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01. August 2015 00:03 Uhr

Flüchtlinge in Südbaden (1)

Flüchtlinge in Südbaden: Hunderte brauchen Unterkunft

Hunderte Flüchtlinge strömen nach Südbaden und müssen untergebracht werden. Für die Erstunterbringung sind die Kreise zuständig. Wo sind Unterkünfte voll, wo welche geplant? Eine Übersicht.

  1. Viel Spaß beim Spielen im Flüchtlingswohnheim Hammerschmiedstraße in Freiburg Foto: Kunz

Sind wir nicht ein weltoffenes Land?

57 Prozent der Bundesbürger, heißt es im aktuellen ARD-Deutschlandtrend, wünschen sich, dass wir weiterhin so viele Flüchtlinge wie bisher aufnehmen – oder sogar mehr.

Leider kann man dieselbe Umfrage auch anders lesen. 38 Prozent der Befragten wollen, dass Deutschland weniger Flüchtlinge aufnimmt als bisher. Vor einem halben Jahr waren nur 21 Prozent dieser Meinung. Die Veränderung zeigt: Die Stimmung in der Bevölkerung ist angesichts der steigenden Zahl von Asylbewerbern weniger stabil, als es lange den Anschein hatte. Ja, wo noch heute Gelassenheit und Hilfsbereitschaft dominieren, könnten morgen Ablehnung und Widerstand wachsen. Und rechtsextreme Gewalttäter könnten daraus schäbigen Nutzen ziehen. Die Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte nehmen zu, vor allem in Ostdeutschland, aber fürwahr nicht nur dort.

Mit bis zu 450 000 Asylerstanträgen rechnet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Stand heute, für 2015. Das wären mehr, als es 1992 waren. Damals brannte das Asylwohnheim in Rostock-Lichtenhagen, und die rechtsradikalen Republikaner zogen mit knapp elf Prozent in den baden-württembergischen Landtag ein. Schließlich verständigten sich Union und SPD im Bund auf den berüchtigten Asylkompromiss. Er lief auf eine massive Einschränkung des Asylrechtes hinaus.

Kann sich Ähnliches wiederholen?

Tatsache ist: Viele Kommunen auch in Südbaden sind mit der Unterbringung von immer noch mehr Flüchtlingen bereits überfordert. Tatsache ist aber auch: Viele Bürger sind heute toleranter, die Zivilgesellschaft ist stärker, und auch die Politik agiert mit Sinn und Verstand, meistens jedenfalls.

Wir von der Badischen Zeitung wollen unseren Betrag dazu leisten, dass die asylpolitische Debatte dieses Sommers nicht schon aufgrund unzureichender Informationen aus dem Ruder läuft. Deshalb wollen wir ab sofort in einer Serie drei Mal die Woche möglichst viele Aspekte beleuchten.

Wir wollen Flüchtlingen ein Gesicht geben, über Fälle erfolgreicher Integration berichten, aber auch Schwierigkeiten nicht aussparen: bei der Unterbringung, auf dem Arbeitsmarkt, im Miteinander von Neuankömmlingen und Einheimischen. Den Anfang macht eine Momentaufnahme: Eine Übersicht über die Zahl der Asylbewerber in Südbaden, und was dies für die Region bedeutet.

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FREIBURG: Viele Unterkünfte sind marode Behelfsbauten

In Freiburg sind derzeit rund 1800 Flüchtlinge untergebracht. Allein im Juli wurden der Stadt vom Land 149 neue Flüchtlinge zugewiesen, damit hat sich die Zahl der monatlich in der Stadt ankommenden Flüchtlinge seit Jahresanfang mehr als verdoppelt. Rund zwei Drittel der Flüchtlinge leben in Sammelunterkünften, die anderen in angemieteten Wohnungen. Die Sammelunterkünfte sind meist marode Behelfsbauten aus den frühen 1990er Jahren, zuletzt hat man diese Standorte durch Wohncontainer ausgebaut und neue Standorte eröffnet.

Inzwischen nimmt die Stadt sämtlichen Wohnraum, den sie bekommen kann, und arbeitet dafür auch mit Maklern zusammen. Außerdem werden verstärkt Büro- und Firmengebäude als Unterkünfte hergerichtet, etwa ein Gebäudekomplex des Brillengläserherstellers Essilor im Gewerbegebiet Haid. Es gibt im Rathaus einen Notfallplan, der auch die Belegung von Turnhallen vorsieht, allerdings will die Stadt darauf möglichst verzichten.

