Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

18. August 2015 18:54 Uhr

Badische Beamte im Elsass

Freiburger Historikerin erforscht die Besatzung im Elsass – und sucht Zeitzeugnisse

Badische Beamte verwalteten im dritten Reich das 1940 eroberte Elsass. Die Freiburger Historikerin Marie Muschalek erforscht die Besatzung – und sucht Zeitzeugnisse.

  1. Historikerin Marie Muschalek erforscht die Besatzung des Elsass von 1940 bis 1945. Foto: Wulf Rüskamp

  2. Gauleiter Robert Wagner fährt durch Colmar. Foto: Archives Départementales du Haut-Rhin - Fonds Bopp 42J 

Seit mehr als einem Jahr lässt die Landesregierung untersuchen, welche Rolle die Ministerien Badens und Württembergs in der Zeit des Dritten Reiches eingenommen haben. Waren sie nur Erfüllungsgehilfen des Nationalsozialismus? Oder gab es Konflikte zwischen staatlicher Bürokratie einerseits und Parteiorganisationen andererseits? Für Baden werden die Fragen noch spannender – denn badische Beamte verwalteten auch das 1940 eroberte Elsass, die Führungskräfte beiderseits des Rheins waren dabei oft dieselben.

Dieselben Führungskräfte auf beiden Seiten des Rheins

Es war eine insgeheime Okkupation des Elsass durch Baden. Denn auf oberster politischer Ebene war keineswegs bereits beschlossen, dass das Elsass Baden zugeschlagen werden sollte. Aus Berliner Sicht war das Elsass vielmehr besetztes Ausland, und eine Annexion, ein Anschluss ans Deutsche Reich, kam schon mit Rücksicht auf die französische Regierung in Vichy nicht infrage, wollte man diese nicht brüskieren.

Doch der badische Gauleiter Robert Wagner, also der Landeschef der NSDAP-Parteiorganisation, war zugleich Chef der Zivilverwaltung im Elsass. Daneben gab es weiterhin mit Walter Köhler einen badischen Ministerpräsidenten, der im Elsass die Finanz- und Wirtschaftsabteilung der dortigen Verwaltung leitete – unter Wagner. Zugleich regierten zentral von Berlin aus geführte Parteiorganisationen in Baden wie im Elsass mit – sie betrieben beispielsweise die Deportation der Juden und wohl auch die "Euthanasie". Polykratie der Ressorts nennen das die Historiker; ein Begriff, hinter dem sich viele Machtkämpfe der Organisationen verbargen, vor allem aber eine Herrschaft der Willkür, denn ein Führerbefehl konnte alle bisherigen Entscheidungen über alle Instanzen hinweg verwerfen.

Werbung


Was das auf der regionalen Ebene am Oberrhein bedeutete, untersucht eine Gruppe von Historikerinnen und Historikern an der Universität Freiburg im Rahmen des von der Baden-Württemberg-Stiftung finanzierten Forschungsprojekts, an dem auch die Universitäten Heidelberg und Stuttgart beteiligt sind.

Wie war die Verwaltungskultur der deutschen Besatzer im Elsass?

Federführend ist in Freiburg Sylvia Paletschek, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte. Und als ihre Mitarbeiterin kümmert sich Marie Muschalek um die Verwaltungskultur im besetzten Elsass zwischen 1940 und 1945 – die zugleich Auskunft gibt über die badische Staatsbürokratie. Denn es waren zum überwiegenden Teil Beamtinnen und Beamte sowie Angestellte aus Baden, die im Elsass Dienst taten. Und zwar in den Strukturen des französischen Verwaltungsapparats, der aber wiederum, wie Marie Muschalek erzählt, der preußischen Verwaltungsorganisation zu Zeiten des Reichslandes Elsass vor 1918 entsprach: Da gab es eine große Kontinuität über alle Wechsel hinweg.

Die Badener sahen sich nicht als fremde Besatzer – schließlich lebten im Elsass ebenfalls Deutsch sprechende Alemannen. Die badischen Beamten behaupteten von sich ja auch, dass sie anders als Preußen 25 Jahre zuvor auftraten, deren Militärherrschaft den Elsässern in schlechter Erinnerung war. Zugleich brachten die Beamten ihre nationalsozialistische Ideologie mit, aber auch alte Standards: Die Akten wurden nun auch im Elsass nach der typischen badischen Art in einer Seitenecke geheftet.

