Großübung von Nato und EU

Darum sind in den nächsten Tagen viele Soldaten in Südbaden unterwegs

Annemarie Rösch

Von Annemarie Rösch

Fr, 14. September 2018 um 12:25 Uhr

Südwest

Die Nato und die EU halten eine ABC-Abwehrübung ab, die auch in der Region stattfindet. Wie und warum gerade jetzt 1300 Soldaten aus 14 Nationen den Notfall in mehreren Ländern üben, erklärt Oberstleutnant Markus Kirchenbauer im Interview.

Wenn in den kommenden Tagen auch in Südbaden Soldaten in ABC-Schutzmasken durchs Gelände marschieren oder irgendwo ein Militärlager aufschlagen, ist das kein Grund zur Beunruhigung. Sie nehmen an der bisher größten ABC-Abwehrübung der Nato und der EU unter dem Namen Coronat Mask teil. 1300 Soldaten aus 14 Nationen sind daran beteiligt. In mehreren Ländern findet die Übung statt.

BZ: Herr Kirchenbauer, was genau wird bei der ABC-Abwehrübung gemacht?

Kirchenbauer: ABC-Abwehrübungen haben die Soldaten schon zig Mal in der Kaserne abgehalten. Ziel der jetzigen Übung ist, dass sie sich in der freien Natur zurechtfinden müssen, um einer gespielten Bedrohung durch atomare, biologische oder chemische Waffen zu begegnen.

BZ: Wo wird geübt?

Kirchenbauer: In Baden-Württemberg erstreckt sich das Übungsgebiet von der Grenze zu Frankreich bis nach Stuttgart und Ulm, im Süden bis an die Schweizer und die österreichische Grenze. In diesem Bereich ist es möglich, dass Ihnen Soldaten begegnen werden. Insgesamt sind sie mit 170 Fahrzeugen unterwegs. Auch in der Lüneburger Heide gibt es eine Übung. Weitere Übungen finden in Italien und Tschechien statt.

BZ: Gibt es auch Panzer?

Kirchenbauer: Nein, Panzer, die Gehsteige plattmachen könnten oder Äcker umpflügen, sind nicht dabei. Wir sind nur mit Fahrzeugen unterwegs, die Räder haben. Das gilt auch für unseren ABC-Spürpanzer. In diesem Fahrzeug finden Soldaten Schutz und können gleichzeitig draußen nach Spuren von Kontamination suchen. Wir werden nur in kleinen Kolonnen von maximal zehn bis zwölf Fahrzeugen fahren.

"Entseuchungsplätze sollen auf dem Gelände ziviler Unternehmen der chemischen Industrie aufgebaut werden. (...) Ansonsten müssen aber die Soldaten versuchen, sich selbst durchzuschlagen." Oberstleutnant Markus Kirchenbauer
BZ: Welche Aufgaben müssen die Soldaten erledigen?

Kirchenbauer: Die ersten Tage bereiten sich die Soldaten aus Deutschland, Belgien, Großbritannien, Bulgarien, Kanada und den Niederlanden in Speyer auf den Einsatz vor. Am Montag bekommen sie dann ihren Einsatzbefehl. Denkbar wäre, dass sie zum Beispiel Wasserproben nehmen, Entseuchungsplätze anlegen oder nach Spuren von atomarer oder chemischer Kontamination suchen müssen. Dafür gibt es extra Übungsmaterialien. Auf den Entseuchungsplätzen werden Mensch und Gerät abgeduscht. Solche Entseuchungsplätze sollen auf dem Gelände ziviler Unternehmen der chemischen Industrie aufgebaut werden. Mit ihnen haben wir das abgesprochen. Ansonsten müssen aber die Soldaten versuchen, sich selbst durchzuschlagen. Das kann bedeuten, dass manche von ihnen ihr Nachtlager am Saum eines Waldes aufschlagen müssen. Bis zum 25. September sind die Soldaten im Gelände unterwegs. Am 27. September geht die Übung mit einem Abschlussappell auf dem Schlossplatz von Bruchsal zu Ende.

BZ: Wird es Evakuierungen von Siedlungen geben?

Kirchenbauer: Nein. Die Übung ist nur für Soldaten. Die Bevölkerung könnte nur insofern mit Soldaten in Kontakt kommen, wenn diese zum Beispiel in einer Gemeinde anfragen, ob sie in der Sporthalle übernachten können. Die Landratsämter sollten die Gemeinden darüber informiert haben.

"Die Übung ist auch den sich verändernden sicherheitspolitischen Umständen geschuldet." Oberstleutnant Markus Kirchenbauer
BZ: Warum veranstalten Nato und EU diese Übung?

Kirchenbauer: Die Übung ist auch den sich verändernden sicherheitspolitischen Umständen geschuldet. Die Annexion der Krim durch Russland und der Ukraine-Konflikt ließen bei der Nato das Bewusstsein wachsen, dass sie für den Fall der Fälle vorbereitet sein muss. Viele Nato-Länder haben nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ihre Armeen personell wie materiell verkleinert. Damit wir uns gegenseitig ergänzen können, findet die Übung länderübergreifend statt. Wir wollen gemeinsame Abläufe für einen multinationalen Einsatz entwickeln und damit unsere Einsatzbereitschaft stärken. Deutschland hat auf dem Gebiet der ABC-Waffen innerhalb der Nato die Führung. Das ABC-Abwehrkommando der Bundeswehr aus Bruchsal leitet die Übung.

BZ: Russland startet ja ein Großmanöver mit 300.000 Soldaten. Gibt es da einen Zusammenhang?

Kirchenbauer: Wir haben mit den Vorbereitungen für die Übung schon vor einem Dreivierteljahr angefangen. Damals wussten wir noch nichts von dem Großmanöver der Russen.
Markus Kirchenbauer (56) ist seit Oktober 2017 Leiter der Informationsarbeit im Landeskommando Baden-Württemberg und Sprecher der Bundeswehr im Bundesland.

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