Südwest

Justiz will auf JVA in Schloss Kislau nicht verzichten

Stefan Jehle

Von Stefan Jehle

Sa, 11. August 2018 um 17:28 Uhr

Südwest

Ein Verein in Karlsruhe bemüht sich, in dem einstigen KZ Kislau einen Lernort zur Geschichte der NS-Verbrechen einzurichten.

In Baden gab es mit den Deportationen Ende Oktober 1940 in das französische Gurs die ersten "Juden-Transporte" im Deutschen Reich – und mit der Umfunktionierung eines "Arbeitshauses" in Kislau, einem Ortsteil von Bad Schönborn, auch das einzige von 1933 bis zum Krieg betriebene Konzentrationslager im Südwesten. Am Oberrhein gibt es bis heute keine angemessene große Gedenkstätte für NS-Verbrechen. Etwas derartiges will schon seit Jahren ein Karlsruher Verein einrichten – auf dem Areal des ehemaligen KZ.

Der Verein "Lernort Zivilcourage & Widerstand", der seit Juli von dem Karlsruher Gewerkschafter Dieter Bürk geleitet wird, will mit seiner Aufklärungsarbeit vor allem Jugendliche ansprechen. Dazu wurden mehrere sogenannte "Motion Comics" erarbeitet, gezeichnete Bildergeschichten, mit denen in Videoclips für Mut und Zivilcourage geworben wird. Sie porträtieren Menschen, die früh gegen die NS-Diktatur aufbegehrt haben. Das Land fördert diese Arbeit seit Jahresanfang. Seit 2017 gibt es im Internet zudem ein Geschichtsportal, das die badische Geschichte der Jahre 1918 bis 1945 darstellt.

Der Verein möchte die Jugendlichen nun auch direkt ansprechen – und sucht deshalb nach Räumen für seine Vermittlungsarbeit. Er will Erinnerungskultur und politische Bildung auf neue Weise vereinen, etwa durch einen Geschichtsparcours als "Lernort". Wo er dieses Angebot machen will, dazu hat der Verein bereits einen Vorschlag formuliert: Er möchte die vorhandenen Bauten auf dem heute als Justizvollzugsanstalt (JVA) genutzten Areal in Kislau nutzen, früher Ort des KZ.

Doch dieser Plan ist jetzt offenbar vorerst vom Tisch. Justizminister Guido Wolf (CDU) hat in einem Schreiben an die Projektverantwortlichen die Nutzung bestehender Gebäude auf dem JVA-Gelände ausgeschlossen. Doch der Verein gebe deswegen nicht auf. Er setze vielmehr, wie die Historikerin Andrea Hoffend, Leiterin des Projektteams, sagt, auf Gespräche im Herbst am runden Tisch, um doch noch den "Lernort Kislau" zu erreichen. Der CDU-Landtagsabgeordnete Ulli Hockenberger, früher Bürgermeister in dem zu Kislau benachbarten Bruchsal, war schon an den bisherigen Gesprächen beteiligt. Im Moment will er sich aber nicht festlegen, "in welcher Form und an welcher Stelle das Projekt, umgesetzt werden kann".

Bereits vor vier Jahren hatte das Finanzministerium dem Verein für seinen "Lernort Kislau" ein Baugrundstück in der Nachbarschaft der JVA angeboten, wie ein Sprecher des Ministeriums bestätigt. Für den dort möglichen Neubau – über dessen Realisierung noch nichts entschieden ist – hat es 2016 bereits einen Architektenwettbewerb gegeben. Die Kosten für dieses Vorhaben – als Alternative zu einem bestehenden Bau auf dem einstigen KZ-Gelände – werden auf etwa drei Millionen Euro veranschlagt.

Der Verein "Lernort Zivilcourage & Widerstand" hat inzwischen das Netzwerk seiner Unterstützer ausgebaut. Der Kreistag Karlsruhe hat in seinen Haushaltsberatungen zugesagt, das Projekt zu fördern. Im September soll Mitgliedern und Förderern des Vereins auch das Ausstellungskonzept des "Lernorts Kislau" zunächst im internen Kreis vorgestellt werden.

Im März wurde der sechste "Motion Comic" vorgestellt, ein Videoclip zum Leben des bereits im Sommer 1933 aus Ettlingen nach Südbaden vertriebenen Stadtdekans Pfarrer Augustin Kast. Dieser hatte sich nicht mit den Aufmärschen von SA-Uniformierten in seiner Heimatstadt abfinden wollen. Das Video wurde gefördert von den Stadtwerken Ettlingen und der Ettlinger Baugenossenschaft "Alba" – die der katholische Geistliche im Jahr 1922 begründet hatte. Aktuell laufen Vorbereitungen zur Erstellung weiterer Zweichentrickfilmen über den Freiburger Zentrumspolitiker Joseph Wirth und über den während der Weimarer Zeit in Heidelberg aktiven Friedens- und Menschenrechtsaktivisten Emil Julius Gumbel.
Schloss und KZ Kislau

Das Schloss Kislau in Bad Schönborn im Kreis Karlsruhe wurde erstmals im 11. Jahrhundert erwähnt. Die frühere Burganlage schleiften französische Truppen im Jahr 1675. Der heutige Schlossbau entstand um 1721 und gehörte einst zum Bistum Speyer. Im 19. Jahrhundert diente er zeitweilig als Kaserne und Militärhospital, danach als Gefängnis. Nach der "Machtergreifung" Hitlers 1933 wurde ein Konzentrationslager eingerichtet, das bis 1939 bestand. Seit 1948 ist das Schloss eine Außenstelle der Justizvollzugsanstalt Bruchsal.

Informationen zu Kislau: http://www.lzw-verein.de und http://www.lzw-portal.de