Manche Elsässer sahen die – durchaus auch "rassisch" verstandene – Nähe zu den Badenern offenbar ähnlich. Denn es gibt einige Bürokraten, und zwar mehr als bisher angenommen, die Karriere in der deutschen Verwaltung gemacht haben, die zudem die Mitgliedschaft in der NSDAP anstrebten, um aufsteigen zu können. Einer, dessen Personalakte Maschulek vorliegt, schaffte es sogar zum Abteilungsleiter – was ihm nicht versperrte, trotz seines Antrags, in die NSDAP aufgenommen zu werden, nach 1945 in der französischen Bürokratie weiterzuarbeiten. Die Nationalsozialisten feierten sich, weil es ihnen gelungen sei, schon nach wenigen Monaten eine funktionierende und akzeptierte Verwaltung aufgebaut zu haben – was noch zu überprüfen ist.

Das nach außen scheinbar einvernehmliche Klima zwischen Besatzern und Besetzten, sagt Maschulek, änderte sich gründlich, als von 1942 an die Wehrpflicht auch für die Elsässer galt. Damit war, so ihre Arbeitshypothese, die Bereitschaft der Verwaltungstechnokraten, unter ihnen viele Parteimitglieder, zu Gewaltaktionen und strikt ideologischen Entscheidungen gegenüber der Bevölkerung gewachsen: die "Arisierung" etwa von jüdischem Besitz, die Verfolgung von Widerstandsgruppen.

Forschung in Personalakten – und mit Zeitzeugnissen

All das will sie in den nächsten drei Jahren – so lange läuft ihre befristete Stelle – genauer untersuchen, will sich das Verhältnis von "Fürsorge" (ein Wort, das im Nationalsozialismus durchaus bedrohlichen Charakter hatte) und Gewalt untersuchen. Und zwar nicht anhand der Institutionen, sondern vor allem am konkreten Handeln der mittleren und unteren Dienstränge, den kleinen Rädchen im Getriebe der Diktatur.

Personalakten zu ihrem Themenfeld hat die 37-jährige Historikerin, die an der Cornell-Universität in den USA promoviert hat, in Hülle und Fülle – die entsprechenden Archive in Straßburg und Karlsruhe haben den Krieg unbeschädigt überstanden. Doch sie will auch die eigene Sicht der handelnden Personen erfahren, deren Alltag und Selbstverständnis, deren Sicht auf das besetzte Elsass und auf die Elsässer in (durchaus auch ideologischer) Rückbindung auf Baden.

Der Zweite Weltkrieg ist 70 Jahre vorbei, da ist es selbstverständlich schwer, noch Zeitzeugen zu finden. Deshalb hofft sie auf die Nachkommen der Beamten und Angestellten im Elsass, die deren Tagebücher, Aufzeichnungen, Briefe aufbewahrt haben. Aus denen, so plant sie, könnte sich der Stoff für Fallstudien ergeben. Darin will sie beispielsweise untersuchen, ob das Klischee von männlicher Gewalt und weiblicher Fürsorge, damals propagiert, für diese Zeit auch wirklich zutrifft – was sie schon jetzt bezweifelt.

Die Einbeziehung der Zeitzeugen wie insgesamt der Öffentlichkeit ist erklärtes Ziel des Gesamtprojekts, dessen Ergebnisse immer wieder präsentiert werden sollen – etwa in Schulen – und am Ende in einer umfangreichen Veröffentlichung nachzulesen sein werden.

In diese Form von "public history" sind auch die Elsässer einbezogen. Die auf der anderen Rheinseite immer noch vorherrschende Einschätzung könnte allerdings den Zugang zu Zeitzeugen und deren schriftlichen Nachlässen dort erschweren. Denn wer zwischen 1940 und 1945 in der deutschen Verwaltung mitgearbeitet hat, gilt bei vielen im Elsass immer noch schlicht als Kollaborateur.
Mitarbeit

Wer etwas beisteuern kann zu dieser Geschichtsschreibung, wendet sich per E-Mail an:

marie.muschalek@geschichte.uni-

freiburg.de

Autor: amp