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21. Mai 2011

Zugunglück

Durchatmen in Müllheim

Noch einmal Glück gehabt: Im Bahnhof entgleist ein Güterzug mit 25 Wagen voller Gefahrstoffe – und außer Sachschaden ist nichts passiert.

  1. Aus dem Gleis: Umgekippte Waggons im Bahnhof von Müllheim führten zur Sperrung der Rheintalstrecke, Foto: MÜNCH/SCHÜTZ

  2. Busverkehr Schliengen Bahnunglück Foto: Jutta Schütz

Ein Geisterbahnhof. Eigentlich müsste es hier am Freitagnachmittag vor lauter Menschen wuseln. Denn Feierabend und Wochenende nahen. Doch am Bahnhof Müllheim wuselt nichts. Leere Bahnsteige. Vögel zwitschern. Die Bahnhofsbäckerei geschlossen, nur ein Schild wirbt für Erdbeeren. Eine Anzeigentafel kündigt an, dass der Regionalzug nach Offenburg heute fünf Minuten später fährt. Doch hier fährt nichts mehr. Hier ist Sperrzone. Plötzlich der Lärm von einem Hubschrauber der Bundespolizei. Er kreist und kreist über den Gleisen. Und ein einsamer Güterzug steht auf dem südlichen Abschnitt von Gleis zwei.

Ein halber Güterzug. Die andere Hälfte liegt 800 Meter entfernt am nördlichen Gleisbereich, abgerissen, verloren. Teile der Waggons liegen auf der Seite. Acht von ihnen sind entgleist, drei umgekippt, drei davon haben gefährliche und gesundheitsschädliche Stoffe an Bord. Die Kräfte, die hier wirkten, müssen enorm gewesen sein. Achsen liegen umher, die Schienen sind verformt. Ein leeres Containergestell verkeilt sich zwischen Bahnsteig 1 und 2. Der weiße Kessel, der darauf befestigt war, hat sich davon gemacht. Er quetscht sich an einen Oberleitungsmasten, weißes Pulver quillt heraus. All das passierte direkt am Beginn des Bahnsteigs zwei. Männer mit Atemschutzgerät schauen auf dieses Containerwirrwarr.

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Der Notruf ging gegen 13 Uhr ein. Als es passiert, sind bis zu 300 Menschen im Bahnhof und auf den Bahnsteigen. Eine Staubwolke wird aufgewirbelt. Schotter und Metallteile schleudert es bis auf den Parkplatz. Polizeioberkommissar Thomas Gerbert war schon auf dem Weg nach Hause ins Wochenende, als es passierte. Er war einer der Ersten vor Ort. "Mein erster Eindruck war: grauenvoll", sagt er. Und er wusste gleich: "Das können wir nicht so leicht bewältigen." Dann sagt Gerbert das Wort, das die Einsatzkräfte an diesem Tag in Müllheim immer wieder sagen: "Glück gehabt."

Denn es fehlten nur wenige Meter, und der abgetrennte Teil des Chemiezugs hätte sich mitten im Bahnhof verkeilt, wäre vielleicht auf die Mitte des Bahnsteigs gerast, wo viele Reisende standen. So aber wird wie durch ein Wunder bei dem Unglück niemand verletzt. Glück war es auch, dass kein Gegenzug aus dem Süden kam und in das querliegende Containergestell prallte. Glück, dass nichts brannte, explodierte.

Als die Einsatzkräfte kommen, können sie erst einmal nicht ran an den Zug. Die Oberleitung ist heruntergerissen und noch unter Spannung, die Bahnstrecke muss erst geerdet werden. Eine halbe Stunde vergeht, bis das geklärt ist. Doch die Feuerwehr weiß gleich: Evakuieren. Das ist ein Zug voller Chemie. Voller Zeichen, deren Bedeutung man erst ermitteln muss. Der Westwind, der oft in Müllheim weht, könnte die Stoffe über den ganzen Ort verteilen. Wer weiß, was hier noch hochgehen kann.

