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31. Dezember 2015

Raubtier

Der Wolf steht vor der Rückkehr nach Baden-Württemberg

MÄRZ: Der Wolf steht vor der Rückkehr nach Baden-Württemberg – bisher konnten ihn nur Autos stoppen /.

  1. Die einen freuen sich über seine Rückkehr, die anderen wünschen ihn sonst wohin. Foto: dpa

Um welche Automarken es sich gehandelt hat, ist nicht bekannt. Für die beiden jungen Wölfe, die sich unvorsichtigerweise auf die Straße getraut hatten, endete die Begegnung mit ihnen auf jeden Fall tödlich. Im Juni beim badischen Lahr und im November beim schwäbischen Merklingen wurden zwei überfahrene Wölfe gefunden. Beide kamen übrigens aus der Schweiz und waren Brüder, wie sich jüngst nach Genanalysen herausgestellt hat. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis der Wolf sich in Baden-Württemberg wieder ansiedeln wird. Muss man sich gruseln?

Rotkäppchen und der böse Wolf
Schuld an allem sind eigentlich die Gebrüder Grimm, die mit dem Märchen vom Rotkäppchen das moderne Bild vom bösen Wolf manifestierten. Und dabei stammt es nicht einmal von ihnen. Sie haben die Geschichte "Le petit chaperon rouge" des Franzosen Charles Perrault aus dem Jahr 1697 übernommen. Perrault ging es dabei gar nicht um das Tier Wolf, es war für ihn nur ein Synonym. In seiner Version heißt es am Ende: "Kinder, insbesondere attraktive, wohlerzogene junge Damen, sollten niemals mit Fremden reden, da sie in diesem Fall sehr wohl die Mahlzeit für einen Wolf abgeben könnten. Ich sage Wolf, aber es gibt da verschiedene Arten von Wölfen."

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Falsche Propheten
Die Rolle des Wolfes in der Mythologie war schon immer zwiespältig: In der isländischen Edda steht er für dämonische Mächte, Jesus warnt vor falschen Propheten in Schafskleidern, bei welchen es sich um reißende Wölfe handle, und im Mittelalter war vom Werwolf die Rede, halb Mensch und halb Tier. Es gab aber auch Kulturen, die den Wolf verehrt haben: Bei den Ägyptern war er der Gott des Totenreichs, bei den Römer das Symbol für den Kriegsgott Mars, eine der bekanntesten Geschichten handelt von Romulus und Remus, den Gründern von Rom, die von einer Wölfin aufgezogen wurden.

Ein zerrüttetes Verhältnis
Ganz am Anfang – vor vielleicht 50 000 Jahren – haben sich Wolf und Mensch offensichtlich ganz gut vertragen. Das Verhältnis hat einen Knacks bekommen, als der Mensch sesshaft und zum Viehhalter wurde. Das eingepferchte Hausvieh war für den Wolf eine leichte und willkommene Beute. Vor knapp 150 Jahren hat der Mensch den Kampf – einstweilen – gewonnen: Der letzte freilebende Wolf in Deutschland wurde geschossen.

Entfernte Verwandte
Sie haben die gleichen Vorfahren und mehr Gemeinsamkeiten, als man glaubt: Wolf und Hund gleichen sich in etwa 20 000 Genen, und nur 36 Gene weichen laut Erkenntnissen der Forschung voneinander ab. Hat sich aber der Hund zu des Menschen Liebling hochgedient, so genießt sein entfernter Verwandter nach wie vor keinen guten Ruf. Ironie des Schicksals ist es da, dass ausgerechnet der Hund Ziegen und Schafe vor dem Wolf schützen soll. Wie zum Beispiel die beiden Maremmano-Abruzzese-Hunde Lori und Lewin, die in einem Projekt des Naturschutzbundes auf dem Windberghof bei St. Blasien zu Herdenschutzhunden ausgebildet werden.
Der (Guido) Wolf würde gerne das für sich in Anspruch nehmen, was für seinen tierischen Namensvetter schon jetzt gilt: Baden-Württemberg ist offiziell Wolferwartungsland. Das kann der Fraktionschef und CDU-Spitzenkandidat wohl noch nicht auf sich persönlich beziehen: Zuletzt wollten ihn laut Umfragen nur knapp 20 Prozent der Wählerinnen und Wähler als Ministerpräsidenten haben. Da dürfte selbst der böse Wolf einen größeren Rückhalt haben.


Unliebsame Begegnungen
Die unliebsamen Begegnungen junger Wölfe mit dem Auto in Baden-Württemberg haben gezeigt: Das Auto bleibt der größte Feind des Wolfes, wie auch eine Statistik aus Sachsen zeigt. Von 2000 bis Juli 2015 wurden dort 41 Wölfe tot aufgefunden: 26 starben bei Verkehrsunfällen (davon vier mit der Bahn), sieben wurden illegal getötet, fünf starben eines natürlichen Todes, und bei dreien ist die Todesursache unklar.

Zweibeinige Feinde
Die Feinde des Wolfes kommen gemeinhin nicht in der Wildnis vor und sie haben in aller Regel zwei Beine. Natürliche Feinde besitzt der Wolf in der Tierwelt nicht, der Mensch ist sein einziger ernstzunehmender Widersacher. Da sind zum Beispiel die Jäger – heute offiziell Wildtiermanager genannt –, die mit dem Wolf ums Beutewild buhlen, vor allem aber sind es Schaf- und Ziegenhalter, die sich (berechtigte) Sorgen um ihr Vieh machen. Beiden ist eine Einstellung gemein: Sie wünschen sich den Wolf zurück nach Sibirien.

"Wir Schäfer wollen den Wolf nicht", sagt ein Sprecher des Landesschafzuchtverbandes, der Deutsche Jagdverband dagegen fordert: "Insgesamt darf der Wolf weder verharmlost, noch verteufelt werden." Beide Verbände arbeiten aber eng mit den Naturschutzverbänden und den zuständigen Ministerien in Stuttgart zusammen.
Warum brauchen wir den Wolf?
150 Jahre haben die Menschen in Baden-Württemberg gut ohne den Wolf gelebt, warum sollte man an diesem Zustand etwas ändern? "Der Wolf ist eine heimische Tierart, die in unser Ökosystem passt und einen positiven Beitrag liefert", sagte dazu Michael Glock, ehrenamtlicher Wolfsbeauftragter des Naturschutzbundes, "wir haben eine so durchorganisierte Gesellschaft, in der es immer nur um Nutzen geht, da bringt dieses faszinierende Tier ein Stück Wildheit zurück."

Wer hat Angst vorm bösen Wolf?
Glaubt man den Experten, dann muss kein Mensch Angst haben vor dem Wolf. Der Mensch steht nicht auf dem Speisezettel des Wolfes, der zwar neugierig, aber auch scheu ist. Weglaufen wird deshalb kein Wolf, wenn er einem Menschen im Wald begegnet, sondern sich in aller Ruhe trollen.

"Es reicht, laut zu reden oder in die Hände zu klatschen, um sie zu vertreiben", sagt Michael Glock, der Spaziergängern noch einen besonderen Ratschlag ans Herz legt: "Wenn Sie tatsächlich einem Wolf begegnen, sollten sie diesen seltenen Moment erst mal genießen und vielleicht ein Foto machen."

Autor: Christian Kramberg