren", erzählt Heist, der sich sein Leben lang mit Erfindungen auf Rädern befasst hat. "Ich habe Kinder auf ihren Laufrädern beobachtet und wusste: Das ist es."

Ausgangsmaterial für das Gehrad war ein Faltrad. Heist entfernte Pedale und Ketten, setzte Lenker und Sattel tiefer – es funktionierte. Er erntete häufig skeptische Blicke von Gastwirten und Straßenbahnfahrern, schließlich ließ sich aber jeder überzeugen, dass das, was auf den ersten Blick wie ein Fahrrad aussah, Heists Gehhilfe war. "Diese erste Konzeption musste ich verwerfen, weil sie nur einen Fortbewegungsmodus in immer gleicher Haltung erlaubte – das klassische Draisinieren, also Laufradeln mit beiden Beinen." Das führte zu Muskelverspannungen und wackligem Auf- und Absteigen. Viele Skizzen, Computerzeichnungen und Studien später war klar: Der Einstieg muss tiefer sein, wie beim Tretroller. Unterstützt durch Spenden von Freunden und Bekannten, entwickelte Heist einen weiteren Prototypen. Den fährt er bis heute.

Seine Arthrose ist fortgeschritten. Immer wieder muss Philipp Heist beim Gespräch aufstehen, das Sitzen auf einem Stuhl bereitet ihm nach kurzer Zeit Schmerzen, langes Stehen und Gehen ebenso. "Wenn ich mein Gehrad nicht hätte, wäre ich heute extrem eingeschränkt in meinem Alltag", sagt der Rentner, der früher Unternehmensberater, Handelsvertreter und Privatlehrer für Mathematik war. Noch früher, "im ersten Teil meiner Karriere", wie Heist es nennt, leitete er seine eigene Firma. Er hatte sich auf die Produktion von kleinen Messgeräten zur Messung von Strahlung spezialisiert.

In der Freizeit bastelte er schon damals an Erfindungen: ein Kajak mit Rädern – "zum ultimativen Flusswandern" – oder ein Faltwohnwagen für eine Person. Und jetzt das Gehrad. Auf Alltagstauglichkeit hat Heist größten Wert gelegt: Seine Konstruktion ist keinen Meter lang, die Hinterachse mit zwei Rädern ist kurvenneigungsfähig, das Gehrad steht ohne Stütze. Der Lenker kann in der Höhe verstellt und als Stehstütze genutzt werden.

Heist geht nicht mehr ohne Gehrad aus dem Haus, die aktuelle Version darf problemlos in Bus und Bahn mitfahren. "Das Schönste für mich ist die gerettete Mobilität", sagt Heist. Er führt das auf die Entlastung der Gelenke und die abwechslungsreichen Bewegungen zurück: Im Sitzen, im Stehen, mit einem Bein laufend oder mit beiden – alles erlaubt das Gehrad. Ein kleiner Elektromotor als zusätzlicher Antrieb ist geplant.

Das Interesse der Menschen an Heists Erfindung ist groß, ihm liegen schon Bestellungen vor. Allerdings gibt es noch keinen großen Produzenten. "Derzeit ist die Manufaktur einer Nullserie mit zehn Stück in Gang", sagt Heist, "daraus wird ein zweiter Prototyp vorgezogen, der ist bald fertig." Mit einer Gruppe Gleichgesinnter will der Freiburger im Juni nach Mannheim zur großen Fahrradausstellung "2 Räder – 200 Jahre". Denn, sagt Philipp Heist, "ich bin mir sicher, im Bereich der Gehhilfen stellt mein Gehrad eine bedeutende Innovation dar."

Informationen zum Gehrad finden Sie online unter www. hallo-leute.de

Autor: cfr