Singen

Diskussion über ein Zentrum für Jenische

dpa

Von dpa

Sa, 07. Januar 2017 um 00:01 Uhr

Südwest

In Singen leben viele Jenische. Unterstützt von einem Förderverein kämpft das einst fahrende Volk für eine eigene Kultureinrichtung in der Stadt. Das soll Begegnungen ermöglichen.

Wer Alexander Flügler besucht, merkt sofort: Dem Mann sind Familie und Herkunft wichtig. Die Wände des Büros im Keller seines großen Wohnhauses sind übervoll behängt mit Fotos. Flügler mit seiner Frau, Flügler mit seinen Kindern, Verwandte hier, Freunde dort, alte Menschen, junge Menschen, große und kleine lachen von der Wand. Und wenn man den Inhaber einer Reinigungsfirma aus Singen (Kreis Konstanz) fragt, wer er ist, sagt er erst mal: "Ein Jenischer." Und danach: "Ein Singener und ein Unternehmer."

Die Antwort ist aus Flüglers Sicht nicht selbstverständlich: Viele Angehörige der Jenischen outeten sich nicht, sagt der 59-Jährige. Sie hätten Angst vor Benachteiligung: "Das merkst Du geschäftlich und privat." Denn die Jenischen seien nicht nur in der Vergangenheit immer wieder ausgegrenzt und diskriminiert worden, auch heute herrschten ihnen gegenüber noch Vorurteile und Misstrauen.

Wer die Jenischen sind, ist gar nicht so leicht zu beantworten

Er erlebe das am eigenen Leib, sagt Flügler, der sich nach eigenen Angaben vom Fensterputzer zum Unternehmer hochgearbeitet hat und inzwischen in einer Art Villa wohnt. "Bei mir heißt es auch: Wie kann ein Jenischer so ein Haus haben? Ich sage dann: Um fünf Uhr aufstehen und schaffen bis um acht."

Doch wer die Jenischen sind, ist gar nicht so leicht zu beantworten. Auch die wissenschaftliche Deutung sei schwierig, sagt die Ethnologin Anna Lipphardt von der Universität Freiburg. So seien die Jenischen zum Beispiel in der Schweiz als nationale Minderheit anerkannt, in Deutschland aber nicht. Wie viele Jenische heute noch in Deutschland leben, auch dazu gibt es nur Schätzungen. Die Bundesregierung spricht laut Flügler von 8000 Menschen, er selbst geht von deutlich mehr aus.

Nicht immer klappt das Zusammenleben mit anderen gut

Auch über die Herkunft der Gruppe gibt es viele Theorien. Was man weiß: Die Jenischen waren ursprünglich ein fahrendes Volk. Das spüre man heute noch, sagt Flügler. "Der Jenische will seine Freiheit." Früher waren sie oft Korbmacher oder Scherenschleifer. Berufe, die fast ausgestorben sind. Inzwischen seien viele Jenische sesshaft geworden, und ihre Geschichte und Herkunft seien den meisten Menschen gar nicht mehr bekannt.

Dagegen will Alexander Flügler etwas unternehmen: Gemeinsam mit einem Förderverein will er ein Kulturzentrum der Jenischen in Singen errichten. Denn in der kleinen Stadt im Hegau mit knapp 47 000 Einwohnern leben zahlreiche Mitglieder der Gruppe. Nicht immer klappt das Zusammenleben mit anderen gut. "Der Jenische tut sich schwer, sich an die Gesellschaft anzupassen", sagt Flügler dazu.

Durch Begegnung mit anderen Familien könnten die Kinder neue Wege kennenlernen

Das kennt auch Ursula Garz. Die Leiterin einer Singener Förderschule hat bereits viele jenische Kinder unterrichtet. Derzeit stellten diese sowie Kinder der Sinti ein Viertel ihrer Schüler. Viele Familien hätten das Reisen längst aufgegeben und lebten vom Jobcenter, sagt Garz. Trotzdem fehlten deren Kinder in der Schule, machten oft keine Hausaufgaben und hätten generell Schwierigkeiten, sich im Klassengefüge zu behaupten.

Die Schuldirektorin unterstützt die Idee des Kulturzentrums. Mit Flügler ist sie im Förderverein engagiert. Durch Begegnung mit anderen Familien könnten die Kinder neue Wege kennenlernen – und erfahren, dass nicht alle Jenische von Hartz IV lebten. Das treibt auch Flügler an: "Wir brauchen jenische Vorbilder." Zugleich will er Ausstellungen und Workshops in dem Zentrum organisieren, Beratungen anbieten, die jenische Sprache vermitteln, Konzerte ermöglichen.

Förderverein plant ein jenisches Kulturfest in der Stadt

Im Singener Rathaus bleibt man gegenüber den Plänen ein wenig verhalten: Ein früheres Konzept wurde vom Gemeinderat verworfen, weil der Standort zu weit außerhalb der Stadt lag. Zum anderen wollten die Räte die Idee nicht mittragen, zehn Wohneinheiten für Familien der Jenischen und der Sinti in dem Kulturzentrum einzuplanen. Es bedürfe einer Neujustierung der verschiedenen Bausteine, sagt ein Stadtsprecher. "Diesen Prozess wird die Stadt Singen wie in den vergangenen Jahren konstruktiv begleiten."

Im Mai plant der Förderverein ein jenisches Kulturfest in der Stadt. Wenn das gut laufe, verbesserten sich auch die Aussichten für das Kulturzentrum, meint Flügler. Das sieht auch die Stadt so: Der Förderverein könne das Fest nutzen, um "den Gesprächsfaden zu den Mitgliedern des Gemeinderates wieder aufzunehmen und für ein gemeinsames Beschreiten des Weges zur Realisierung einer Stätte der jenischen Kulturvermittlung zu werben".