Gott, der große Versucher?

Das Gespräch führte René Zipperlen

Von Das Gespräch führte René Zipperlen

So, 17. Dezember 2017

Südwest

Der Sonntag Theologe Magnus Striet über die Diskussionen um den Text des Vaterunser.

Nach einem Interview mit Papst Franziskus diskutiert die katholische Kirche über den Text des "Vaterunser": Gott soll nicht länger als Versucher des Menschen gelten. Der Freiburger Theologe Magnus Striet hält das für unsinnig.

Der Sonntag: Herr Striet, in katholischen Kirchen in Frankreich gilt seit dem ersten Advent eine neue Fassung des "Vaterunser". Nun bringt auch der Papst eine Neuübersetzung des Verses "Und führe uns nicht in Versuchung" in die Diskussion. Was macht diese Passage für Katholiken so schwierig?

Sie ist für alle Christen schwierig. Denn in dieser Zeile kommt zum Ausdruck, dass Gott selbst derjenige ist, der Menschen dadurch in Versuchung führt, dass er sich verschweigt. Ein solcher Gott scheint mit einem Gottesbild in Konflikt zu geraten, das Gott nur als den barmherzigen und gütigen Vater kennt.
Der Sonntag: Nun soll Gott nicht mehr derjenige sein, der selbst in Versuchung führt.

Das ist unsinnig. Die Diskussion um diesen Vers berührt schließlich den harten Kern der Gottesfrage: Wie ist es möglich, dass in der Welt so viel gelitten wird? Und wie soll sich zugleich in Jesus das Wesen Gottes zeigen, voller Barmherzigkeit und Liebe? Diese Spannung muss ausgesprochen werden.
Der Sonntag: Sie ist schwer auszuhalten.

Eine abschließende Lösung für das Problem gibt es nicht. Christlich ist Gott die Liebe, aber er mutet den Menschen auch unendlich viel zu, Krankheit, Schmerzen und Tod. Auch im Glauben können diese Zumutungen nicht verschwiegen werden. Viele Menschen erreichen dann einen Punkt, an dem ihnen ihr Glaube zerbricht.
Der Sonntag: Sie sprechen vom Leiden, das Gebet von der Versuchung.

Wenn man die Frage stellt, wer es ermöglicht, dass Menschen überhaupt leiden oder anderen Leid zufügen können, kommt, denkt man theologisch, Gott ins Spiel. Er ist derjenige, der am Ende in die Versuchung führt. Man kann an ihm verzweifeln, schon weil man sterben muss. Und auch ist Gott es, der die Möglichkeit gibt, noch das abgrundtief Böse zu tun. Mich wundert immer sehr, dass diese Fragen im Raum der Kirchen so wenig gestellt werden.
Der Sonntag: Vielleicht, weil diese Vorstellung eine überfordernde Zumutung für Gläubige darstellt?

Ja, sie ist eine Zumutung für den Glauben. Aber ein Glaube, der sich ihr nicht stellt, muss den Blick von der Welt nehmen. Das ist nicht jesuanisch. In den Kirchen ist schon deshalb die Gottesfrage dringend wiederzubeleben.
Der Sonntag: Papst Franziskus ist dafür bekannt, dass er gerne volksnah denkt. Ist er mit seiner Überlegung den Gläubigen vielleicht näher als die Theologie?

Er hat tatsächlich einen Paradigmenwechsel in der Theologie angemahnt, die das reale Leben ernst nimmt. Intellektuell befriedigend wird das Problem mit einer nivellierenden Formulierung nicht gelöst. Irritierend ist sein Vorstoß auch deshalb, weil er kürzlich noch in einem Interview gesagt hat, es gebe keinen Glauben ohne Zweifel. Ein Papst, der seinen Zweifel bekennt – wunderbar.
Der Sonntag: Und der Zweifel ist der Ausgangspunkt für "Versuchung"?

Oder die Folge. Wo soll er sonst herkommen, wenn nicht aus der Erfahrung, dass Gott sich entzieht – und vermisst wird? Auch das gehört ins Zentrum des Glaubens. Der Verzweiflungsschrei Jesu "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" wird theologisch viel zu wenig ernst genommen.
Der Sonntag: Wie hat sich die Diskussion über Leid und Versuchung historisch entwickelt?

Beginnend mit dem zweiten Jahrhundert wird Gott eine radikale Allmacht zugesprochen. Gott wird jetzt als der gesetzt, der die Welt aus dem Nichts geschaffen hat. Jetzt stellt sich die Frage nach der Verantwortung für das Leid und das Böse neu. Hätte er nicht eine bessere Welt schaffen können? Kirchenvater Augustinus scheint mit der Erfindung der Erbsünde eine Lösung gefunden zu haben: Der Mensch ist verantwortlich, weil er wie Gott sein wollte und dadurch die Sünde in die Welt kam. Alle seien durch die Tat Adams so der Sünde verfallen. Er meinte, so Gott entlasten zu können. Biblisch ist das nicht. Da ist man beunruhigt von der Frage, woher das Böse und das Leid kommen, entlastet aber Gott nicht von deren Existenz. Unter modernen Denkbedingungen schließlich ist das alte Erbsündenkonstrukt ohnehin nicht mehr aufrechtzuerhalten. Schuld ist individuell, und die Sünde ist dies auch. Physisches Leiden, sterben zu müssen – und damit zu hadern, kann gewiss nicht auf eine Schuld des Menschen zurückgeführt werden.
Der Sonntag: Gerade das Alte Testament ist aber voller menschlicher Sünde und göttlicher Strafen.