Auf dem 5,8 Hektar großen Gelände der aufgelösten Polizeiakademie soll bis kommenden Oktober eine Bedarfsorientierte Erstaufnahmeeinrichtung (Bea) in einer Traglufthalle oder in Wohncontainern eingerichtet werden, bis Ende 2016 dann eine reguläre Landeserstaufnahmestelle (Lea) für 500 bis maximal 1000 Flüchtlinge. Damit wird die Stadt dann von der Aufnahme weiterer Flüchtlinge befreit.

BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD: Flüchtlinge in umgebauten Gebäuden

Im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald sind derzeit knapp 1000 Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften und dezentral in den Gemeinden untergebracht. In der größten Unterkunft im Landkreis in Kirchzarten sind rund 90 Flüchtlinge untergebracht. In Titisee-Neustadt leben rund 105 Flüchtlinge in zwei Quartieren, die Stadt sucht Unterkünfte als Ersatz für das marode Wohnheim.

In Müllheim ist im Frühjahr eine Gemeinschaftsunterkunft für 80 Flüchtlinge in Betrieb gegangen, für die ein ehemaliges Gästehaus am Bahnhof umgebaut wurde.

Zuvor waren die Flüchtlinge in einer Turnhalle der Berufsschule untergebracht, was für Diskussionen und Unmut gesorgt hatte. Mittlerweile hat sich dank eines großen Helferkreises ein guter Umgang mit den Flüchtlingen entwickelt.

Infografik: Woher kommen die Flüchtlinge im Südwesten?

In Breisach gibt es in der Kernstadt zwei Flüchtlingsunterkünfte, eine auf dem Münsterberg (für Frauen und Kinder) und den sogenannten "Campus der Kulturen" (Männer), ein umgebautes altes Kasernengebäude. In beiden zusammen leben derzeit rund 70 Flüchtlinge. Container wollen Bürgermeister und Gemeinderat nicht aufstellen. Mit dem Bund wird deshalb über den Kauf eines weiteren ehemaligen Kasernengebäudes verhandelt.

In Ihringen leben 35 Asylbewerber in Wohnungen, in Vogtsburg 16. In Schallstadt sind derzeit 30 Flüchtlinge in verschiedenen Unterkünften untergebracht, in Horben 18, darunter zwei Babys, die in Freiburg auf die Welt gekommen sind. In March setzt die Gemeinde auf dezentrale Unterbringung im eigenen Gebäudebestand. Da das aber nicht ausreicht, gibt es seit Jahresbeginn eine Containeranlage, die in der Nähe zu Schulen, Kindergarten und Einkaufsmöglichkeiten liegt. Insgesamt leben aktuell 35 Flüchtlinge dort. Bis Ende 2016 soll im Ortsteil Buchheim das Feuerwehrhaus zu einer Unterkunft mit rund 24 Plätzen umgebaut werden. Für die Übergangszeit müssen neue Container gekauft werden.

In Feldberg sind 50 Flüchtlinge im Wohnquartier am Sommerberg untergebracht. Zwischen vier und 24 Flüchtlingen leben in Breitnau, Eisenbach, Friedenweiler, Lenzkirch und Löffingen. In Schluchsee ist eine Gruppe direkt im Rathaus untergebracht, in Hinterzarten wohnt eine Gruppe im Haus des Polizeipostens, in St. Märgen eine in einem Haus, das die Gemeinde eigens gekauft hat.

Die Gemeinde Bad Krozingen hat sich lange Zeit gelassen, ihrer Verpflichtung zur Unterbringung von Flüchtlingen nachzukommen. Nun aber entsteht am Südrand der Stadt in Nachbarschaft zum Kreisgymnasium eine Flüchtlingsunterkunft für 80 Personen. Als Provisorium wurden neben der Baustelle Container für 60 Flüchtlinge aufgestellt.

In Gundelfingen gibt es seit einem Jahr Streit um eine geplante Sammelunterkunft für 60 Flüchtlinge, die das Landratsamt dort bauen will. Vergangene Woche kündigte das Landratsamt an, 60 Flüchtlinge in der Turnhalle des Schulzentrums unterbringen zu wollen – was der Gemeinderat ablehnte, mit Verweis auf Versäumnisse des Landratsamts.

