Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

13. April 2010 11:08 Uhr

Bilanz

Graffiti: Mehr als 200 Millionen Euro Schaden

Bei der Polizei im Land sind im vergangenen Jahr knapp 8000 Graffiti als Sachbeschädigung angezeigt worden. Bundesweit entstehen jährlich Schäden in Höhe von 200 bis 500 Millionen Euro. Vor allem für Städte sind Sprayer ein Problem.

  1. Graffiti in Freiburg: Sprühkunst in einer Unterführung der Schwarzwaldstraße. Foto: Ingo Schneider

Die Beurteilung der Spraybilder schwankt zwischen Kunstwerk und Schmiererei. Als Kunstform haben sie eine lange Geschichte, Botschaften in Form von Bildern sind die älteste Kommunikationsform der Menschen. Auch Hans und Sophie Scholl benutzten Farbe und Pinsel, um mit Wandsprüchen ihren Protest gegen das Nazi-Regime auszudrücken.

Heute werden Graffiti vor allem gesprüht. Je auffälliger das Bild, desto größer der Ruhm eines Sprayers in der Szene. Die Sprayer erkennen sich und ihre Arbeiten an den "Tags", mit denen sie ihre Arbeiten markieren. "Alles dreht sich um die Anerkennung innerhalb der Gruppe", sagt Klausjürgen Mauch, Jugendarbeiter in Stuttgart. "Das Risiko, ertappt zu werden, erhöht sogar den Reiz und gibt der Sache erst den richtigen Kick."

Genaue Angaben über die Zahl der Graffiti und die Höhe der Schäden sind schwer zu bekommen. Denn nur ein Teil der Spraybilder werden an öffentlichen Gebäuden angebracht, die Schäden an Privathäusern sind schwer zu beziffern. Die Dunkelziffer ist hoch, denn nur ein Teil der Sachbeschädigungen wird angezeigt. Die Aufklärungsquote bei den Ermittlungen ist mit 17,1 Prozent niedrig. Denn ein Graffito ist schnell gesprüht und der Täter rasch verschwunden. Vor allem in den Städten ist die Sprayer-Szene überaus aktiv.

Werbung


Ulm hat über Wochen das Gebäude seiner Volkshochschule den Graffiti-Sprayern überlassen, denn das Gebäude wird im Sommer ohnehin abgebrochen. Doch die Sprayer beschränkten sich keineswegs auf die VHS, sie hinterließen ihre Bilder auch auf anderen Häusern im Umfeld – woraufhin der Oberbürgermeister die Aktion stoppte.

Stuttgart
hat im vergangenen Jahr 250 000 Euro für die Beseitigung von Graffiti ausgegeben – 15 Prozent mehr als im Vorjahr und sogar 60 Prozent mehr als 2007. Die Landeshauptstadt versucht nun, die Szene etwas zu lenken: In den Unterführungen werden Graffiti geduldet, solange die Sprayer ihre Pläne vorher mit der Stadt abstimmen. Aber die illegalen Sprayer lassen sich nicht so einfach lenken. Entscheidend sei, dass Graffiti so schnell wie möglich entfernt werden, sagt Werner Pfisterer, Dienststellenleiter im Tiefbauamt: "Dann sind die Sprayer frustriert und versuchen es spätestens beim dritten Mal nicht mehr an der Stelle."

Mannheim ist ein Beleg für diese These. Bis vor einigen Jahren hat die Stadt mit hohem finanziellen Aufwand alle Graffiti sofort entfernt. Die Zahl der Schmierereien sank deutlich auf 180 im Jahr 2004. Dann wurde bei den Reinigungskosten gespart, Graffiti blieben länger sichtbar, und im Jahr 2008 wurden schon wieder 477 Straftaten erfasst, wie die Stadt mitteilte. Vielen Städten könnte es in Zukunft ähnlich ergehen, denn durch die Wirtschaftskrise müssen die Kommunen sparen. Die Polizei hat eine dreiköpfige Ermittlergruppe eingerichtet, die sich ausschließlich um Graffiti-Schäden kümmert. Rund 1600 Fälle hatten die Beamten 2009 zu bearbeiten. "Hier gibt es mehrere kleine Gruppe, die miteinander um die besten Graffiti konkurrieren", sagt Pressesprecher Volker Böhm.

Freiburg
kann keine Angaben über die Schäden machen, denn sie werden nicht separat erfasst. "Nur ein ganz kleiner Teil der Graffiti wird an städtischen Gebäuden angebracht", sagt Christoph Jessen. Diese Schäden werden im Rahmen des allgemeinen Bauunterhalts entfernt, die Kosten dafür aber nicht eigens erfasst. Daneben gibt es eine gemeinsame Aktion von Stadt, Bürgervereinen und Malerinnung, die ehrenamtlich regelmäßig in den Quartieren die Graffiti entfernen. Die Freiburger Verkehrs-AG setzt den Sprayern Pflanzen entgegen. "Wir versuchen, unsere Haltestellen zu begrünen, dann werden sie unattraktiv für Sprayer", sagt Sprecher Andreas Hildebrandt. 50 000 Euro mussten im vergangenen Jahr für Vandalismus-Schäden ausgegeben werden.

Pforzheim ist seit 2003 mit einem Anti-Graffitiprojekt erfolgreich. Danach erstatten Geschädigte Anzeige und erhalten von der Polizei ein Formblatt für die kostenlose Beseitigung durch einen Maler innerhalb von zwei Tagen gegen eine Spendenquittung. Die Materialkosten übernimmt ein Bürgerverein, der dafür die Bußgelder ertappter Sprayer sowie Spenden sammelt. Ertappte Täter müssen beim Entfernen eigener oder fremder Graffiti helfen. Dafür verzichten die Opfer auf hohe Schadensersatzforderungen. Die Rückfallquote der erwischten Sprayer ist nach Angaben der Stadt gering.


Heidelberg
gibt pro Jahr 150 000 Euro für die Graffiti-Reinigung aus. "Und die Tendenz ist steigend", sagt Jürgen Lang vom Amt für Stadtreinigung. "Das ist ein Kampf wie gegen Windmühlen. Wir sagen immer: In Heidelberg gibt es 100 Leute, die Graffiti sprühen – aber nur zwei, die sie wieder wegmachen."

Die Deutsche Bahn in Baden-Württemberg verzeichnet nach eigenen Angaben jährlich Schäden in Millionenhöhe. "Weil die Züge überall unterwegs sind, werden Graffiti überregional verbreitet – das schafft Anerkennung in der Szene", sagt Kathrin Müller von der Bundespolizeiinspektion Stuttgart.

Während früher vor allem öffentliche Gebäude verschmutzt wurden, sind inzwischen immer häufiger auch Privathäuser das Ziel von Sprayern. "Das ist in bestimmten Regionen schon ein großes Problem", sagt Frank Starosta, Geschäftsführer von Haus und Grund in Mannheim. Er empfiehlt, Graffiti so schnell wie möglich entfernen zu lassen: "Eine Graffiti-verschmierte Hauswand berechtigt zu Mietminderungen."

Seit 2005 können Sprayer leichter strafrechtlich verfolgt werden: Sie können wegen Sachbeschädigung verurteilt werden, wenn das äußere Erscheinungsbild einer Hauswand oder eines Zugwaggons verändert wurde. Früher musste nachgewiesen werden, dass die Gebäudesubstanz erheblich geschädigt wurde.

Mehr zum Thema:

Autor: dpa