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09. November 2012 10:40 Uhr

Die Titanic vom Bodensee

Gesunkener Dampfer ist ein beliebtes Ziel für Taucher im Bodensee

Vor knapp 150 Jahren ist nahe Konstanz das Dampfschiff Jura nach einem Unfall gesunken. Der Taucher Hans Gerber hat das Wrack einst entdeckt – auf dem Grund liegen noch mehr.

  1. Hans Gerber, Wiederentdecker der Jura Foto: Dominik Bloedner

  2. Bereits zwei Jahre vor der Jura wird das Dampfschiff Ludwig vom Schiff Stadt Zürich gerammt und sinkt, hier eine zeitgenössische Illustration. Foto: Seemuseum Kreuzlingen

Grauer Himmel, graues Wasser, kalter Wind. Ungemütlich ist der Bodensee im Herbst. Immerhin kein Nebel. Vom Sporthafen im schweizerischen Bottighofen sieht man das rund fünf Kilometer entfernte Konstanzer Münster. Hans Gerber steht an der Mole und deutet Richtung Friedrichshafen, in die andere Richtung. "Eine gute Meile von hier ist es. Da liegt sie ganz tief unten", sagt er. Sie, das ist der Schaufelraddampfer Jura. Er, das ist ein 74-jähriger ergrauter Bodensee-Seebär mit Schiffermütze und wettergegerbter Haut. Alle hier nennen ihn nur den Jura-Hans. Er hat das 1864 gesunkene Wrack wieder entdeckt, die Jura ist sein Leben. "Das war 1976, damals war das Tauchen im Bodensee noch nicht so verbreitet wie heute", sagt er.

Hans Gerber lernt Bäcker und Konditor, später arbeitet er in der Aluminiumfabrik, am Wochenende geht er mit seinen Freunden vom Tauchclub in Kreuzlingen ins Wasser. Am Ufer fragen ihn die Alten: "Sucht ihr das Schiff?" Welches Schiff? Hans Gerber wird hellhörig, er leckt Blut, er stöbert in Archiven, er fragt – und er erfährt von jener nebligen Unglücksnacht am 12. Februar 1864, als das Dampfboot Stadt Zürich die 46 Meter lange Jura, die auf dem Weg von Konstanz in ihren Heimathafen Lindau ist, in der Nähe von Bottighofen rammt und versenkt.

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Im dichten Nebel läuten nur die Glocken der Jura

Das Seeblatt für Stadt und Land aus Friedrichshafen berichtet: "... Passagiere und Mannschaft gerettet, jedoch ein Matrose auf der Stelle getödtet worden, denselben soll es förmlich zerspalten haben, dem Schiffsjungen ein Arm abgebrochen. Der Zusammenstoß muß ein ungemein heftiger gewesen sein, da nach Verlauf von kaum 3 Minuten der Jura vom Spiegel des Sees verschwunden gewesen." Fahrlässigkeit wird als Unfallursache vermutet, Zeugen sagen aus, dass die Glocken der Jura im dichten Nebel geläutet hätten, die der Stadt Zürich nicht. Erst zwei Jahre zuvor hat das Unglücksschiff mit der Ludwig ein anderes Dampfschiff versenkt. Nun also die Jura.

Die Alten am Ufer kennen das Drama aus Erzählungen von ihren Eltern. Doch wo genau liegt das Wrack? Das weiß niemand. Der Jura-Hans fährt mit einem damals 85-jährigen Fischer raus, der zeigt ihm die Stelle, wo sein Vater gesagt hat: "Hier nicht die Netze auswerfen, da verheddert man sich immer." Nach 52 Tauchgängen findet Hans Gerber die Jura. Aber er ist nicht der Erste gewesen, die Glocke, das Steuerrad und andere Sachen fehlen. "1953 waren schon einmal Taucher da unten. Sie waren auf der Suche nach Flugzeugwracks, die im Zweiten Weltkrieg im See versenkt wurden, und haben dabei die Jura entdeckt. Ich bin also nur der Wiederentdecker", sagt der Jura-Hans. Doch mit ihm wurde sie bekannt.

