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12. Juli 2017 10:30 Uhr

Bericht des Landesregierung

Hagelstürme und Hitze sind Anzeichen für Klimawandel

Hitze, frühe Blüte und Startkregen: Die Landesregierung hat einen Bericht zu den Folgen des Klimawandels in Baden-Württemberg vorgelegt. Die Unwetter der vergangenen Tage passen ins Bild

  1. Starkregen führte auch in den vergangenen Tagen zu Überschwemmungen in Baden-Württemberg. Foto: Rita Eggstein

  2. Die Temperaturen steigen. Foto: Robert Kneschke

  3. Temperaturanstieg auf dem Feldberg: durchschnittlich 1,6 Grad Celsius. Foto: Patrick Seeger

Aus Wolken über Friedrichshafen ergossen sich am Samstag binnen zwei Stunden 107 Liter Regen auf jeden Quadratmeter. Keller liefen voll, ein kleiner Bach, sonst mit einer Tiefe von 44 Zentimetern leicht zu durchwaten, stieg durch die Wassermassen auf einen Pegel von 2,44 Meter an. Üblich im Land sind Mengen von 80 Litern pro Quadratmeter – im ganzen Monat. Es war ein Unwetter, das ins Bild des jetzt vorgelegten Berichts zum Klimawandel im Land passt.

"Die Ausmaße waren ganz ähnlich wie in Braunsbach", sagt Landesumweltminister Franz Untersteller (Grüne) mit Verweis auf die verheerenden Überflutungen in dem Dorf in Hohenlohe im Mai 2016. "Aber in Friedrichshafen kam das Wasser zum Glück keine Hänge runter, sondern hatte Platz, sich auszubreiten." Der Bodensee konnte das Wasser aufnehmen.

"Das sind eindeutige Hinweise auf den Klimawandel, den jeder Baden-Württemberger und jede Baden-Württembergerin, jedes Tier und jede Pflanze täglich zu spüren bekommt." Winfried Kretschmann
Starkregenfälle und die Zunahme anderer extremer Wetterereignisse wie Hagelstürme sind ein mögliches Anzeichen für den Klimawandel in Baden-Württemberg. Es gibt weitere: "Wir können nachweisen, dass die Zahl warmer und heißer Tage zugenommen hat, dass heimische Baumsorten wie die Fichte durch höhere Temperaturen bedroht sind und die Gefahren durch Baumschädlinge zunehmen. Das sind eindeutige Hinweise auf den Klimawandel, den jeder Baden-Württemberger und jede Baden-Württembergerin, jedes Tier und jede Pflanze täglich zu spüren bekommt", sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) bei der Veröffentlichung des "Monitoringberichts zu Klimafolgen und Anpassung". Der Bericht ist eine Bestandsaufnahme zu den Folgen des Klimawandels im Land und dem, was an Anpassung möglich und vorgesehen ist. Die Landesregierung hatte 2013 das Klimaschutzgesetz und 2015 eine Klima-Anpassungsstrategie beschlossen. Alle drei Jahre wird erfasst, welche Folgen der Klimawandel hat. "Besonders die Landwirtschaft, die Wald- und Forstwirtschaft sowie die Bereiche Wasser und Biodiversität sind bereits stark betroffen", sagt Untersteller. Ein Überblick:

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Temperaturanstieg

Die Jahresmitteltemperatur in Baden-Württemberg ist in den vergangenen 30 Jahren um mehr als ein Grad Celsius gestiegen. Damit liegt der Anstieg über dem der weltweiten Temperatur (plus 0,85 Grad). "Spitzenreiter ist die Station in Freiburg, deren Temperaturanstieg seit Beginn der Messung 1950 im Jahr 2006 bereits um die zwei Grad Celsius betrug", heißt es in dem Bericht. Dann sei die Messstation aus der Stadt hinausverlegt worden, die neuen Daten seien mit den alten nicht vergleichbar. Gravierend sei der Temperaturanstieg auf dem Feldberg. Die Zahl der Eistage (die Temperatur steigt nicht über null Grad) habe um zehn Prozent abgenommen, die Zahl der heißen Tage (mehr als 30 Grad) um vier Prozent zugenommen.

Forstwirtschaft

Die Fichte ist die häufigste Baumart im Land, sie ist besonders ungeeignet für höhere Temperaturen. Der Bericht empfiehlt, verstärkt andere Baumarten zu pflanzen. Zudem bestehe die Gefahr, dass sich wärmeliebende Forstschädlinge ausbreiten.

Landwirtschaft

Die Vegetationsperiode beginne früher und dauert länger. Winterraps etwa blühe zwei Wochen früher, je nach Standort schon Mitte April. Das gelte auch für Obstbäume. Damit wachse das Risiko, dass eine Frostnacht Schaden anrichtet. Zugleich gedeihen neue Pflanzen. Untersteller: "Kiwis, Soja und Merlot-Trauben hat es in Baden-Württemberg früher nicht gegeben."

Tourismus

Der Wintertourismus, besonders im Schwarzwald, kämpft ums Überleben, es gibt zu wenig Schnee. Im Sommer dagegen steigen die Besucherzahlen.

Gesundheit

Immer mehr heiße Tage belasteten besonders Kinder, Alte und chronisch Kranke. Da der Anteil der Senioren erheblich steigen wird, wirkt sich das Problem stärker aus. Allergikern stünden schwere Zeiten bevor: Die eingeschleppte wärmeliebende, hochallergene Ambrosia breite sich aus.

Niederschläge

Nicht die Menge, aber die Verteilung der Niederschläge ändere sich. Die Sommer würden trockener mit dem Risiko längerer Dürreperioden. Feuchtere Winter bergen die Gefahr von Hochwasser. Starkregen wie in Braunsbach würden keine Ausnahme bleiben. Die Trinkwasserversorgung im Land sei aber gesichert, sagte Untersteller.

Stadt- und Raumplanung

In großen Städten wirke sich die Hitze besonders aus. Die Temperaturen zwischen Innenstadt und Stadtrand gehen um bis zu sieben Grad auseinander. Untersteller weist auf die Bedeutung von Dach- und Fassadenbegrünung hin, um das Stadtklima zu verbessern. Die Landesregierung will den Bericht alle drei Jahre fortschreiben, um frühzeitig reagieren zu können.

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Autor: Axel Habermehl