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04. November 2017

Das Trennende wird durch Sprache unterstrichen

Entlang der deutsch-schweizerischen Grenze haben die Kriegsjahre deutliche Spuren hinterlassen / Dialekt hat offiziellen Charakter.

Der Gebrauch der alemannischen Sprache hat sich auch entlang der südlichen Landesgrenze, hin zur Schweiz, in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert. Auffallend ist zum Beispiel: Der Dialekt wird in Deutschland bei offiziellen Anlässen seltener benutzt, in der Nordwestschweiz hingegen häufiger, und zwar durchaus auch demonstrativ. Diese Sprachgebrauchsgrenze verläuft entlang der politischen Grenze, und sie verändert langfristig auch die Sprachgrenze.

"Vor hundert Jahren waren die Dialekte diesseits und jenseits der Landesgrenze noch so gut wie identisch", sagt der Schweizer Dialektforscher Hans-Peter Schifferle. Im Südschwarzwald, im Wiesental und am Hochrhein habe man Hochalemannisch gesprochen, sowohl lexikalisch wie lautlich wie auch strukturell habe es praktisch keine Unterschiede zur Schweizer Nachbarschaft gegeben. "Da hat sich viel verändert, auf deutscher wie auf Schweizer Seite", sagt Schifferle, Chefredakteur des Schweizerdeutschen Wörterbuchs. In Südbaden sei der Dialekt nicht verschwunden, im Alltag aber weniger präsent. "Außerdem sprechen die Leute eine Mischung aus Dialekt und Hochdeutsch", Linguisten nennen dies eher eine Regionalsprache, ein Hochdeutsch, das in Ausdruck und Sprechweise, Stimmführung und Melodie die Herkunft nicht verbergen kann, das neue Wörter aber übernimmt und nicht in die Mundart überträgt. "Dieses Phänomen der Regionalsprache kennen wir in der Schweiz nicht." Dort heiße ein Staubsauger dann eben Staubsuger.

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Der Linguist Robert Schläpfer hat schon vor Jahren nachgewiesen, wie sehr die politische Abschottung in den 30er und 40er-Jahren eine echte Sprachgrenze hinterlassen hat. "In den zehn Jahren wurden alltägliche Kontakte gekappt", sagt Schifferle, der selbst im Kanton Aargau aufgewachsen ist. "Diese Jahre sind extrem wichtig." Die Nordwestschweizer haben sich in Richtung Innerschweiz orientiert, sich nach Norden abgegrenzt und Zürich- und Berndeutsch als Vorbild für ihre Sprache genommen.

Auf der deutschen Seite der Grenzregion wiederum haben die vielen Nachkriegsflüchtlinge, die sich hier niederließen, die Sprache in Richtung Hochdeutsch verändert. Um der allgemeinen Verständlichkeit willen war "Anke" fortan für alle "Butter", man sagte "Speicher" statt "Estrich", aus der "Zain(e)" wurde im Alltag ein "Weidenkorb": Dialektbegriffe, die Schifferle vor Jahren noch für Sprachgebiete nachgewiesen hat, die über jede Landesgrenze hinwegreichten, die aber verschwinden. Vor allem in der Schule habe man in den 60er-Jahren viel Wert darauf gelegt, dass Hochdeutsch gesprochen wurde. Dialektsprecher hätten sich vielfach für ihre Sprache geschämt.

Ganz anders die Entwicklung in der Schweiz vor allem seit den späten 80er-Jahren und dem Auftauchen von privaten, regionalen Radiosendern. Sie haben die jeweilige Mundart zum Markenzeichen gemacht, die Betonung des Dialekts ist ein Alleinstellungsmerkmal. "Das hat zur Folge, dass man auch in formellen Situationen im Dialekt spricht", hat Schifferle festgestellt. Das Abgrenzungsbedürfnis ist groß. Inzwischen klagen vermehrt Politiker aus der Romandie, sie würden die deutschsprachigen Kollegen im Parlament in Bern kaum mehr verstehen, weil deren Sprache nur noch wenig mit jener zu tun habe, die sie in der Schule lernen.

Autor: Franz Schmider