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18. Februar 2017 00:01 Uhr

Dokumentation

Kretschmanns Weltethos-Rede: Was uns zusammenhält

Was uns zusammenhält: Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat am Freitagabend in Tübingen die diesjährige Weltethos-Rede gehalten. Wir dokumentieren den Beitrag.

  1. „Wahrhaftig sein und Brücken bauen“: Winfried Kretschmann Foto: Joachim E. Röttgers (Graffiti)

Zwei Schlagzeilen, von zwei unterschiedlichen Zeitungen, aus demselben Haus. Die eine: "Angst!" Dazu das Foto eines schwarzen Lastwagens. Darunter ein niedergewalzter Tannenbaum. Der Titel der Bild-Zeitung, nach dem Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt. Es war eine Überschrift, die spaltet: In diejenigen, die Angst haben, und diejenigen, die Angst verursachen. Die andere Schlagzeile, am selben Tag: "Fürchtet Euch nicht". Aus dem Lukas-Evangelium. Darüber das Brandenburger Tor, angestrahlt in Schwarz Rot Gold. Davor ein erleuchteter Tannenbaum in seiner ganzen Pracht. Das war die Berliner Morgenpost. Eine Überschrift, die zusammenführt (Rede in voller Länge als pdf-Datei).

Worte haben Kraft. Bilder erst recht. Es macht einen Unterschied, wie wir sie gebrauchen. Wir können Stimmung anheizen. Wir können sie beruhigen. Wir können hassen, verzeihen, spalten, zusammenhalten. Das können wir selbst entscheiden. Jeder und jede einzelne von uns. Manche waren sich nach dem Attentat nicht zu schade, sofort der Kanzlerin eine Mitschuld dafür zu geben. Auch das spaltet. Einige haben umgehend die gesamte Zuwanderungs- und Sicherheitspolitik in Frage gestellt. Noch bevor der Hintergrund der Tat klar war. Natürlich muss es erlaubt sein, Dinge in Frage zu stellen. Die Frage ist nur: Müssen solche Schlussfolgerungen so früh fallen? Und wie kommt es zu solchen Schnellschüssen? Liegt die Ursache vielleicht in unserer Unfähigkeit zu trauern? Der Berliner Erzbischof Heiner Koch sagte dazu: "Es verbietet sich, Leid zu instrumentalisieren". Und die Bürgerinnen und Bürger? Blieben besonnen, trauerten, zeigten Mitgefühl. Und verfielen nicht in Angst. Die Panikmacher lagen völlig falsch. Es war gut zu sehen. Ich hoffe, wir alle lernen daraus.

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Schauen wir uns Norwegen an, als es vom größten Terroranschlag seiner Geschichte heimgesucht wurde. Als der Rechtsextremist Breivik 77 Menschen auf der Insel Utøya und in Oslo tötete. Es war Ministerpräsident Stoltenberg, der berührende Worte fand: "Norwegen wird diesen Angriff beantworten mit mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Solidarität, aber niemals Naivität." Stoltenberg war Vorbild. Aber er gab auch die Haltung seines ganzen Volkes wieder.

"Nicht dem ersten Impuls nachgeben: Rache, Mauern bauen, Todesstrafe."
Oder schauen wir nach Südafrika. Unglaublich, was dort passierte. Das weiße Apartheidregime war gestürzt. Die Schwarzen kamen an die Macht. Ein Funke hätte genügt. Aber da war ja Nelson Mandela. Die Rache blieb aus. Die vielleicht sogar verständliche Rache. Stattdessen klärte eine Wahrheits- und Versöhnungskommission die Verbrechen der Apartheid auf, unter Desmond Tutu, der ja auch schon hier zu Gast war.

