Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
26. August 2010
Stuttgart 21: Der Abriss des Bahnhofs hat begonnen
Alt-OB Rommel: Das Projekt ist unverzichtbar / Architekt Frei Otto: Menschenleben in Gefahr.
STUTTGART. Unter dem Protest mehrerer hundert Demonstranten und gesichert durch ein Großaufgebot der Polizei ist am Mittwoch mit dem Abriss eines Seitenflügels des Stuttgarter Hauptbahnhofes begonnen worden. Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 stoppten den Verkehr rund um den Bahnhof. Am Abend kletterten Demonstranten auf das Dach des Gebäudes, andere blockierten im Bahnhof zeitweise den Verkehr.
Bei dem 4,1 Milliarden Euro teuren Vorhaben wird der Kopfbahnhof in eine unterirdische Durchgangsstation umgewandelt und mit einem Tunnel an den Flughafen und die Schnellbahnstrecke nach Ulm angebunden. Seit Wochen protestieren Tausende gegen das Projekt.
Aus beiden Lagern meldeten sich unterdessen prominente Stimmen: Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU), sein Ulmer Kollege Ivo Gönner (SPD), vor allem aber der hoch angesehene Alt-OB Manfred Rommel haben appelliert, der Neuordnung des Stuttgarter Bahnknotens und der Ausbaustrecke nach Ulm nicht länger im Weg zu stehen. Gönner warnte, der von den Grünen geforderte Baustopp werfe die Region um Jahrzehnte zurück. Gleichwohl hätten in Schwaben viele das Gefühl, "was groß ist, ist unnötig".
Werbung
Rommel hatte bereits 1995 die erste Rahmenvereinbarung unterzeichnet; jetzt mahnte der 81-Jährige in einem offenen Brief: "Auch wenn ich die Einweihung altershalber nicht mehr erleben werde, fühle ich mich verpflichtet, nochmals darauf aufmerksam zu machen, dass diese einmalige Chance einer grundlegenden Verbesserung des Schienenverkehrs und der Wirtschaftlichkeit nicht in den Wind geschlagen wird." Man reibe sich in Deutschland verwundert die Augen über die Erregung so vieler Stuttgarter, aber der Bau sei unverzichtbar.
Ein anderer alter Mann und Mitschöpfer äußerte jetzt schwere Bedenken: Frei Otto (85), der für den Architekten des neuen Tiefbahnhofs, Christoph Ingenhoven, die Lichtaugen über den Bahnsteigen entworfen hatte, fürchtet, der Neubau könne "wie ein U-Boot aus dem Meer" aufsteigen, weil der Stuttgarter Talkessel von Mineralquellen durchzogen ist. "Bei Stuttgart 21 geht es nicht um mögliche Risse in Häusern, es geht um mögliche Krater, in denen Häuser verschwinden können. Es geht um Menschenleben." Er verlangte, bei dem Projekt "die Notbremse zu ziehen".
Ingenhoven indes sprach seinem einstigen Mitarbeiter die Kompetenz ab: Otto sei in diesen Fragen nicht qualifiziert, er habe keine Erfahrung mit statischen Berechnungen. Die Bahn habe die berühmtesten Ingenieure der Welt versammelt, denen könne man zutrauen, dass sie den Bau trotz der schwierigen Geologie beherrschten.
Autor: Andreas Böhme
