Bäume müssen wegen Norm weichen

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Von dpa

Mi, 25. Juli 2018

Südwest

Der Hochwasserdamm des Rheins bei Mannheim soll verstärkt werden – doch Bürger lehnen die damit verbundene Fällaktion ab.

MANNHEIM (dpa). Wenn Bäume gefällt werden, gehen die Emotionen der Bürger schnell hoch. Denn sie können und wollen oft nicht einsehen, warum Natur einem Bauvorhaben weichen soll. Jede Stadt kennt diese Art der Auseinandersetzung. In Mannheim stellen sich derzeit Bürger gegen die Rodung von Tausenden Bäumen am dortigen Rheindamm.

Vögel zwitschern, Jogger, Spaziergänger und Mütter mit Kinderwagen genießen den Schatten, den die Laubbäume auf dem Mannheimer Rheindamm werfen. Mit der Idylle einen Kilometer vom Fluss entfernt könnte es in absehbarer Zeit vorbei sein. Denn das Land will den Deich vom Großkraftwerk Neckarau bis zum Stadtteil Lindenhof auf fast vier Kilometern sanieren – und muss dafür Tausende von Bäumen fällen. Kostenpunkt des Projekts im Zuge des "Dammertüchtigungsprogramms des Landes Baden-Württemberg": rund 13 Millionen Euro.

Die zuständige Behörde, das Regierungspräsidium (RP) Karlsruhe, begründet das Vorhaben mit dem Schutz vor Hochwasser. Bei einem Dammbruch sei aktuell damit zu rechnen, dass das Stadtquartier Neckarau und Teile des Lindenhofs binnen weniger Stunden bis zu vier Meter hoch überschwemmt würden. Deshalb müsse der Damm nach den neuesten Erfordernissen verstärkt werden. Dafür aber müssten Bäume gefällt werden, die auf dem Damm gewachsen sind – und die das Bauwerk inzwischen instabil machten.

Das aber bezweifeln viele Bürger. Die Bürger-Interessen-Gemeinschaft Lindenhof (BIG) will den Kahlschlag im Waldpark verhindern. Rund 22 000 Menschen haben bereits eine Onlinepetition sowie Unterschriftenlisten zum Erhalt der bis zu 100 Jahre alten Bäume unterschrieben. Die Unterschriften will BIG an diesem Dienstag dem Mannheimer Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) übergeben. Die Stadt muss das Projekt letztlich genehmigen. Baubeginn ist laut Planungsbehörde frühestens im Jahr 2022.

Wolf-Rainer Lowack vom BIG-Vorstand zählt zehn Schritte vom Dammfuß in Richtung Wald ab und landet an einem dicken Ahorn. "Der müsste weichen", sagt der Pensionär. Denn laut der vom RP angewendeten Deutschen Industrie-Norm (DIN) 19712 zu "Hochwasserschutzanlagen an Fließgewässern" dürfen weder auf der Dammkrone noch innerhalb von zehn Metern auf beiden Seiten des Dammfußes Bäume stehen. Das würde zum Teil auch Eingriffe in die Gärten nahe am Damm gebauter Häuser erfordern.

Er sei nicht grundsätzlich gegen Hochwasserschutz, betont Lowack. "Ich bin aber dagegen, dass die Bäume gefällt werden, ohne dass man vorher Alternativen geprüft hat", sagt der 61-Jährige. Eine Entscheidung solcher Tragweite dürfe nicht allein auf Basis der DIN vorgenommen werden. "Eines der schönsten Naherholungsgebiete der Region, das nicht ohne Grund als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen ist, würde dauerhaft geschädigt werden." Möglicherweise könnten – wie andernorts – Spundwände den Hochwasserschutz verstärken, ohne dass Bäume weichen müssten. Seit Bau des Dammes 1901 habe es nur ein größeres Hochwasser im Jahr 1955 gegeben. Das sei aber nicht über den Damm getreten, sondern noch deutlich unter der Dammkrone geblieben.

Mannheim ist nicht die einzige Stadt, in der es Konflikte um den Hochwasserschutz gibt: Das gesamte Rheinprogramm gegen Hochwasser zwischen Weil am Rhein und Karlsruhe ist begleitet von Protesten, die auch der Erhaltung von ufernahen Wäldern gelten.

Das RP Karlsruhe will beim Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ein Gutachten für das Mannheimer Projekt in Auftrag geben. "Es soll unsere Planung insoweit überprüfen, ob unter Berücksichtigung der DIN-Vorgaben noch Spielraum besteht insbesondere für den Erhalt der Bäume", erklärt eine Sprecherin. Die Norm sei überdies nicht von der Behörde erlassen worden. Beim zuständigen Dezernat der Stadt Mannheim heißt es: "Sollten im Anschluss an dieses Gutachten noch Fragen offen sein, stellen wir ein weiteres Gutachten in Aussicht."

BIG-Vorstand Lowack und seine 150 Mitstreiter halten die angekündigte DIN--konforme Expertise von vornherein für nicht neutral. Sie wünschen sich einen unabhängigen Gutachter, an dessen Auswahl sie beteiligt werden wollen. Von Rathauschef Kurz erwartet Lowack, dass er sich mit dem Anliegen von BIG auseinandersetzt und sich ebenfalls für ein unabhängiges Gutachten einsetzt. "Wir brauchen die Stadt auf unserer Seite."