SCHÖNAU / SAN FRANCISCO

"Grüner Nobelpreis" für die Mutter der Stromrebellen

Bernward Janzing

Von Bernward Janzing

Mo, 11. April 2011 um 07:49 Uhr

Südwest

Die Schönauer Stromrebellin Ursula Sladek bekommt in San Francisco den mit 150. 000 Dollar dotierten Goldman Environmental Prize überreicht. Er gilt als einer der international bedeutendsten Umweltpreise und wird manchmal schlicht der "Grüne Nobelpreis" genannt.

In der Begründung heißt es, das Modell Schönau sei bundesweit ein Vorbild für dezentrale Stromversorgung geworden. Die Geschäftsführerin der Elektrizitätswerke Schönau (EWS) habe mit ihrem Unternehmen einen bedeutenden Beitrag zur Demokratisierung der Stromversorgung geleistet.

Dass es dazu kam, hat auch viel mit Zufällen zu tun. Denn Ursula Sladek ist in das Thema einfach reingerutscht, die Stromwirtschaft war ihr ursprünglich doch ziemlich fremd. Die Schönauerin, Jahrgang 1946 wie ihr Ehemann, der Arzt Michael Sladek, war Grund- und Hauptschullehrerin, später Mutter von fünf Kindern.

In die Rolle hineingewachsen

In dieser Situation strebte sie nicht unbedingt nach einem Geschäftsführerposten in einem mittelständischen Versorgungsunternehmen. Aber sie wurde gebraucht und sie fand Spaß daran – so ist sie hineingewachsen in eine Rolle, die ihre Lebensplanung nicht vorgesehen hatte. Es ist eine ungewöhnliche Biografie.

Auslöser war der Atomunfall von Tschernobyl. Als im Mai 1986 die Strahlenwolke den Schwarzwald erreichte, herrschte auch in Schönau im Wiesental Sorge und Ratlosigkeit. Was kann man den Kindern noch zu essen geben? Darf man Babys noch stillen? Oder nimmt man besser die H-Milch, die noch vor Ende April abgefüllt wurde und damit noch frei ist von Radioaktivität?

Elterninitiativen dieser Art gab es viele damals. Doch in Schönau – und das war einmalig – fanden die Eltern bald den Weg in die Politik. Sie gründeten die Initiative "Eltern für atomfreie Zukunft". "Wir waren ursprünglich weder politisch noch ökologisch engagiert", sagte Ursula Sladek später, "meine Motivation war die Zukunft meiner Kinder." Der Zufall spielte natürlich mit, etwa, als in den frühen neunziger Jahren in Schönau ein neuer Konzessionsvertrag für die Stromversorgung fällig wurde und der bisherige Versorger, die KWR Rheinfelden, von atomstromfreier Energie nichts wissen wollte.

Daraufhin trieben die Bürger der Kleinstadt den Kauf des Netzes und die Gründung eines eigenen Elektrizitätswerks voran. Sie siegten in zwei Bürgerentscheiden knapp und konnten schließlich Mitte 1997 mit dem Unternehmen starten, das sie EWS nannten – es wurde zum Anti-Atomstrom-Versorger schlechthin.

Ohne Ursula Sladek wäre es niemals auf die Beine gekommen, so viel ist sicher. Ihr Charme, ihr kommunikatives Wesen auf der einen Seite, ihr badischer Pragmatismus und die Bereitschaft, für ihre Ziele hart zu arbeiten, waren Voraussetzungen für den Erfolg. "Wir sind alle schaffig", sagte sie mal über ihre Familie.

Talkshows sind nicht ihr Ding

Wer sich heute mit Ursula Sladek über ihren Lebensweg unterhält, lernt eine Frau kennen, die ihre Popularität nie gewollt hat – und diese auch nur im Dienste der sauberen Energie zu erdulden bereit ist. Bei Maybrit Illner hat sie in der Talkshow gesessen, auch bei Anne Will, neben ihr amtierende und ehemalige Minister wie Michael Glos und Jürgen Trittin, aber auch Leute wie Walter Hohlefelder, der oberste Atomlobbyist vom Deutschen Atomforum, und Wulf Bernotat als er noch Eon-Chef war. Eigentlich seien Auftritte dieser Art gar nicht ihr Ding, gesteht sie offen ein. Aber was tut man nicht alles, wenn es der guten Sache dient, dem Werben für die Energiewende.

Ursula Sladek hat zwar Karriere gemacht, sie führt heute ein Unternehmen mit gut 40 Mitarbeitern. Aber schon das Wort Karriere scheint nicht so recht zu ihr zu passen, nicht zu ihrem natürlichen und so erfrischend bescheidenen Auftreten. Sie ist das Gegenmodell all jener Karrieristen, die ihr Leben gerne als eine akribisch geplante Erfolgsgeschichte verkaufen. Eigentlich, erfährt man von ihr, habe das mit den EWS ja nur geklappt, weil die ganze Gruppe "so naiv und unbekümmert dran gegangen" sei. Hätte man sich am Anfang wirklich überlegt, was da alles auf einen zukommt, hätte man vermutlich die Finger davon gelassen. Und dann sagt sie noch: "Andere Initiativen, die nicht so weit gekommen sind, waren vielleicht einfach zu realistisch."

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