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22. Februar 2016 06:54 Uhr

BZ-Serie

Unpolitische Landeskunde (2): "Ja, es gibt Baden-Württemberg"

Nach der Fusion 1952 mussten sich die Landesteile Baden-Württembergs zusammenraufen. Aber das haben sie mit großem Erfolg getan, sagt Thomas Schnabel.

  1. Foto: Bernd Weissbrod

Mit dem Leiter des Hauses der Geschichte in Stuttgart sprach Wulf Rüskamp.

BZ: Herr Schnabel, gibt es Baden-Württemberg überhaupt – mal abgesehen von der politischen Einheit als Bundesland?

Schnabel: Na ja, ich selbst würde mich als Baden-Württemberger bezeichnen – aber das kann auch aus beruflichen Gründen sein ...

BZ: Weil Sie in Ihrem Haus die gemeinsame Geschichte beobachten und dokumentieren...

Schnabel: Ja. Aber wir haben, wie in anderen Bundesländern auch, das Phänomen, dass sich Menschen mit Territorien identifizieren, die politisch schon seit mehr als 200 Jahren nicht mehr existieren. Wenn Sie nach Mannheim oder Heidelberg gehen, dann sagen Ihnen die Leute dort: Wir sind keine Badener, wir sind Kurpfälzer. Und in Freiburg gibt es manche, die Wert darauf legen, dass ihre Heimat nicht immer badisch, sondern vorderösterreichisch war. Es kommt wohl auf den jeweiligen Zusammenhang an. Gibt es denn Nordrhein-Westfalen? Ich will umgekehrt fragen: Wer will heute noch Baden-Württemberg auflösen?

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BZ: Aber im Südwesten hat der Zusammenschluss länger gedauert als in den anderen Bindestrichländern.

Schnabel: Das ist richtig. Aber wir sind auch das einzig freiwillige Bundesland. Alle anderen haben die Alliierten gebildet. In Baden und Württemberg gab es niemanden, der wollte, dass es so bleibt, wie es unmittelbar nach Kriegsende war.

BZ: Aber wenn alles so freiwillig war – wo sind da die positiven Gefühle geblieben?

Schnabel: Manche behaupten, dass Vernunftehen länger halten als Liebesheiraten. Insofern ist das ein Beleg, dass Baden-Württemberg eine Perspektive hat, denn eine Liebesheirat war das 1952 sicher nicht. Es war eine mühsame Geschichte. Und man darf ja nicht vergessen: 1970 hatten die Badener noch einmal die Chance, die Scheidung einzureichen. Doch in der damaligen Abstimmung haben über 80 Prozent der Badener für Baden-Württemberg votiert. Der Streit zwischen Baden und Württemberg – das ist nach 64 erfolgreichen Jahren nur noch schöne Folklore. Um Ihre Eingangsfrage zu beantworten: Ja, es gibt Baden-Württemberg.

BZ: Theodor Heuss, der erste Bundespräsident, hat Baden-Württemberg ein Modell deutscher Möglichkeiten genannt. Sie haben das in Ihrer Landesgeschichte positiv zitiert. Was ist darunter zu verstehen?

Schnabel: Wenn ich mal ganz arrogant antworten wollte, dann würde ich sagen: Wenn die anderen Bundesländer sich so entwickelt hätten wie Baden-Württemberg, dann wäre Deutschland noch stärker. Aber ob das Europa aushalten würde? Die strukturellen Probleme im Norden etwa in Bremen, im Saarland, in Nordrhein-Westfalen – das kennen wir hier doch gar nicht. Das hat sicherlich mit der Einstellung in Baden-Württemberg zu tun, extrem strukturkonservativ zu sein. Zugleich sind wir das aufmüpfigste Völkchen innerhalb der Bundesrepublik – von Jos Fritz über die Jakobiner und die 1848er-Revolution...

BZ: Bis hin zum friedlichen Umgang in der Revolution von 1918...

Schnabel: Genau, da haben sich die Revolutionäre entschuldigt, dass sie die Monarchen heimgeschickt haben.

BZ: Noch einmal zurück zu Heuss’ Wort vom Modell der Möglichkeiten: Hat das Land alle sich ihm bietenden Möglichkeiten genutzt? Sind manche versäumt worden?