Immer wieder musste er das Wrack anderen Tauchern zeigen, die Jura ist inzwischen zum beliebtesten Unterwasserziel am Bodensee für die Szene geworden – so etwas wie das Great Barrier Reef im schwäbischen Meer. Die Temperatur dort unten ist im Sommer wie im Winter zwischen vier und sechs Grad, ab 20 Meter unter dem Wasserspiegel wird es zunehmend dunkel, unten beim Wrack ist es meist richtig finster. "Man fühlt sich zurückversetzt in die Vergangenheit", sagt Holger Hambrecht vom Tauchcenter Freiburg. "Man taucht durch den hinteren Passagierraum der Jura und stellt sich vor, dass hier Menschen saßen, sich unterhielten, diskutierten, was auch immer. Es ist ein irres Gefühl."

Doch das Wrack hat gelitten, nicht nur durch die Plünderungen. "Es ist gerade beim Kamin und bei den Aufbauten viel zerstört worden", sagt Hambrechts Kollege Axel Früh. "Das liegt allerdings nicht an den Tauchern, sondern eher an ehemaligen Bootsbetreibern, die das Wrack mit dem Anker gesucht haben oder ein Abstiegsseil mit schwerer Metallplatte auf das Wrack geworfen haben", berichtet er. Der Jura-Hans hingegen weiß noch heute ganz genau, wo die Stelle ist, er orientiert sich mit dem bloßen Auge an Markierungspunkten am Ufer wie Bäumen oder Kirchtürmen. Seit 2003 steht der gesunkene Dampfer unter Denkmalschutz, noch bis zum Ende des Jahres ist im Seemuseum im schweizerischen Kreuzlingen eine Sonderausstellung zur Jura und ihrem Untergang zu sehen.

Die Jura ist nicht das einzige Schiff, das sich der See genommen hat – und noch heute zu sich nimmt. Dabei beträgt die Windgeschwindigkeit zwischen Bregenz im Osten und Bodman-Ludwigshafen im Westen im Jahresdurchschnitt gerade einmal sechs Knoten, das entspricht elf Kilometern in der Stunde, das ist eigentlich ein laues Lüftchen. Eigentlich. Gegen mögliche Unfälle im Nebel helfen heute den rund 70 Fahrgastschiffen mit Dieselmotor moderne Radarsysteme, vor Sturm warnen 43 rund um den See verteilte orange Blinkleuchten. Sie sind neun Meter hoch und aus 17 Kilometer Entfernung noch zu sehen. 40 Mal blinken pro Minute heißt Starkwindwarnung, 90 Mal bedeutet Sturmwarnung – dann werden Windböen von über 34 Knoten erwartet. Dennoch kentern jedes Jahr einige der insgesamt 58 000 zugelassenen Schiffe, 2011 haben die See- und Wasserschutzpolizeien der drei Anrainerländer 228 Boote geborgen und 399 Menschen aus den Fluten gerettet. Im selben Jahr gab es sieben tödliche Unfälle am See, 2010 waren es sogar 13.

Der See wird oft unterschätzt, das Wetter kann wegen der Nähe zu den Alpen schnell umschlagen. Die Föhnstürme brechen dann unvermittelt los, die Wellen werden bis zu zweieinhalb Meter hoch. "Man spürt es, man sieht es an den Wolken, das Wasser verfärbt sich, es wird dunkler und grüner und kräuselt sich, man schmeckt den Wind. Das Gewässer ist unberechenbar", sagt Daniel Rüegg von der Seepolizei in Kreuzlingen. Und er fügt in Richtung der vielen Freizeitkapitäne, die sich nicht an die Warnungen halten und sich überschätzen, hinzu: "Man kann auch mit kleinen Booten Größe beweisen."

Zu den Wetterschwankungen kommen die Schwankungen in der Höhe des Seespiegels. Die Unterschiede können je nach Jahreszeit bis zu vier Meter betragen, im Sommer setzen Schiffe dort auf, wo sie im Winter keine Probleme haben. Der Jura-Hans nickt wissend: "Der See ist manchmal heimtückisch." Auch für Taucher wie ihn: Am Teufelstisch im Überlinger See, einer unter dem Wasserspiegel liegenden Felsformation mit steilen Wänden, hat er schon viele verschlungen. "Selbstüberschätzung, Unerfahrenheit", sagt der Jura-Hans. Seit 1994 ist hier das Tauchen verboten.

