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07. April 2017

BZ-Serie "Landlust, Landfrust" (7)

Christian Rabes Kulturscheune: Kleinkunst in Kleinkems

Es gibt einen Ort für Kultur, den man ausgerechnet in diesem 400-Seelen-Dorf nie erwarten würde: "Kulturscheune Kleinkems".

  1. Zufällig kommt hier niemand vorbei: Christian Rabe in seiner Kulturscheune Foto: Victoria Langelott

Kleinkems, sagt Christian Rabe, sei ein Fischer- und Schmugglerdorf gewesen. Klar, der Rhein ist nicht weit. Heute liegt Kleinkems so ruhig in der frühlingshaften Mittagsruhe, als wohne hier niemand mehr. Kein Motorengeräusch zerreißt den Frieden des zu Efringen-Kirchen gehörenden Weilers. Kein Geschäft gibt es mehr hier und keinen Kindergarten. Aber es gibt einen Ort für Kultur, den man ausgerechnet in diesem 400-Seelen-Dorf nie erwarten würde. "Kulturscheune Kleinkems": Das Schild prangt nicht an der ausgebleichten Holzwand. Es hängt dort, selbstgemalt, klein und bescheiden. Zufällig kommt hier niemand vorbei. Man muss schon wissen, dass sich hinter dem Tor ein ungewöhnliches Reich auftut. So ungewöhnlich wie der Mann, der es für sich und sein Publikum eingerichtet hat.

Christian Rabe, der Herr der Scheune, ist von Haus aus Fagottist. Warum es gerade dieses Instrument sein musste, auf das man nicht gerade fällt, wenn man Musiker werden will? Christian Rabe, dem die Menschenfreundlichkeit ins Gesicht geschrieben steht, sagt, dass ihn der hüpfende Klang des Fagotts schon als Kind begeistert hat. Und liefert gleich eine Probe aufs Exempel. Wie er es in Szene setzt, könnte das Fagott der Clown unter seinen Orchesterkollegen sein. Wen wundert es da noch, dass der Musiker tatsächlich selbst gelegentlich in die Rolle des anarchischen Hanswursts schlüpft? Nach dem Studium an der Musikhochschule Freiburg immer nur im Orchester spielen, mit festen Diensten und einer Absicherung bis zum Lebensende: Das war Christian Rabes Sache nicht.

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Seit er in einer Inszenierung von Strawinskys "Geschichte vom Soldaten" den Clown Dimitri kennengelernt hatte, interessierte er sich für zirzensische Künste. Auch die Jonglage gehört dazu. "Wollen Sie mal sehen?" Dieser Mann ist kein Theoretiker. Schnappt sich einen Ball und lässt ihn mit vielen Haltestellen über seinen Körper gleiten. Und dann steht da noch eine Drehorgel in dem schönen hellen Raum mit den freiliegenden Stützbalken und dem roten Vorhang, der die Bühne abtrennt: "Soll ich mal spielen?"

Was das alles mit der Kulturscheune Kleinkems zu tun hat? Man muss schon ein künstlerischer Mensch wie Christian Rabe sein, um auf die Idee zu verfallen, in dieser weltabgewandten Ecke des südlichen Markgräflerlandes Konzerte mit klassischer Musik zu veranstalten. Zuerst war das Gehäuse da, dann der Inhalt. Vor zwanzig Jahren wollte es der Zufall – und ein Architekt -–, dass die in Freiburg wohnende Familie Rabe auf den Bauernhof in Kleinkems stieß. Das Leben auf dem Lande wuchs sich zur echten Stadtalternative aus – und warum nicht die Kultur mit dahin nehmen, wo man wohnt? So entstand die Idee der Kulturscheune mit regelmäßig bis zu drei, vier Konzerten im Jahr.

Die Künstler kommen gern nach Kleinkems, in diese ganz besondere Atmosphäre . Dafür sorgt auch die fürsorgliche Bewirtung der Gäste: Immer gibt es eine Suppe, natürlich selbstgekocht von Rabes Ehefrau, die ansonsten Lehrerin an der Janusz-Korczak-Schule in Freiburg ist. Bezahlen muss man nichts. Offiziell jedenfalls. Christian Rabes heitere Miene verdüstert sich, solange er über die GEMA schimpft, die Gesellschaft für musikalische Aufführungsrechte. Sie ist bei jedem öffentlichen Konzert dabei: in Gestalt anfallender Gebühren für jedes Musikstück, dessen Urheber noch nicht länger als 70 Jahre tot ist. Man kann sie – logischerweise – nur umgehen, wenn man umsonst spielt. Hier kommt nun ein gewisser Hut ins Spiel, ein Clownshut natürlich. Das funktioniert? Eintritt auf freiwilliger Basis? Christian Rabe lächelt freundlich.

Diese Methode passt auf jeden Fall zu diesem ein bisschen verwunschenen, ein bisschen märchenhaften, ein bisschen improvisierten Ort. Hier ist eben alles anders als anderswo. Spontaneität statt organisierter Professionalität: Gerade das macht den Charme der Kulturscheune Kleinkems aus. Die Besucher kommen aus einem weiteren Umkreis, die wenigsten stammen aus dem Dorf selbst. Kultur auf dem Land ist nicht gleichbedeutend mit Kultur für das Land: Dass die Rainhofscheune in Kirchzarten, die professionell geführte große Schwester der Kulturscheune Kleinkems, sich über Zuspruch für ihr Programm nicht beklagen kann, liegt auch an ihrer Nähe zu Freiburg. Und an der bürgerlich gutsituierten Einwohnerschaft der Dreisamtalgemeinde.

In Kleinkems kann davon nicht die Rede sein. Während des Gesprächs mit Christian Rabe draußen vor der Scheune kommt einzig ein alter Mann auf einem kleinen Traktor vorbei – und ein anderer mit einem Hund. Drinnen hängt ein ganz besonderes Foto. Der formidable, extrem elegante Miles Davis bläst im Vordergrund die Trompete. Und direkt hinter ihm, der Langhaarige am Fagott: Ja, glaubt man’s denn? Der große Miles und der (von Gestalt keineswegs) kleine Christian vereint in der Musik: Das ist wie in der Kulturscheune Kleinkems. Wenn da zum Beispiel Christina Brandner am Klavier sitzt, ist die Stadt auf dem Land angekommen.
» Am kommenden Mittwoch, 12. April, erscheint der nächste Artikel über Nahverkehr und Mobilität auf dem Land.

Alle Beiträge der Serie im Netz: http://mehr.bz/landlust

Kultur auf dem lande

» Kulturscheune Rabe. Kleinkems, Im Eselgrien 2. Tel. 07628 /1605;
http://www.zirkus-rabe.de
Kleinkunstbühne Schloss Rimsingen, Breisach-Oberrimsingen, Bundesstraße 44. Tel. 07664/3135; http://www.hosp.de
» Folktreff Bonndorf, Veranstaltungen meist im Foyer der Stadthalle, Schwimmbadstraße 10.
http://www.folktreff-bonndorf.net
Rainhof Scheune, Höllentalstraße 96, Kirchzarten-Burg.
http://www.rainhof-scheune.de  

Autor: bz

Autor: Bettina Schulte