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14. Mai 2009 07:38 Uhr

Doping an der Uniklinik

Das System Keul

Joseph Keul, der im Jahr 2000 verstorbene Chef der Sportmedizin an der Freiburger Universitätsklinik, hat Doping über Jahrzehnte erforscht und verharmlost.

Der Redner hat Rang und Namen, er kommt aus der Hauptstadt. Er besucht Freiburg, und er bringt einen Wunsch mit. Gerhard Groß, Ministerialrat im Bundesministerium des Inneren, wünscht sich den Einsatz von Medikamenten im Sport. Er bittet Freiburger Sportmediziner, sich mit Mitteln zu beschäftigen, die die Leistung fördern. Nur mit ihrer Hilfe könnten die Athletinnen und Athleten aus Westdeutschland überhaupt noch mithalten im weltweiten Konkurrenzkampf. Es ist das Jahr 1976.

Groß spricht vor laufenden Kameras. Der Südwestfunk zeichnet seine Rede auf. Bei der Einweihungsfeier der neuen Abteilung Sportmedizin an der Freiburger Universitätsklinik am Donnerstag, dem 21. Oktober 1976, sind Medikamente sogar das Top-Thema. Es geht darum, wie sie zum Wohle des Sports zu gebrauchen seien. Groß bittet darum, und er behauptet, sich darin einig zu sein mit Werner Maihofer, dem Bundesinnenminister in Bonn. In seiner Rede wendet er sich gezielt an den Freiburger Sportmediziner Professor Joseph Keul. Er kommt auf den Einsatz von Medikamenten zu sprechen. Er sagt:

"Mir ist bekannt, dass sich auch Freiburg, wenn ich einmal Ihre Person, lieber Herr Professor Joseph Keul, mit Freiburg identifizieren darf, hierzu mehrfach geäußert hat. Wenn keine Gefährdung oder Schädigung der Gesundheit herbeigeführt wird, halten Sie leistungsfördernde Mittel für vertretbar. Der Bundesminister des Inneren teilt grundsätzlich diese Auffassung. Was in anderen Staaten erfolgreich als Trainings- und Wettkampfhilfe erprobt worden ist und sich in jahrelanger Praxis ohne Gefährdung der Gesundheit der Athleten bewährt hat, kann auch unseren Athleten nicht vorenthalten werden. Diese Einschätzung ergibt sich zwangsläufig, wenn wir mit der Weltspitze der Sportbewegung Schritt halten wollen, und dies wollen wir."

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Ministerialrat Groß vermeidet das Wort Doping, aber er verlangt nichts anderes, und die einzige Bedingung für ihn ist, dass die Athleten dabei gesund bleiben. Seine Rede ist nicht die Geburtsstunde des Dopings in Freiburg. Leistungssteigernde Medikamente werden dort schon seit langem erprobt, zum Beispiel an Gewichthebern. Aber in diesem Augenblick erhält die pharmakologische Offensive des Sportstandorts ihre höchsten Weihen. Der Staat erbittet sie, und jeder kann es hören.

War Joseph Keul der geistige Urheber dessen, was die Untersuchungskommission der Universitätsklinik gestern im Detail für das Radsportteam Telekom/T-Mobile beschrieb? Seine Assistenzärzte Andreas Schmid und Lothar Heinrich sind überführt, aber was ist mit ihrem einstigen Chef? Schon 1976 führt er die Sportmedizin der Klinik an. Ministerialrat Groß weist ihm am 21. Oktober eine Schlüsselrolle zu, und jeder kann es hören. Im Raum sitzt an jenem Tag nicht nur Keul. Spitzenfunktionäre sind zugegen. Vor allem aber hat sich die politische Elite Freiburgs versammelt, darunter der junge CDU-Landtagsabgeordnete Gundolf Fleischer. Er sitzt, das zeigen die Fernsehbilder, schon damals weit vorn. Wenn Fleischer, der spätere Staatssekretär der CDU in Stuttgart und Präsident des Badischen Sportbunds, bei dem Festakt vor drei Jahrzehnten aufmerksam zugehört hat: Wie kann der nun wichtigste Mann des Sports in Südbaden und schärfste Verteidiger der Freiburger Sportmedizin dann bis heute behaupten, er habe von Doping in Freiburg nie etwas gewusst? Er selbst lässt zu der Frage, was genau das Bundesinnenministerium in jenen Jahren von Freiburg gefordert habe, nur ganz allgemein erklären:

