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31. Dezember 2011 00:01 Uhr

Interview

Bonde: Keine Gentechnik auf dem Teller

Dem neuen Landwirtschaftsminister Alexander Bonde kommt bald eine bundespolitische Koordinatorenrolle zu. Der Grünen-Politiker leitet 2012 die Agrarministerkonferenz der Länder. Ein Interview.

  1. Alexander Bonde Foto: dpa

BZ: Herr Bonde, was haben Sie 2012 in der Agrarpolitik vor?
Bonde: Ich will die gentechnikfreie Lebensmittelproduktion weiter absichern. Und dazu beitragen, dass der Nachfrageboom bei Biowaren stärker mit heimischen Produkten befriedigt werden kann.
BZ: Was planen Sie gegen Gentechnik?
Bonde: Wir werden Voraussetzungen dafür schaffen, das Qualitätszeichen Baden-Württemberg umzustellen. Wer ein Produkt mit dem Zeichen kauft, soll die Garantie haben, dass es gentechnikfrei ist.
BZ: Sie leiten 2012 die Agrarministerkonferenz der Länder. Forcieren Sie das Thema auch dort?
Bonde: Die Bürger wollen keine Gentechnik auf dem Teller. Die Bundesländer haben leider keine gesetzgeberischen Möglichkeiten. Als Vorsitzender der Agrarministerkonferenz werde ich mich dafür einsetzen, dass sich das ändert.
BZ: Der Ökolandbau hat im Südwesten einen Anteil von sieben Prozent. Was streben Sie bis 2016 an?
Bonde: Ich bin kein Fan davon, in einem Markt Zielmargen vorzugeben. Am Ende sind das betriebswirtschaftliche Entscheidungen von Unternehmern. Und Landwirte sind Unternehmer. Mir geht es darum, dass jeder Landwirt eine faire Chance hat, auf Bioanbau umzustellen. Und ich hoffe, dass viele die Chance ergreifen.

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BZ: Ist Biolandwirtschaft die Zukunft?
Bonde: Die Nachfrage steigt deutlich stärker als das Angebot. Dabei wollen die Baden-Württemberger am liebsten Biowaren aus der Region. Es muss ja nicht sein, dass das riesige Interesse bei uns im Land ein Konjunkturprogramm für österreichische Landwirte ist.
BZ: Was können Sie tun?
Bonde: Der erste Schritt war, die von der alten schwarz-gelben Regierung gekappten Hilfen für die Umstellung auf ökologischen Anbau wieder aufzulegen. Der nächste wird sein, die Beratung zu verbessern. Wir wollen alle, die im Ökolandbau eine Marktchance sehen, ermutigen, sie zu ergreifen. Und wir reden mit dem Handel, damit regional erzeugte Bioprodukte eine bessere Chance erhalten, in den Regalen präsent zu sein.
BZ: Der EU-Agraretat umfasst 55 Milliarden Euro pro Jahr. Derzeit werden in Brüssel die Weichen für 2014 bis 2020 gestellt. Was fordern Sie?
Bonde: Entscheidend ist, dass wir in der Agrarpolitik handlungsfähig bleiben. Wir stehen da unter einem enormen Druck. Viele sehen es inzwischen sehr kritisch, dass in Europa die Agrarproduktion in signifikantem Umfang durch öffentliche Mittel gefördert wird.
BZ: Sie waren Haushaltspolitiker der Grünen im Bundestag. Wie sehen Sie es?
Bonde: Was die Landwirte an Leistung erbringen, könnte die Gesellschaft anders organisiert gar nicht bezahlen. Ich rede nicht allein von der Nahrungsmittelproduktion, auch von ökologischen Leistungen für Böden und Wasser, von Landschaftspflege, von Kulturerhalt. Ohne die Arbeit der Landwirte würden wir unser schönes Bundesland nicht wiedererkennen. Und wir würden vielen Wertschöpfungsbereichen den Boden entziehen.
BZ: Haben Sie ein Beispiel?
Bonde: Nehmen Sie die Energiewende: Die werden wir ohne die Landwirte nicht hinbekommen. Oder den beschäftigungsintensiven Tourismus: Der hat im Südwesten 2011 sein bisher bestes Jahr erlebt. Das wäre ohne die Leistungen der Landwirte für die Landschaft nicht vorstellbar. Sie sind es, die etwa die Hänge im viel bereisten Schwarzwald offen halten.
BZ: Was heißt das alles für die europäische Agrarförderung?
Bonde: Wir brauchen in Europa eine Reform, die die Leistungen der Landwirte für die Gesellschaft ins Zentrum rückt. Denn jeder versteht, dass das honoriert werden muss. Ich halte es daher für einen guten Ansatz, dass der rumänische EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos – übrigens ein Konservativer – Direktzahlungen an Landwirte künftig an Umweltleistungen knüpfen will. Das nützt dem Landschaftsschutz – und stärkt die Akzeptanz der EU-Agrarpolitik.
BZ: Wie kommen Sie mit den Bauernverbänden zurecht? Ihr Verbot, Grünland in Äcker umzuwandeln, ist ja nicht nur auf Begeisterung gestoßen.
Bonde:
Das Umbruchverbot, das wir erlassen mussten, um massive Verluste von Grünland zu verhindern, ist nicht überall populär. Aber was beim Klimaschutz für Brasilien der Regenwald ist, ist für uns in Baden-Württemberg das Grünland. Deshalb haben wir gehandelt.
"Wenn man die
Förderung erhalten will,
muss man sie ändern."

BZ: Und das belastet nun das Verhältnis zu den Verbänden?
Bonde: Ich bin mit allen Bauernverbänden, konventionell oder Bio, im Gespräch. Und ich glaube, dass wir gemeinsam viel erreichen können. Grüne Politik ist ein gutes Angebot für die Landwirte. Aber natürlich gibt es da noch sehr unterschiedliche Vorstellungen.
BZ: Wie sehen die aus?
Bonde: Es gibt Verbände, die glauben, man könne die Agrarförderung in der bisherigen Struktur erhalten. Aber ich bin überzeugt: Wenn man die Förderung erhalten will, muss man sie ändern und ökologischer ausrichten.
BZ: Haben die Grünen bei den Landwirten eigentlich eine nennenswerte Wählerschaft?
Bonde: Wir sind als Landesregierung für das Wohl des ganzen Landes zuständig. Die Stärke des ländlichen Raums ist ein Faktor, warum es Baden-Württemberg so gut geht. Darum kümmern wir uns, völlig jenseits der Frage des Wähleranteils.

Autor: Roland Muschel