Früher war bei Unfällen auch oft der Suff im Spiel. Schiffsleuten, die gewerblich Wein vom Elsass und Baden nach Schwaben beförderten, stand dabei der sogenannte Freitrunk zu – was diese reichlich ausnutzten. Im Jahr 1580 beklagten Beamte im Auftrag des Bischofs von Konstanz die Zustände auf den Weinschiffen: "Allein in den letzten zwei Jahren sind fünf solcher Zechbrüder im Rausch ertrunken." Aber auch ohne vom Wein vernebelte Sicht kam es im Nebel und im Sturm immer wieder zu Unglücken. Nicht immer hat der heilige Nikolaus helfen können. "Er war im Mittelalter ein wichtiger Fürsprecher für Reisende in Gefahr und wurde zum Patron der Kaufleute und Schiffer", sagt Ralph Röber, Konservator am archäologischen Landesmuseum in Konstanz und Honorarprofessor an der Universität Tübingen.

Dem heiligen Nikolaus wurden rund um den See über 100 Kirchen und Kapellen geweiht. Für Bregenz ist überliefert, dass der Schiffer jedes Mal vor Verlassen des Hafens dazu aufforderte, bei St. Nikolaus in einem Gebet eine gute Reise zu erbitten. Lange vor den Autobahnen und Eisenbahnschienen um den See herum war das Wasser der einzige Weg für Waren und Personen. Man war ihm ausgeliefert.

Die Jura ist auch nicht das älteste Schiff am Grund. "Es sind Hunderte Wracks, 300 davon sind für uns interessant", sagt der Unterwasserarchäologe Martin Mainberger aus Staufen, der für das Landesdenkmalamt im Bodensee taucht. Die Dunkelziffer? "Nehmen Sie den Faktor zehn, die meisten Wracks sind von Sedimenten verschüttet. In Bregenz waren zum Beispiel römische Kriegsschiffe stationiert, von denen haben wir leider bislang noch keines gefunden", so Mainberger. Der an manchen Stellen bis zu 250 Meter tiefe See wird mit Hilfe eines Sonargerätes untersucht, Meter für Meter. Das Gerät liefert eine Art Schallbild des Seebodens. Sichtbare Wracks werden so entdeckt. Doch die im Schlamm, die sieht man nicht.

Eines kam 1983 am Kippenhorn in Immenstaad zum Vorschein. Acht Jahre später wurde das knapp 20 Meter lange und drei Meter breite Lastschiff geborgen und aufwendig konserviert, heute ist es die Attraktion im Konstanzer Museum. "Hier kommt die Dendrochronologie zum Einsatz", sagt der Freiburger Schiffsarchäologe und Forstwissenschaftler Dietrich Hakelberg, der das Wrack erforscht hat. Das Schiff, das eine Traglast von 28 Ochsenwagen hatte, besteht vollständig aus Eichenholz, anhand der Jahresringe konnte es auf die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts zurückdatiert werden – bislang ist das der Rekord.

Was erfahren Archäologen tief unten in der Dunkelheit? "Auf dem Wasser zu fahren bedeutete seit jeher eine Lebensgefahr für die Menschen, daher wurde auf Schiffen immer die damals modernste Technik verwendet", sagt Mainberger. Wracks sind Zeitkapseln, sie bieten verdichtete Momentaufnahmen auf engstem Raum, sie zeigen das Alltagsleben aus der Vergangenheit. Und organische Bestandteile wie etwa Holz werden im Wasser bestens erhalten. "Da gibt es keinen Luftsauerstoff. Ein Bergen der Wracks würde sofortigen Verfall bedeuten, sofern sie nicht sofort konserviert werden."

Der Traum, einmal ein römisches Wrack zu finden

Heute haben Wissenschaftler wie Mainberger auch keine Angst mehr, dass die Taucher kommen und plündern, das machen nur noch die wenigsten. "Das war in der Vergangenheit so", sagt er. Heute kommen sie, um zu staunen – bei der Jura oder im eigens eingerichteten Museum unter Wasser in Bodman-Ludwigshafen. Dort liegt in 20 Metern Tiefe ein Lastensegler aus dem 19. Jahrhundert, an dem Infotafeln angebracht wurden. Doch der Traum sei, sagen Hakelberg und Mainberger beide, einmal ein römisches Wrack aufzuspüren. Sie warten auf einen Glücksfall. So wie damals Hans Gerber auf seine Jura gewartet hat.

Autor: Dominik Bloedner