Es muss schnell gehen. Die Menschen auf dem Bahnhof, sie werden weggebracht. Eine Gefahrenzone wird eingerichtet, im Umkreis von 500 Meter Absperrbänder. 130 Feuerwehrleute helfen, 50 Rettungssanitäter, 50 Polizisten. Bewohner von drei bis vier Wohnhäusern auf der anderen Seite des Bahnhofs müssen ihr Heim für mehr als vier Stunden verlassen. Aus Angst vor einer unheilvollen Wolke.

Die Ladepapiere, in denen steht, wie giftig diese Fracht ist, sind in der Lokomotive. Der Lokführer ist kollabiert, muss in die Klinik. Zur Sicherheit lassen sich die Einsatzkräfte aus Karlsruhe noch einmal den Frachtbrief faxen. Was ist genau wo auf diesem Chemie-Zug, der von Köln ins italienische Gallarate fahren wollte? Was in diesen insgesamt 25 Waggons ist wie giftig und wie brennbar? Die Feuerwehr steht schließlich vor diesem Containerdurcheinander. Kann zunächst ausgelaufene Stoffe nicht genau den Behältern zuordnen. Sie müssen immer wieder ihre Handys und Funkgeräte ausschalten – wegen der möglichen Explosionsgefahr.

Stunden später schaut Thomas Hübner auf die zerquetschten und umgefallenen Waggons. "Da hat einer aufgepasst da oben", sagt er und zeigt mit dem Finger gen Himmel. Hübner ist Chemiker am Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald. Er berät die Feuerwehrleute, wenn Gefahrguttransporte plötzlich gefährlich werden, wie jetzt in Müllheim. Er hat Listen in der Hand, auf denen Namen von chemischen Stoffen stehen. Er kennt sich aus mit Gefahrenklassen und Stoffnummern. "Wirklich heikle Stoffe sind nicht auf diesem Güterzug" sagt er später, als man Entwarnung geben kann. Aber Hübner weiß, es hätte anders kommen können. "Alle Chemikalien dieser Welt werden transportiert – auch hier auf der Schiene."

Um 13 Uhr ist das Unglück passiert, doch erst gegen 17 Uhr können die Behörden sicher sagen, dass das Material nicht hochgefährlich ist. Das weiße Pulver, das aus einem der Kesselwaggons rieselt, ist PVC-Granulat. Aus einem anderen tropft Monoethylenglykol, die Flüssigkeit entzündet sich bei rund 400 Grad – man kennt sie aus Frostschutzmitteln. Feuerwehrleute versuchen, das Leck abzudichten. In den Waggons sind unterschiedliche Stoffe, in dem einen Harze, im anderen Ferrosilicium mit Verunreinigungen – wenn es darauf geregnet hätte, wäre Phosphorwasserstoff entstanden – ein Atemgift. Doch das Wetter ist schön an diesem Freitag in Müllheim.

Nicht weit entfernt von der Gefahrenzone, steht Maik Radtke aus Chemnitz mit seinen 14 Kollegen. Seit Sonntagabend machen sie Gleisbauarbeiten auf Gleis 12 in der Nähe der Unglücksstelle, sagt er. Auch er spricht von Glück. "Wären wir nicht in der Mittagspause gewesen, hätte es Tote unter uns gegeben", sagt Radtke. Seine Kollegen nicken. "Ja, wir wären Matsch gewesen", sagt einer. Das Hotel, in dem Radtke übernachtet, liegt direkt am Bahnhof in der Evakuierungszone. Er hat eine Pause gemacht und gar nicht mitbekommen, was draußen passiert. "Aber die Polizei hat uns erst zwei Stunden nach dem Unglück evakuiert, die haben uns einfach vergessen."

Vergessen fühlen sich auch die vielen Reisenden. Die wichtige Bahnstrecke komplett gesperrt, Busse fahren, Schienenersatzverkehr zwischen Heitersheim und Schliengen. In Müllheim aber dürfen die Busse nicht direkt zum Bahnhof. Menschen mit suchenden Blicken ziehen Koffer und Einkaufstaschen hinter sich her, Hunderte hängen fest. An einem Freitagnachmittag will Ersatz erst organisiert sein.

