Abi im Ausland

Dem finnischen Geheimnis auf der Spur

Petra Kistler

Von Petra Kistler

Di, 04. Januar 2011

Südwest

Jenni Ott, Gymnasiastin aus Denzlingen, macht ihr Abitur in Finnland – und ist angetan von dem Kurssystem im hohen Norden.

FREIBURG. Jenni Ott liebt Herausforderungen. Ein Auslandsjahr wollte die Gymnasiastin aus Denzlingen machen. Aber wo? Frankreich und England waren ihr zu nah; das Niveau an den amerikanischen Highschools zu niedrig. Ihre Wahl fiel schließlich auf Finnland. Ein Land, dessen Sprache sie zwar kaum kannte, dessen Bildungssystem sie aber reizte.

Im August 2009 begann die damals 15-Jährige als Gastschülerin im südfinnischen Järvenpaa mit der Lukio. Diese Schulart entspricht der gymnasialen Oberstufe und ist nach neun Jahren Gemeinschaftsschule ein Angebot für jene Schüler, die Abitur machen und studieren möchten.

Und dennoch ist die Lukio ganz anders als das Gymnasium: Es gibt weder feste Jahrgänge noch Klassenverbünde. Das Schuljahr ist in fünf Unterrichtseinheiten eingeteilt, in denen vier bis acht Kurse belegt werden. Sechs Wochen dauert ein Kurs, dann folgt die Prüfung. "Das ist effizienter als bei uns", urteilt Jenni Ott.

Die Oberstufe kann in zwei, drei oder vier Jahren absolviert werden – je nach Leistungsbereitschaft und angestrebter Punktzahl. Am Ende der Lukio steht ein Zentralabitur, das von einer unabhängigen Kommission abgenommen wird.

Spätestens seit den Pisa-Studien gilt Finnland als das Musterland der Bildung. Was ist das Geheimnis? "Die Gemeinschaftsschule", sagt Jenni Ott, die in den Weihnachtsferien ihre Eltern besucht. Finnische Kinder bleiben in den ersten neun Jahren zusammen. Sie werden nicht schon früh in Gewinner und Verlierer sortiert, sondern sammeln einen gemeinsamen Fundus an Kultur und Weltsicht. Die Lehrer fördern nicht nur die Schwachen, sie fordern auch die Starken. Sie haben Verantwortung für alle Kinder, keines kann nach unten durchgereicht werden.

Bei lediglich fünf Millionen Einwohnern könne es sich Finnland überhaupt nicht leisten, auch nur ein Kind nicht zu fördern, lautet die Erklärung. In der Oberstufe führt dies zu einem selbstständigen Arbeiten. Statt ständiger Kontrolle ausgesetzt zu sein, werden die Jugendlichen zu Eigenverantwortung ermuntert. Ob die Jugendlichen ihre Hausarbeiten machen oder nicht, ist in der Regel ihre Entscheidung. "In den Schulen herrscht ein anderes Klima", berichtet Jenni. Das Niveau sei zwar ähnlich wie hierzulande, die Schüler hätten aber mehr Eigenverantwortung und Chancen für ein individuelles Profil. Einige Fächer können abgewählt, andere verstärkt belegt werden.

"Es ist viel leichter, die eigenen Kurse zusammenzustellen", sagt die zielstrebige Südbadenerin. Auch das Abitur kann Stück für Stück abgelegt werden. Den Deutschtest hat sie bereits absolviert, die Prüfungen für sechs weitere Sprachen stehen noch auf dem Programm.

Die Pflichtfächer sind ähnlich wie in Deutschland: Neben Finnisch und Schwedisch lernen die Schüler Englisch, Geschichte, Erdkunde, Mathematik, Biologie, Chemie, Physik und Religion oder Ethik. Zudem gibt es spezielle Kunst- und Sportkurse. Dazu kommt ein großes Angebot an weiteren Fremdsprachen – je nach Schule Französisch, Deutsch, Spanisch, Italienisch, Russisch und an einigen Schulen Latein. Die Unterrichtssprache ist normalerweise Finnisch.

Ist im Norden alles besser? Hat Finnland wirklich die tollsten Lehrer der Welt? Einiges, was Jenni erzählt, hört sich nicht nach didaktischem Wunderland an. Der Frontalunterricht dominiere an ihrer Schule. Fremdsprachen würden wenig angewandt. Vielleicht entspricht das aber der Mentalität: Small Talk gehört nicht zu den Stärken der Finnen. Es gibt überschaubare Kurse mit zehn Schülern und solche mit 35. Die Ausstattung ihrer Ganztagsschule – tausend Jugendliche besuchen sie – ist aber hervorragend. Jeder Raum ist mit Computer, Druckern, Scannern, virtueller Tafel und Projektor ausgestattet, die Bibliothek gut bestückt. Und die Lehrer? Die Antwort ist diplomatisch: "Es gibt solche und solche."

Im Frühjahr wird Jenni Ott ihr finnisches Abitur in der Tasche haben – und danach studieren. Wo? Wahrscheinlich in Finnland. Studiengebühren gibt es dort nicht.