ORTENAU: Verantwortliche auf der Suche

Im Ortenaukreis sind derzeit in 19 Städten und Gemeinden rund 1600 Flüchtlinge in einer vorläufigen Unterkunft untergebracht. Die Anzahl der Plätze in den fünf Großen Kreisstädten: Offenburg 397, Lahr 256, Kehl 134, Oberkirch 101 und Achern 63. Doch auch in zahlreichen weiteren mittelgroßen und kleineren Städten und Gemeinden gibt es größere Kontingente, etwa in Friesenheim (150), Zell a. H. (149) oder auch in Ettenheim (53). Neue Unterkünfte werden im Frühjahr 2016 in Friesenheim, Achern, Oberkirch und Offenburg eröffnet. Die Plätze dort werden allerdings bei weitem nicht reichen, beim Landratsamt in Offenburg geht man davon aus, dass die Gesamtzahl der unterzubringenden Flüchtlinge Ende dieses Jahres bei rund 2900 liegen wird. "Diese Plätze haben wir im Moment noch nicht", sagt Landrat Frank Scherer. Die Verantwortlichen um Dezernent Michael Loritz und Alexandra Roth, Leiterin des Migrationsamtes, seien derzeit auf der Suche nach allen möglichen Unterkünften. Wenn nicht schnell von den 51 Städten und Gemeinden, von den Kirchen oder von Privatleuten Unterkünfte gemeldet würden, sei man gezwungen, kreiseigene Turn- und Sporthallen zu belegen oder Zelte aufzustellen.

EMMENDINGEN: Auch eine Klinik wird vorübergehend genutzt

Derzeit sind im Landkreis Emmendingen in 22 ganz unterschiedlich großen Unterkünften 600 Flüchtlinge untergebracht. Die Unterkünfte verteilen sich auf elf Kommunen, wobei die größte Zahl von Asylbewerbern mit 350 in Emmendingen lebt. Von ihnen sind wiederum die meisten in einer Gemeinschaftsunterkunft und in Containern untergebracht. In der zweitgrößten Stadt des Kreises, in Waldkirch, leben hingegen gerade einmal acht Flüchtlinge. Die Spanne der Unterkünfte reicht von einzelnen Wohnungen bis hin zur Gemeinschaftsunterkunft und Containern. So sind in Kenzingen 53 Menschen in Wohnhäusern untergebracht, in Teningen-Köndringen 30 in Containern. In Simonswald wird eine ehemalige Klinik vorübergehend für 70 Menschen genutzt.

Nach der jüngsten Prognose vom Mai muss der Landkreis zum Jahresende mit etwa 930 Flüchtlingen rechnen, derzeit kommen Woche für Woche 20 bis 30 Neuankömmlinge. Mit dem Anstieg der Zahlen hat sich die Zahl der Helferkreise spürbar vergrößert. Außerdem hat Mitte Juni eine Koordinierungsstelle von Caritas und Diakonie die Arbeit aufgenommen. Sie soll die professionelle und ehrenamtliche Betreuung vernetzen.

Vorfälle in und um die Unterkünfte im Landkreis hat es bis auf einen Wasserschaden im März dieses Jahres in einer bezugsfertigen Unterkunft in Malterdingen nicht gegeben. Die Ergebnisse polizeilicher Ermittlungen haben einen fremdenfeindlichen Hintergrund weder ausschließen noch bestätigen können.

LÖRRACH: Debatten um neue Standorte in einem Wohngebiet oder bei einem Friedhof

Dass für den Bau einer Gemeinschaftsunterkunft ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben wird, dürfte auch künftig ein Ausnahmefall bleiben – obwohl der Landkreis und die Stadt Lörrach damit gute Erfahrungen gemacht haben. Für die Unterbringung von 200 Flüchtlingen im Stadtteil Haagen reichten fast 20 Architekturbüros Vorschläge ein. Die beste bauliche Lösung sei wirtschaftlich, diene der Integration und biete die Möglichkeit, die Anlage später auch anders zu nutzen, begründete Landrätin Marion Dammann den Aufwand. Hintergedanke ist auch, mit einer ansehnlichen Gemeinschaftsunterkunft die Akzeptanz in der Bevölkerung sicherzustellen, wenn 2018 die ersten Flüchtlinge einziehen sollen. 2014 hatte es noch gegen die ersten Pläne des Landkreises im Stadtteil Brombach zum Teil so heftige Proteste gegeben, dass der Grundstückseigentümer sein Verkaufsangebot wieder zurückzog. Eine zweite Gemeinschaftsunterkunft in einer alten Wohnanlage der kommunalen Wohnbau Lörrach ist bereits mit 100 Personen voll belegt. Insgesamt beherbergt der Landkreis Lörrach derzeit rund 770 Flüchtlinge.