Herbert und Christine Müller stehen mit ihren Fahrrädern in der Bahnhofsstraße. Sie stammen aus Waldshut und haben eine schöne Radtour von Feldberg nach Müllheim hinter sich. Jetzt wollten sie mit dem Bus zurück. "Keiner weiß, wo er abfährt, sie lassen uns nicht zum Bahnhof", sagt Herbert Müller. Einige Schweizer quetschen sich noch in einen Bus, der gen Süden fährt. Es ist klar: Es wird lange dauern, bis die Bahnstrecke wieder frei wird, vielleicht das ganze Wochenende. Spezialgerät aus Fulda und Leipzig muss her. Noch in der Nacht sollen die Tanks leergepumpt werden.

Es ist etwas eingetreten, was vor allem die Gemeinden südlich von Müllheim seit Jahren befürchten. Nicht nur in Bad Bellingen windet sich die Rheintalbahn mitten durch den Ort, die Häuser ragen zum Teil bis 15 Meter an die Schienen heran. Seit Jahren streitet der dortige Bürgermeister dafür, dass Güterzüge nach dessen Fertigstellung den Ort durch den neuen Katzenbergtunnel umfahren. Der Unfall wird bei vielen Menschen in Bad Bellingen Erinnerungen an das Zugunglück im Ortsteil Rheinweiler wachrufen. Erinnerungen, die in diesem Jahr ohnehin nicht tief sitzen: Denn am 21. Juli jährt sich der Unfall, bei dem ein Zug entgleiste und 23 Menschen starben, zum vierzigsten Mal.

Über das Wochenende halten wir Sie online auf dem Laufenden: http://www.badische-zeitung de

HINTERGRUND

Gefahrgut auf Schiene und Straße

Gefährliche Güter werden je nach ihren Eigenschaften klassifiziert und in verschiedene Risikokategorien eingeteilt. Diese Einteilung ist international vereinbart, damit zum Beispiel ein deutscher Feuerwehrmann weiß, was ein ausländischer Güterwaggon oder Lastwagen geladen hat. Davon hängt ab, welches Lösch- oder Bindemittel zum Einsatz kommt. Die Klassifikationsnummer muss am Fahrzeug sichtbar angebracht sein. Ein Behälter des in Müllheim gekippten Waggons hatte nach Angaben der Bahn ein Produkt der UN-Nummer 1866, Harzlösung, geladen, Klasse 3. Später stellte sich heraus: Dieser Behälter hielt dicht, ein zweiter war leck geschlagen.

  Die Güter sind in neun Klassen eingeteilt: explosive Stoffe (Klasse 1), Gase (2), entzündbare Flüssigkeiten (3), entzündbare feste Stoffe, entzündend wirkende (5), giftige (6), radioaktive (7) und ätzende Stoffe (8). Klasse 9 sind sonstige gefährliche Substanzen.

  Was genau geladen ist, muss im Frachtbrief verzeichnet sein, den der Zugführer mitführt. Ein Durchschlag bleibt beim Transporteur, die Daten müssen zudem nach Angaben des Eisenbahnbundesamtes dem Netzbetreiber (DB Netz) zur Verfügung stehen. Die DB Netz müsse jederzeit wissen, was auf den Schienen unterwegs ist.

  Die Eisenbahn Unfalluntersuchungsamt ist mit den Ermittlungen beauftragt. Dabei wird die Unfallursache untersucht. Es muss auch geklärt werden, ob die Wagen in der richtigen Folge zusammenhingen. Auch dafür gibt es Kriterien.

  Die Güterverkehrstochter der Bahn befördert pro Jahr rund 35 Millionen Tonnen Gefahrgut auf den Schienen, damit sind etwa 14 Prozent aller Gütertransporte solche mit Gefahrgut.  

Autor: fs

Autor: Michael Neubauer und Katharina Meyer