"Herrn Fleischer wurde von Dritten berichtet, dass das Bundesinnenministerium Professor Keul und der Freiburger Sportmedizin einen Forschungsauftrag erteilt haben soll, zu untersuchen, ob und inwieweit medizinische beziehungsweise medikamentöse Behandlungen mit dem Ziel der Leistungssteigerung bei Sportlern zulässig sind, ohne dass diese unzulässiges Doping darstellen. Dies wurde ihm zum Beleg dafür angeführt, dass es der Sportmedizin um die Erforschung legaler Leistungssteigerungsmöglichkeiten im Sport ging, entsprechend dem damaligen Zeitgeist und Verständnis."

Aber was war der damalige Zeitgeist? Der Einsatz der Anabolika zum Beispiel, also Präparaten zum Aufbau der Muskulatur, muss in den 1970er Jahren nahezu flächendeckend erfolgt sein im Spitzensport. Ministerialrat Groß lässt offen, worauf er abzielt. Er spricht von "leistungsfördernden Mitteln". Er meint damit allerdings eindeutig Medikamente. Keul bestätigt das. Der Südwestfunk führt mit ihm noch ein Interview. Keul sagt:

"Im Besonderen wollen wir dabei in den nächsten Jahren unser Hauptaugenmerk auf die Möglichkeiten einer medikamentösen Beeinflussung der Leistungsfähigkeit beim Menschen richten. Was möglich ist, was eingesetzt werden kann, was dem Sportler, ohne ihm zu schaden, nützt."

Keul spricht nicht etwa von den Verboten, die sich der internationale Sport bei einzelnen Medikamenten längst selber auferlegt hat. Anabolika zum Beispiel stehen seit 1974 auf der Dopingliste des Internationalen Olympischen Komitees. Keul spricht nur über die Frage, welche Medikamente die Leistung des Sportlers steigern können, ohne ihn krank zu machen. Dieses verbale Verwirrspiel wird sein ganzes berufliches Wirken kennzeichnen. Keul wird bis zu seinem Tod im Jahr 2000 immer wieder für Schlagzeilen sorgen, weil er sich wiederholt an der Grenze zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen bewegt – zum Beispiel 1987 in einer Testosteronstudie.

In den 1970er Jahren spricht er noch recht offen über den Einsatz der Pharmaka im Sport. Geradezu legendär wird sein Satz: ""Jeder, der einen muskulösen Körper haben und einfach männlicher wirken möchte, kann Anabolika einnehmen." Keul trete als "großer Verharmloser" auf, schreibt Peter Danckert, der Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag. Später wird Keul vorsichtiger mit öffentlichen Äußerungen und gibt sich immer mehr als energischer Doping-Bekämpfer. Der Staat und zuletzt auch der Telekom-Konzern werden sich stets auf die angeblich absolute Integrität der Koryphäe berufen, wenn sie sportmedizinische Leistungen in Freiburg bestellen. Kritik an Keul läuft ins Leere, der Staat ermittelt nie. "Keul wusste, dass Staatsanwälte bei ihm nicht reinkommen", sagt Doping-Bekämpfer Werner Franke.

Welche Geschichte verbirgt sich hinter dem Namen des großen Joseph Keul? War der einstige Chef der nun schwer belasteten Mediziner Schmid, Heinrich und Georg Huber eine Schlüsselfigur in der geheimen Dopingoffensive Westdeutschlands? Bot Keul zusammen mit Armin Klümper, dem zweiten sportmedizinischen Weltstar aus Freiburg, dem DDR-Staatsdoping seit den Olympischen Sommerspielen von München 1972 Paroli? Keul und Klümper betreuten bis zu 80 Prozent aller westdeutschen Sportstars in Freiburg: Fußballer, Leichtathleten, Wintersportler, Radrennfahrer, Tennisspieler, Ruderer. Wie viele von ihnen auch in Fragen des Dopings?

