Spektakuläre Aktion

Greenpeace dringt in Fessenheim ein

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Mi, 19. März 2014

Südwest

Spektakuläre Aktion im Atomkraftwerk / 56 Festnahmen.

FESSENHEIM. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat mit einer spektakulären Aktion am frühen Dienstagmorgen das Atomkraftwerk im elsässischen Fessenheim zeitweilig besetzt. Akw-Leitung und Präfektur bemühten sich später, die offengelegten Sicherheitsmängel kleinzureden. Bis zum frühen Nachmittag waren alle 56 Aktivisten festgenommen. Drei von ihnen wurden dabei leicht verletzt.

Gegen 6 Uhr gelangen Greenpeace-Aktivisten auf das Akw-Gelände, Polizisten können nicht verhindern, dass sie Block eins erreichen, auf den Reaktor klettern und dort ein Banner entrollen. "Den Beamten war bewusst, dass es sich um friedliche Aktivisten handelte", sagt Akw-Direktor Thierry Rosso am späten Vormittag bei einer Pressekonferenz. "Deshalb haben sie nicht zu den Mitteln gegriffen, die im Ernstfall zum Einsatz kämen."

Im Ernstfall? Hätten die Greenpeace-Leute aus 14 Ländern, unter ihnen viele Deutsche, etwas anderes beabsichtigt als bloß vor den Risiken der Atomkraft zu warnen, mit der entsprechenden Ausrüstung hätten sie Verheerendes bewirken können. Und so steht eine Sprecherin von Greenpeace Hamburg auf dem Damm an der gegenüberliegenden Seite des Grand Canal d’Alsace und erläutert den anwesenden Journalisten triumphierend die Ereignisse des Vormittags: "Wir konnten kurz nach Beginn unserer Aktion auf dem Gelände mehrere Alarmdurchsagen hören", berichtet Susanne Neubronner. Auf diese Weise habe die Akw-Leitung wohl die Mitarbeiter beruhigen wollen.

Das riesige gelbe Banner mit der Aufschrift "Stop Risking Europe" prangt zu diesem Zeitpunkt seit mindestens vier Stunden auf der Betonwand von Block eins, dem älteren der beiden 1977 in Betrieb genommenen Reaktoren. Die ersten Aktivisten waren um circa 6.30 Uhr auf das Dach gelangt. Etwa eine Stunde später setzte ein Helikopter Polizisten auf dem Dach ab. Gegen 11 Uhr sind dort oben immer noch geschätzte zwei Dutzend Menschen zu erkennen und aus der Ferne lässt sich erahnen, wie die Polizisten versuchen, die Greenpeace-Leute einzufangen. Über ihnen kreist seit Stunden ein Polizeihelikopter. Entlang der Innenseite des Absperrungszauns stehen Beamte in blauen Uniformen dicht an dicht.

Umweltschützer am Oberrhein kritisieren seit Jahren, das Akw sei zur Dammseite, wo unter anderem die Brennstäbe gelagert werden, unzureichend geschützt. Genau diesen Weg hat Greenpeace allerdings nicht gewählt. "Von dieser Seite her sind die Sicherheitsvorkehrungen schwieriger zu überwinden", sagt die Greenpeace-Sprecherin.

Der Vorstoß gelingt am frühen Morgen auf dem Fußweg. Mit einem 19-Tonner-Lkw hatten die Greenpeace-Aktivisten in der Dämmerung den ersten Absperrzaun durchbrochen. Die nächste Barriere überwinden sie mit einem auf dem Lkw mitgebrachten Container, in dem sich der Aktionstrupp befindet. Den Container nutzen sie als Basis für eine mitgebrachte Brücke. Im Laufe des Vormittags gibt Greenpeace ein Video weiter, in dem zu sehen ist, wie die eigenen Leute mithilfe der Brücke über den Akw-Zaun spazieren. Jetzt sind sie drin. Die Polizei setzt ihnen keinen nennenswerten Widerstand entgegen.

An der Wasserseite des Atomkraftwerks beginnt später Teil zwei der Aktion. Aus Richtung Süden preschen fünf orangerote, motorisierte Schlauchboote auf dem Grand Canal d’Alsace bis auf die Höhe des Akw vor. Zunächst sieht es so aus, als wolle sie ein einzelnes, ebenfalls motorisiertes Polizeiboot zurückhalten. Die Aktivisten sind in der Überzahl, fahren ungehindert weiter und so entfalten sie auf dem Wasserspiegel – zwei von ihnen steigen dazu in Neoprenanzügen ins Wasser – ein blaues Banner. Darauf ist zu lesen: "Stop nuclear".

Als "erschreckend problemlos" bezeichnete gestern die Umweltschutzorganisation BUND südlicher Oberrhein die Akw-Besetzung. Michel Habig, Vorsitzender der Überwachungskommission Fessenheim und erklärter Atomkraftbefürworter, reagierte ebenfalls besorgt. "Die Sicherheit des Akw muss absolute Priorität haben", teilt er mit. "Es ist die Aufgabe des Staates, dafür Sorge zu tragen." Habig fordert auch eine Untersuchung.

Das Thema wird zweifellos die Überwachungskommission Fessenheim (Clis) beschäftigen, deren jüngste Sitzung auf den heutigen Mittwoch fällt. In der Clis treffen sich Vertreter der Kommunen aus dem Elsass, der oberrheinischen Umweltverbände und des Regierungspräsidiums Freiburg regelmäßig zum Meinungsaustausch mit der Akw-Leitung und der französischen Atomaufsicht.

Fotos und ein Video zu der Aktion auf http://mehr.bz/fessenheim