Betrug

Betreuer stiehlt jahrelang Geld von seinen alten Klienten

Martina Philipp

Von Martina Philipp

Di, 18. September 2012

Südwest

Ein Sozialarbeiter aus Müllheim muss sich vor Gericht verantworten

Karl Osswald* ist ein gut vorbereiteter, ein engagierter Angeklagter. Vor der Verhandlung hat der Mann in Hemd und Sakko Thermoskanne und Plastikbecher auf den Tisch gestellt, in den Pausen isst er Bananen. Osswald hört aufmerksam zu, wenn über ihn geredet wird, setzt die Lesebrille auf, blättert eifrig in seinem Aktenordner und macht sich Notizen. Ausführlich antwortet er mit leiser Stimme auf die Fragen von Richter und Staatsanwalt. Ganz selten nur lehnt sich der 56-Jährige im Stuhl zurück, zieht die Schultern hoch, blickt vor sich auf den Tisch. Etwa als ihn Richter Andreas Leipold fragt, warum er das alles gemacht hat. "Weil ich blöd war", sagt er.

Das ist eine einfache Erklärung in einem komplizierten Verfahren. Der Sozialarbeiter aus Müllheim steht an diesem Montagmorgen wegen Untreue und Betrug in Freiburg vor Gericht. Er soll von neun alten, kranken Menschen, für die er seit 2002 als Betreuer der Diakonie Breisgau-Hochschwarzwald verantwortlich war, Geld für sich genommen haben. Auf mehr als 110 000 Euro belaufen sich die Abbuchungen und Überweisungen, die laut Staatsanwaltschaft nachweisbar und noch nicht verjährt sind. "Was wir hier verhandeln, ist nur die Spitze des Eisberges", wird Staatsanwalt Ulrich Riesterer später sagen. Sehr oft hat Osswald Bargeld abgehoben. Was er damit gemacht hat, weiß nur er. Außerdem soll der Angeklagte, der als ehrenamtlicher Betreuer tätig war, in einem Fall vorgetäuscht haben, gesetzlicher Betreuer zu sein und eine Vergütungspauschale von 4000 Euro dafür vom Amtsgericht einkassiert haben. Sowas nennt man dann Betrug.

Als Karl Osswald an diesem Montagmorgen in dem großen Sitzungssaal etwas sagen darf, will er kleine Anmerkungen machen, wie er sagt. Er blättert schnell in den Akten hin und her, sucht nach Zahlen und rechnet vor, dass er in einem Fall die 51 Euro nicht für sich, sondern für den VHS-Kurs eines Flüchtlings überwiesen hat. Osswald war früher nämlich zuständig für Asylbewerber. Einen Jungen aus Albanien hat er sogar adoptiert, ihm hat er mit dem Geld einer Klientin einen Audi A3 geleast. 2500 Euro hat er einer Flüchtlingsfamilie gegeben, der Mann sollte im Gegenzug Bad und Schlafzimmer der Klientin renovieren. Ein Flüchtling aus dem Kosovo, der bei Osswald auf die Katze aufpassen sollte, hat bei ihm aus dem Tresor Geldkarten der Klienten entwendet und damit 2300 Euro an Automaten verspielt.

Ist Karl Osswald ein naiver Guter? Hat er sich ein bisschen gefühlt wie Robin Hood, als er seinen Klienten, die fast alle wohlhabend waren, etwas von ihrem Geld wegnahm und es denen gab, die wenig hatten? Das Designersofa in seinem Wohnzimmer, Lautsprecher für 1200 Euro, Teppiche für 720 Euro weisen – zumindest auch – in eine andere Richtung. "Sie haben häufig Schmuck gekauft, haben Sie ein Faible dafür?", fragt Richter Leipold. "Nur für Uhren", sagt Osswald knapp, zieht den Hals wieder ein, "aber die sind ja jetzt alle weg, bis auf eine." Was die Finanzbeamten pfänden konnten, haben sie gepfändet. Osswald ist verschuldet, sein Haus und eine kleine Eigentumswohnung sind stark belastet. "Es darf angezweifelt werden, dass der Angeklagte den Schaden je begleichen kann", sagt Staatsanwalt Riesterer. Zwei Geschädigte sind bereits tot.

Wie ein Betreuer über so viele Jahre unbemerkt Geld entwenden konnte, ist die Frage, die in all den Stunden im Gericht mitschwingt. Wenn man wisse, dass keine Kontrollen stattfinden, dann sei die Versuchung groß, sagt Osswald einmal. Als Vereinsbetreuer ist er ein befreiter Betreuer, erklärt Regina Senn-Riesterer, Rechtspflegerin am Betreuungsgericht Freiburg, in der Verhandlungspause. Sie hat noch nie so einen Fall wie Osswalds erlebt. Da es strenge Kriterien gebe, bis ein Verein wie die Diakonie als Betreuungsverein anerkannt wird, erhalten Vereinsbetreuer vom Gesetzgeber – wie Eltern, die ihr Kind betreuen – einen Vertrauensvorschuss und müssen nur einmal im Jahr den Vermögensstatus des Betreuten vorlegen. Die Rechtspfleger prüfen dann lediglich, ob ihnen die Differenz zum Vorjahr plausibel erscheint, und fragen bei Zweifeln nach. Anders bei Berufsbetreuern: Sie müssen genau abrechnen und Belege sowie Kontoauszüge vorlegen. "Jeder Verein sollte internes Controlling durchführen", sagt Senn-Riesterer. Das Diakonische Werk Breisgau-Hochschwarzwald hatte es bis 2011 nicht. "Wir haben uns auf die Prüfung durch das Amtsgericht verlassen", sagt Geschäftsführer Albrecht Schwerer. Erst voriges Jahr entstand bei Stichproben der Verdacht, Karl Osswald könnte seinen Klienten Geld entwenden. Seither gibt es eine interne Kontrolle, versichert Schwerer.

Für Richter Leipold sind die Geschädigten besondere Geschädigte – "betagte Menschen, die der Hilfe eines Betreuers bedurften". Osswald habe ihr Vertrauen missbraucht, die Hilflosigkeit ausgenutzt, um sich einen Lebensstandard zu ermöglichen, den er sonst nicht hätte haben können. Dass Osswald nicht vorbestraft, dafür geständig war, würdigt das Schöffengericht – und kritisiert die "lässige, schlechte Kontrolle". Dennoch folgt das Gericht der Staatsanwaltschaft nicht, die nur eine zweijährige Bewährungsstrafe forderte. Das Gericht verurteilte Karl Osswald zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis. Verteidiger Roland Hess geht davon aus, dass er Berufung einlegen wird. "Wenn ich ins Gefängnis komme", sagt Karl Osswald, "dann kann ich das Geld doch gar nicht zurückzahlen."

(* Name von der Redaktion geändert)