"Keinen einzigen", hätte Keul geantwortet. Doch es führen erdrückend viele Spuren in Keuls Wirkungsstätte, in die Sportmedizin der Universitätsklinik, in die Hugstetter Straße 55. "Nach meinem Eindruck wurde Keul mit Doping groß", sagt Professor Gerhard Treutlein, der renommierte Dopingforscher und Autor des Buchs "Doping im Spitzensport" aus Heidelberg. Der Staat habe "Freiburg und Keul geschützt, um ein westdeutsches Dopingsystem zu etablieren", erklärt Werner Franke. Ralf Meutgens, der Autor des Buchs "Doping im Radsport", schreibt Keuls Abteilung eine Schlüsselrolle zu.

"Er ist eindeutig der geistige Urheber des Dopings im Breisgau."

Werner Franke, Dopingexperte
Wer war Keul wirklich? Der Charmeur und blitzgescheite Strahlemann aus dem Rheinland schuf sich in Freiburg ein sportmedizinisches Imperium. Er vernetzte sich mit den führenden Kräften aus Politik und Sport, knüpfte aber auch heimliche Kontakte zu Sportärzten der DDR. Im Westen wusste man, dass in Erich Honeckers Reich von Staats wegen gedopt wurde. Vor allem konservative Politiker litten unter der Medailleneinbuße und der vermeintlichen Blamage im Kampf der Systeme. Der junge Wolfgang Schäuble, 1977 sportpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion in Bonn, plädierte offen für einen Gegenschlag mit Medikamenten. Im Bundestag warb der gebürtige Freiburger Seite an Seite mit Keul bei einer Anhörung für den Einsatz von Medikamenten auch im Westen "unter der absolut verantwortlichen Kontrolle der Sportmediziner".

Gehörte Keul zu den Ärzten, die diese Verantwortung übernahmen? Er war Chefarzt der Olympiamannschaften, die für Deutschland antraten und wurde weltweit als Experte gehört und geachtet. Ihm wurden höchste Ehrungen zuteil. 1990 erhielt er das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Gerhard Mayer-Vorfelder, der Landesminister für Kultus und Sport und zugleich Präsident des VfB Stuttgart, überreichte es ihm. Mayer-Vorfelder rühmte in seiner Festrede Keuls Wirken: "Es ist wesentlich Ihr Verdienst, dass die Freiburger Sportmedizin über die Landesgrenzen hinaus anerkannt ist und heute Weltruf genießt." Zusätzlich berühmt wurde Keul durch seine öffentlichen Auftritte an der Seite von Boris Becker und Steffi Graf. Er betreute die deutschen Daviscup-Mannschaften im Tennis und rückte zur Hoch-Zeit dieses Sports bei Live-Übertragungen der einstigen Seriensieger ins Rampenlicht. Später war er Becker und Graf auch ein väterlicher Freund. Immer wieder beschönigte er das Dopingproblem. Als der Spiegel 1990 systematische Manipulation bei westdeutschen Sprinterinnen aufdeckte, kommentierte Keul treuherzig: "Ich wüsste nicht, wo hier systematisch gedopt wird. Aber Einzelne werden das immer wieder tun."

Beweise für eine aktive Beteiligung Keuls am Doping beim Team Telekom fand die Untersuchungskommission nicht. Sie macht ihn aber für finanzielle "Unkorrektheiten" verantwortlich. Er sei außerdem "stets zur Stelle gewesen, wenn es galt, den Einsatz sowie die Wirkungen und Nebenwirkungen von Dopingmitteln zu bestreiten oder zu verharmlosen".

Viele Menschen haben Joseph Keul geachtet und geschätzt, und sie tun das noch immer. CDU-Staatssekretär Fleischer schrieb nach Keuls Tod: "Jupp war ein Freund." Kritik an Keul ist bis heute tabu. Man bewahrt ihm ein ehrendes Andenken. Der Konferenzraum des Olympiastützpunkts Freiburg/Schwarzwald trägt den Namen "Joseph-Keul-Raum".

Doping-Bekämpfer Franke will Keuls Vergangenheit auf keinen Fall ruhen lassen. Sein Urteil über den Doyen der Sportmedizin und über das "System Keul" steht fest: "Schmid und Heinrich waren Keuls Assistenten", sagt Franke. "Er ist eindeutig der geistige Urheber und einer der kriminellen Köpfe des Dopings im Breisgau. Aber auch Armin Klümper darf man in dieser Hinsicht nicht vergessen."

Autor: Andreas Strepenick