Schnabel: Vielleicht könnte das eine oder andere besser sein. Aber ich sehe nicht, dass irgendwo zentrale Weichen falsch gestellt worden sind. Baden-Württemberg hat mehr als 60 Jahre lang seine führende Position in der sehr dynamischen Bundesrepublik gehalten – das ist ungewöhnlich. Die Bayern waren anfangs rückständig, haben bis 1980 Milliarden aus dem Länderfinanzausgleich gezogen. Umgekehrt ist Nordrhein-Westfalen, das das Wirtschaftswunder angeheizt hat, heute eher ein Krisenfall. So ganz falsch kann es in Baden-Württemberg also nicht gelaufen sein. Selbst Gebiete, wo in den 50er-Jahren Notstand herrschte, gehören heute, wie etwa Hohenlohe, zu den erfolgreichsten Regionen. Auch Freiburg und Südbaden, früher eher stille Landstriche, zählen heute zu den Boomregionen.



BZ:
War dieser Boom nicht gelegentlich auch mit Größenwahnsinn verbunden? Das Oberrheintal sollte zur großindustriellen Zone werden.

Schnabel: Solche Ideen gab es immer. Bis zum Ministerpräsidenten Kurt-Georg Kiesinger gab es Pläne, den Hochrhein von Basel bis Konstanz zu kanalisieren, und es wurde sogar die Idee verfolgt, einen Kanal mit einem 70 Kilometer langen Tunnel unter der Alb hindurchzubauen. Aber das hat sich alles rasch erledigt.



BZ:
Trotz der wirtschaftlichen Dynamik im Land haben sich die politischen Machtverhältnisse wenig geändert. Umso stärker war der Schreck, als 2011 die CDU nach bald 60 Jahren nicht mehr regiert hat.

Schnabel: An diesem Wechsel war die CDU selber schuld. Bis dahin war es ihre große Leistung, dass ihre Ministerpräsidenten nicht vom Wähler abgewählt worden sind, sondern sie sind freiwillig gegangen oder wurden von der Partei selbst abgeschossen. Kurz: Die CDU hatte immer den richtigen Ministerpräsidenten zur richtigen Zeit – bis zu Stefan Mappus: der sparsame Gebhard Müller; dann der auf Repräsentation des Staates bedachte Künstlertyp Kurt-Georg Kiesinger; auf ihn folgte der wertkonservative Hans Filbinger, der die Landesverwaltung umgekrempelt hat; danach der umtriebige Überflieger Lothar Späth, das krasse Gegenteil zu Filbinger; darauf brauchte das Land einen wie Erwin Teufel, der dicke Bretter bohrt, der Landesinstitutionen wie Banken, Energieunternehmen, Rundfunkanstalten zusammenführt; Oettinger war dazu wieder ein Kontrastprogramm. Und dann hat die CDU einen nicht zeitgemäßen Mann aufgestellt.

BZ: Aber sind nicht Teufels Bemühungen, das Land zu einer Einheit werden zu lassen, bald stecken geblieben? Die Kirchen, Sportverbände, Hilfsorganisationen, die großen Landesmuseen – all das bewegt sich noch in den alten Grenzen von Baden und Württemberg.

Schnabel: Teufel war kein Zentralist, aber er hatte sich sicherlich Baden-Württemberg als Ganzes zur Aufgabe gemacht. Das ist ja auch die Idee, die hinter dem Haus der Geschichte steht. Und es stellt sich wirklich die Frage, ob nach bald 65 Jahren diese alten Strukturen überall noch sinnvoll sind. Ausgenommen die Kirchen, weil da zwischen Baden und Württemberg spürbare Unterschiede bestehen.

BZ: Gibt es im Haus der Geschichte ein Objekt, in dem sich für Sie die Geschichte Baden-Württembergs kristallisiert?

Schnabel: Da fällt mir nichts ein. Aber vielleicht liegt das daran, dass wir es nicht brauchen. Ich hielte es auch nicht für notwendig. Das Land bezieht seine Stärke aus seiner Vielfalt – und ich fände es verheerend, wenn die Freiburger wären wie die Ulmer oder die Friedrichshafener wie die Mannheimer. Wenn wir das uns erhalten, dann ist das Land auch in 60 Jahren noch gut aufgestellt.

Morgen lesen Sie: Das Cluster-Ländle – Mittelständler und Weltmarktführer


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Autor: Wulf Rüskamp