In Rheinfelden ist die größte der sechs Gemeinschaftsunterkünfte des Landkreises, das Übergangswohnheim Schildgasse, mit einer Kapazität von 394 Plätzen meist voll belegt. In der Gemeinde Efringen-Kirchen leben 150 Menschen derzeit in den Büro- und Containerbauten auf der ehemaligen Katzenbergtunnel-Baustelle. Schon ein Jahr vor der Eröffnung der Unterkunft hatten sich mehr als 60 Bürger zum Asylkreis Fürenand zusammengefunden, der unter anderem eine Kleiderkammer organisiert. Die Stadt Weil am Rhein hat 65 Menschen aufgenommen, sie versucht, die Flüchtlinge möglichst dezentral in Wohnungen unterzubringen. Die größte Unterkunft, ein ehemaliges Zollgebäude, gehört dem Bund. In Kandern sind gegenwärtig zwölf Menschen in Wohnungen untergebracht.

In Todtnau ist das ehemalige Asylbewerberwohnheim, das der Landkreis Lörrach angemietet hat, mit 26 Personen aus Bosnien, Kosovo und Serbien voll belegt. In Schönau hat das Landratsamt das Asylbewerberwohnheim angemietet, dort leben derzeit 42 Flüchtlinge. In Wieden sind elf Flüchtlinge, vor allem Syrer, in einer privaten Unterkunft untergebracht.

Nicht nur in Lörrach sollen weitere Unterkünfte gebaut werden: In Schopfheim möchte der Landkreis auf die Schnelle ein Zeltlager für 100 Flüchtlinge aufstellen, dann sollen im Ortsteil Fahrnau bis Ende 2015 Container für 200 Flüchtlinge aufgestellt werden. Der Standort hatte für Debatten gesorgt, weil er sich neben dem Friedhof befindet und zudem am Ortsausgang am Zubringer zur B 317. In Grenzach-Wyhlen, wo eine Unterkunft für 200 Flüchtlinge geplant ist, werden 2015 mindestens 34 Flüchtlinge erwartet. Die Gemeinde Schwörstadt muss in diesem Jahr gar keine Flüchtlinge aufnehmen, weil im Jahr zuvor das Soll (drei Flüchtlinge) mit sieben Personen übererfüllt worden war.

WALDSHUT: Einen Helferkreis gab es, ehe die Flüchtlinge kamen

Im Landkreis Waldshut sind derzeit knapp 700 Asylbewerber in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Voll belegt ist die Containersiedlung im Bad Säckinger Gewerbegebiet Trottäcker. Dort leben 132 Asylbewerber. Ähnlich viele Flüchtlinge sind in Albbruck (134) und in Waldshut-Tiengen (126) untergebracht.

60 Plätze gibt es in der Asylbewerberunterkunft in Laufenburg, mit 61 Asylbewerbern voll belegt ist die Gemeinschaftsunterkunft in Rickenbach. Im Asylbewerberheim in Bonndorf sind rund 40 Flüchtlinge untergebracht, darunter Frauen, beziehungsweise Familien mit Kindern. Bereits bevor die Flüchtlinge ankamen, hatte sich ein in der Gemeinde ein Asylkreis gegründet, dessen Mitglieder den Bewohnern der Gemeinschaftsunterkunft Unterstützung in allen möglichen Bereichen bieten. Außerdem gibt es in Bonndorf und dem Umland etliche Betriebe, die Arbeitsstellen für die Flüchtlinge anbieten. Auch Vereine tragen zur Integration der Flüchtlinge bei.

In St. Blasien hat der Landkreis ein Asylbewerberheim in einer ehemaligen Klinik eingerichtet. 60 Plätze waren vorgesehen, derzeit leben aber 73 Menschen aus unterschiedlichen Ländern in dem Gebäude. Der Gemeinderat der Domstadt hat das Projekt des Landkreises von Anfang an befürwortet. Schnell fanden sich Einheimische, die Kontakt aufnahmen und Hilfe anboten. Mittlerweile hat sich mit Unterstützung der Kommune und der beiden Kirchengemeinden ein Asylhelferkreis gebildet – einem Aufruf zu einem ersten Informationstreffen waren mehr als 50 Menschen aus St. Blasien und mehrerer Nachbargemeinden gefolgt. Vor wenigen Tagen ist auch ein Verein gegründet worden, der sich um Asylbewerber, aber auch um andere Ausländer, die in irgendeiner Weise Unterstützung brauchen, kümmern möchte.

Der Landkreis Waldshut ist auf der Suche nach weiteren Unterkünften. In Wehr baut die Stadt in Kooperation mit dem Landkreis ein Wohnheim für 120 Flüchtlinge, es soll im kommenden Januar bezugsfertig sein. Konkrete Gespräche gibt es auch für eine Gemeinschaftsunterkunft mit 46 Plätzen in Todtmoos. Dort formiert sich allerdings Widerstand.

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Autor: bz