Dampf statt Rauch?

Nina Lipp

Von Nina Lipp

So, 31. Dezember 2017

Südwest

Der Sonntag E-Zigaretten boomen und scheinen eine Alternative zur Kippe zu sein.

Das neue Jahr steht vor der Tür – und so manch einer überlegt, was er 2018 besser machen kann. Endlich mit dem Rauchen aufzuhören, ist ein gängiger wie herausfordernder Vorsatz – denn so einfach ist es nicht, vom Tabak loszukommen. Der Griff zur weniger schädlichen E-Zigarette scheint da naheliegend, ist aber nicht unumstritten.

Mehr als 40 Jahre lang habe er Zigaretten geraucht "wie ein Schlot", weit mehr als eine Packung täglich und schon als Jugendlicher damit angefangen, erzählt der ergraute 58-Jährige, der es sich im E-Zigaretten-Laden "E-Garette" am Freiburger Schwabentorring auf einen Hocker gemütlich gemacht hat. Am 1. April dieses Jahres, fährt er fort, habe er das Rauchen aufgegeben. Und: "Bis heute kein einziger Rückfall." In der Hand hält Manfred seine E-Zigarette, an der er während der Unterhaltung mehrfach zieht und große Dampfwolken in den Raum bläst. Nach einem Schlaganfall und mehreren Monaten in einer Rehaklinik habe er sich die Warnungen seiner Ärzte zu Herzen genommen und das Rauchen aufgegeben. Vielmehr: aufgeben müssen, denn körperlich sei er ein Wrack gewesen. Seinen vollständigen Namen möchte der ehemalige Bahnbeamte lieber nicht nennen, aber gerne erzählt er davon, dass er es ohne E-Zigarette als Entwöhnungshilfe nicht geschafft hätte. Regelmäßig schaut der Frührentner seitdem im Laden vorbei, um sich ein neues Liquid zu kaufen oder um mit dem Personal oder anderen Dampfern über Gott und die Welt zu fachsimpeln.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Zigaretten verbrennen E-Zigaretten keinen Tabak, sondern verdampfen eine Liquid genannte Flüssigkeit. Liquids können Nikotin enthalten, müssen es aber nicht, und wie hoch der Nikotingehalt ist, kann der Konsument individuell zusammenmischen. Seit eineinhalb Jahren unterliegen E-Zigaretten und Liquids in Deutschland einer in der Europäischen Union einheitlichen Regulierung. Laut dieser Vorgabe darf die Konzentration des Nikotins in den Liquids maximal 20 Milligramm Nikotin pro Milliliter betragen. "Ich bin jetzt bei 1,5, das ist sehr wenig", so Manfred.

Die Liquids sind in den meisten Fällen mit Geschmacksstoffen, die man auch in Lebensmitteln findet, angereichert. Sind die Geräte eingeschaltet, erhitzt ein Akku eine winzige Heizspirale in den Zigaretten die Liquids, den entstehenden Dampf zieht der Konsument in seine Lunge. Die meisten Dampfer, die mal geraucht haben, scheinen das gefühl zu genießen, ihr Rauchritual nicht aufgeben zu müssen.

Eine andere Dampferin, etwa Mitte vierzig, ist von den E-Zigaretten begeistert: "Ich rauche seit zwei Jahren nicht mehr, und mein Geschmacks- und mein Geruchssinn sind seitdem viel sensibler geworden." Ihre Wohnung und auch sie selbst stinke nicht mehr nach Rauch. "Wenn die Kollegen aus der Raucherpause kommen, schüttelt es mich vor Ekel." Außerdem komme sie beim Treppensteigen nicht mehr so schnell aus der Puste.

E-Zigaretten haben ganz unterschiedliche Formen, die Fülle an Modellen ist enorm, meistens erinnern sie mehr oder weniger an herkömmliche Zigaretten. und bestehen meistens aus Metall und Plastik.

Gesundheitlich nicht unbedenklich

16 Millionen Deutsche rauchen, Tendenz abnehmend, vor allem Jugendliche rauchen immer weniger. Inzwischen gibt es circa 3,5 Millionen Dampfer im Land. Die meisten von ihnen sind ehemalige Zigarettenraucher: So wie der 20-jährige Benjamin, der in den Laden kommt, um ein Liquid mit Mentholgeschmack und einem Nikotingehalt von sechs Milligramm zu kaufen. Nach kurzem Hin und Her entscheidet er sich für die "Eiskalte Minze". "Vier Jahre lang habe ich Zigaretten geraucht." Weil ihm das "voll auf die Bronchien" gegangen sei, ist er vor einem halben Jahr auf die E-Zigarette umgestiegen. Den Nikotingehalt will er weiter reduzieren.

Dass immer weniger Jugendliche zu klassischen Tabakprodukten wie Zigaretten greifen, hängt laut der Deutschen Krebsgesellschaft mit dem Trend zusammem, dass Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren vermehrt zu orientalischen Wasserpfeifen, sogenannte Shishas und elektronischen Inhalationsprodukten wie E-Zigaretten und E-Shishas greifen. Betrachtet man die unzähligen Liquidfläschchen in den Vitrinen des Ladens, fallen einem die unterschiedlichsten Geschmäcker auf, die eher an Joghurtsorten als an Rauchzubehör denken lassen: Frische Feige, Mojito, Marshmallow, cremiger Käsekuchen – was dann doch stark an die Methode Alkopos erinnert: In den zuckersüßen, aber hochprozentigen Mischgetränken wird der Alkohol geschmacklich durch die Süße überdeckt, weshalb sie in der Kritik stehen, Jugendliche zum Trinken zu verführen.

Christophe Grofer, Inhaber des Ladens, betreibt zusammen mit seinen französischen Geschäftspartnern David Cabral und Sabrina Sanna in Südbaden und im Elsass mehr als 15 Geschäfte unter dem Namen "E-Garette", darunter Läden in Lörrach, Weil, Rheinfelden, Freiburg und Emmendingen, in Bad Säckingen sei einer geplant. Seit der Eröffnung des ersten Ladens im elsässischen Saint Louis sind die drei Franzosen auf Expansionskurs: Grofer ist überzeugt: Die E-Zigarette ist die Zukunft des Rauchens. Auf die E-Zigarette umzusteigen, sei schließlich wesentlich unschädlicher als weiterzurauchen. In Deutschland ist das mittlerweile gesundheitspolitischer Konsens.

Laut einer aktuellen Studie der britischen Gesundheitsbehörde sind E-Zigaretten 95 Prozent weniger gefährlich als Tabak, in Großbritannien wird die E-Zigarette sogar schon länger von Gesundheitsbehörden als eine Möglichkeit zur Raucherentwöhnung anerkannt. In Deutschland ist man zurückhaltender. Vor kurzem erschien hier ein Positionspapier der Suchtfachgesellschaften, wonach die E-Zigarette einen Versuch wert sein kann.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum sowie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sind allerdings auch der Auffassung, dass die elektrischen Zigaretten keine gesundheitlich unbedenklichen Produkte sind und die langfristigen gesundheitlichen Folgen erst in einigen Jahren zuverlässig beantwortet werden können.