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05. Juni 2015 09:07 Uhr

Bildung

Gibt es zu viel Studierende? Ein Streitgespräch

Hochschulministerin Theresia Bauer und Philosoph Julian Nida-Rümelin diskutieren über Akademisierungswahn, Jugendarbeitslosigkeit und den Mangel an Facharbeitern.

  1. Studenten in einem großen Hörsaal der Technischen Universität (TUM) in München (Bayern) Foto: dpa

  2. Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) Foto: dpa

  3. Philosoph Julian Nida-Rümelin (SPD) Foto: Stephanie Pilick

STUTTGART. Wird zu viel studiert? Gibt es einen Akademisierungswahn? Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) hatte den Münchner Philosophen Julian Nida-Rümelin (SPD) zum Streitgespräch über Studienanfängerquoten und Jugendarbeitslosigkeit, über Facharbeitermangel und das Recht auf Bildung eingeladen. Das allein schon brachte ihr den Respekt ihres Diskussionspartners ein. Denn die Einladung zeuge von Mut: "Frau Bauer ist die einzige Bildungsministerin, die das bisher gemacht hat."

Der 60-jährige frühere Kulturstaatsminister im ersten Kabinett des Kanzlers Gerhard Schröder (SPD) verfocht mit Verve seine bereits in Buchform ausgebreitete These vom Akademisierungswahn.

Studienanfängerzahlen gehen steil nach oben

Aus ideologischen Gründen laufe Deutschland "vermeintlichen internationalen Vorbildern" hinterher – obwohl die betreffenden Länder große Jugendarbeitslosigkeit aufwiesen. Dagegen fehle es an Respekt für jene mit einer praktischen Berufsausbildung. Entsprechend entwickelten sich die – politisch gewollten – Studienanfängerzahlen steil nach oben.

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Viele Zahlen schwirrten durch die Diskussion: So die Vorgabe aus dem Bundesbildungsbericht, 56 Prozent eines Jahrgangs sollten die Hochschulberechtigung erreichen, was noch unter der empfohlenen Zielmarke der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von sogar 62 Prozent liege. Keine einzige Bedarfsprognose rechtfertige diese hohen Werte. Und wenn die OECD darauf verweise, dass in den USA 50 Prozent eines Jahrgangs studierten, sei auch das falsch: Nach Nida-Rümelins Analyse sind es gerade neun Prozent, "denn was da als Studium gilt, ist in der Regel weniger als unsere duale Ausbildung".

"Viele andere Länder beneiden uns darum." Theresia Bauer
Theresia Bauer hielt ihrem Gegenüber vor, mit "verzerrten" Zahlen zu argumentieren. Der starke Anstieg der Studierenden im Land sei vor allem auf den doppelten Abiturjahrgang und die Integration des erfolgreichen Berufsakademiewesens in das Hochschulsystem (Duale Hochschule) zurückzuführen. Eine Akademikerquote von 30 Prozent sei für ein Hochtechnologieland völlig in Ordnung. Es sei deshalb polemisch, von Dramatik zu reden. Zudem studierten im Land nicht zwei Drittel, wie im Schnitt im Bund, an den Universitäten, sondern nur die Hälfte. 40 Prozent wählten eine Fachhochschulausbildung und zehn Prozent gingen an die Duale Hochschule. "Viele andere Länder beneiden uns darum."

Ansonsten aber freut es die Wissenschaftsministerin, dass die hohe Studierneigung "Lust auf Bildung" signalisiere. Dieses Recht dürfe nicht eingeschränkt werden.

"Wir wollen keine künstlichen Gegensätze herauskitzeln." Julian Nida-Rümelin
Nida-Rümelins Warnung, dass Deutschlands Wirtschaft mit ihrem sehr großen Anteil des verarbeitenden Gewerbes es sich nicht leisten könne, dass die Zahl der Facharbeiter einbreche, konterte Bauer mit dem Hinweis auf die veränderten Qualifikationsanforderungen in Wirtschaft und Gesellschaft: "Wir haben eine Krise der beruflichen Bildung." Überwinden könne man diese nur, wenn duale Bildung und akademische Bildung stärker verschränkt würden. Es müsse normal werden, im Laufe des Berufslebens sich auch akademisch weiterzubilden.

"Wir wollen keine künstlichen Gegensätze herauskitzeln", meinte Nida-Rümelin. Auch er halte die Durchlässigkeit des Bildungssystems für wichtig. Mit seinem Ideologievorwurf meine er auch nicht Bauer. Andererseits hielt er der häufig angeführten These, wer studiert habe, verdiene in der Regel später besser, entgegen: "Im Durchschnitt stimmt das nicht." Denn es seien die Gehälter der Informatiker und Ingenieure, die die Statistik schönten.

Autor: Bettina Wieselmann