Ja, aber schon hier wird aufgeräumt mit der Vorstellung, dass Elend und Leid Folge von Sünde seien. So stellt sich Jahwe auf die Seite Hiobs, dem die theologisch Gelehrten eine Schuld unterschieben wollen als Ursache für sein Leid. Die groteske Vorstellung, dass Gott je nach Sünde bestraft, bekämpft auch der Jude Jesus. Dass das Elend in der Sünde des Menschen gründe, setzt sich dann aber im antiken Christentum durch. Hier liegt übrigens auch einer der Gründe dafür, warum das sexuelle Erleben nur noch verkrampft zum Thema werden konnte: Das Begehren ist Ausdruck der Sünde, und durch den Sexualakt überträgt sich die Erbsünde. Dass diese Vorstellungswelt, hoffentlich jedenfalls, zusammengebrochen ist, ist nur gut so.

Der Sonntag: Sie sagen, nach dem Stand der heutigen Theologie versuche Gott den Menschen selbst zu Unglauben und zum Bösen?

Es stellt sich eine noch schwierigere Frage. Nach heutigem Moralverständnis darf kein Mensch einen anderen Menschen versuchen, das Böse zu tun. Wenn Gott das also tut, ist er dann weniger moralisch als der Mensch? Aber wenn Freiheit das Höchste ist, Gott sich an ihr erfreut, dann musste er es riskieren.
Der Sonntag: Abraham aber fordert er direkt auf, seinen Sohn zu opfern.

Es handelt sich hier natürlich um eine Erzählung, das heißt um Theologie. Präzise gelesen geht es gerade um das Ende des Opferkultes, aber: Sie hat vor allem dahingehend wirkt, dass Gott einen blinden Gehorsam einfordern könnte. In einer Kultur, die jedem Menschen eine unbedingte Würde zuerkennt, muss ein Gott, der den Menschen erprobt, fremd werden. Fordert Gott ein Menschenopfer, so ist er moralisch abzulehnen. Theologisch ist dies längst noch nicht aufgearbeitet.
Der Sonntag: Die Fragestellung "Darf Gott das?" scheint anmaßend.

Wenn man diese Fragen nicht stellt, bleibt der Glaube in naiver Kindlichkeit stecken. Glauben zu können ist wunderbar. Es meint ja nichts anderes, als sich in Gott festzumachen, sich an der Schönheit des Lebens zu erfreuen – und am Ende auf ihn zu hoffen. Aber er hat welthaltig zu sein, darf keine Sonderwelt bilden, weil er sich sonst vorwerfen lassen muss, zynisch zu werden gegenüber den Leidenden. Aber dann muss Gott auch ein menschenzugewandter Gott sein. Ein anderer Gott verdient meines Erachtens kein Interesse.
Der Sonntag: Das Neue Testament, aus dem das "Vaterunser" stammt, gilt auch als Neujustierung des Gottesbildes. Der Apostel Jakobus schreibt nach der Bergpredigt Jesu, "Gott versucht nicht".

Der Brief hat zwei Stoßrichtungen. Anfechtung – sich also doch nicht von Gott her zu verstehen – gibt es nur im Glauben. Der Brief ermutigt zum Glauben, gibt aber klar zu erkennen, was das heißt: so ohne Vorbehalt zu geben, wie Gott es tut. Gott will nicht, dass der Mensch herzensträge wird, insofern versucht er ihn auch nicht. Aber er kann es auch nicht verhindern, weil er seine Freiheit will.
Der Sonntag: Befürchten Sie einen Dominoeffekt, wenn die Versuchungspassage auch in anderen Ländern entschärft wird?

Nein. Das "Vaterunser" ist das zentrale Gebet der Christenheit, das in jedem Gottesdienst gesprochen wird. In Krisenzeiten trägt ohnehin nur ein Glaube, wenn er auch die Härten der Fragen aushält. Jesus hat zärtlich von Gott geredet, sich in ihm festgemacht. Die Härte seines Schicksals ist ihm nicht erspart geblieben. Weihnachten ist für alle christlich Glaubenden ein wunderbares Fest. Gott selbst wird Mensch, würdigt dieses Leben dadurch unendlich. Aber in wenigen Monaten steht auch schon wieder der Karfreitag an.
Der Sonntag: Immerhin denken nun viele über diesen so selbstverständlichen Text wieder intensiv nach.

Wenn das gelänge, wäre es wunderbar.Das Gespräch führte René Zipperlen