Diese Ereignisse sind schwer mit dem Anschlag in Berlin zu vergleichen. Aber es bleibt dabei: Es macht einen Unterschied, wie wir uns verhalten. Wie sich Politiker verhalten, Medien, wir alle. Wir können spalten, oder wir können zusammenführen. Dazu gehört Kraft. Nicht dem ersten Impuls nachzugeben, den vermeintlich einfachen Lösungen: Rache. Mauern bauen. Todesstrafe. Wobei das Wort "einfach" zu Unrecht in Verruf ist. Einfach heißt: Jeder versteht es. Jeder kann es nachvollziehen. Eine uralte Weisheit aus dem Alten Testament lautet: Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Man kann auch sagen: Wer Vorurteile sät, wird Hass ernten. Wer Hass sät, wird Gewalt ernten. Wer Gewalt sät, wird Zerstörung ernten.

Ich kann uns nur raten, uns an den Grundwerten und dem Menschenbild unserer Verfassung zu orientieren. Und darüber hinaus an den Kernwerten, wie sie das Parlament der Weltreligionen beschrieben hat: Menschlichkeit, Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und – ja, auch die gleichberechtigte Partnerschaft von Mann und Frau.

Dort heißt es auch: "Wir betrachten die Menschheit als unsere Familie". Anders gesagt: Es geht um Zusammenhalt, ein Kernbedürfnis menschlichen Lebens – Zusammenhalt von Familie, von Freunden, in Vereinen, in der Kirche, selbst in Parteien, Zusammenhalt der Gesellschaft. Wir alle suchen Zusammenhalt. Von je her. Um uns zu schützen, wie Höhlenmenschen. Weil der Mensch ein soziales Wesen ist. Weil er sich bestätigt und anerkannt sehen will. Zusammenhalt tut gut. Oder um etwas zu erreichen, was der Einzelne nicht erreichen kann. Beim Mannschaftssport schafft es kein Einzelner allein. Aber wie viel Verschiedenheit verträgt der Zusammenhalt?

Die menschliche Verschiedenheit ist nicht nur etwas Äußerliches. Sie macht das Menschsein überhaupt erst aus. Kein Mensch, der geboren wird, gleicht irgendeinem, der vor oder nach ihm auf der Welt ist. Jeder Mensch ist ein schöpferischer Neuanfang. Deshalb gibt es die Menschheit nur im Plural. Die Pluralität ist die Grundlage der Politik. Deshalb handelt die Politik nach Hannah Arendt auch "von dem Zusammen- und Miteinandersein der Verschiedenen". Der Verschiedenen, die sich gerade aufgrund ihrer radikalen Verschiedenheit die gleiche Würde und gleiche Rechte zubilligen. Das ist der Kern der Demokratie.

Anders, als es uns die Rechtspopulisten weismachen möchten: Ihr Bezugspunkt ist die willkürlich definierte Gruppe, die sie für "homogen" halten und gegen "das Andere" abschotten wollen. Da, wo eigentlich Gleichheit angesagt wäre, nämlich in den gleichen Rechten, die wir als Verschiedene haben, wollen sie Ungleichheit – etwa gegenüber Muslimen. Zusammenhalt bedeutet also nicht den Zusammenhalt einer vermeintlich homogenen Gruppe unter Ausschluss aller anderen, aussortiert nach Religion, Weltanschauung oder Rasse. Zusammenhalt hat vielmehr mit der Achtung, dem Respekt und der Würde aller Menschen auf dieser Welt zu tun. Zusammenhalt schließt das Unterschiedliche mit ein. Und idealerweise respektieren wir das Unterschiedliche nicht nur. Sondern sind dankbar dafür, weil es uns kreativer, reicher, lebendiger macht. Zusammenhalt also in Vielfalt, trotz Vielfalt und wegen Vielfalt. Das macht gutes Leben aus.

Genau dieser Zusammenhalt wird aber derzeit auf die Probe gestellt, in Zeiten des Umbruchs. Umbruch war schon immer. Das heißt nicht, dass wir ihn nicht auch fürchten müssen. Denn Umbruch erzeugt Verlierer. Wir müssen genau hinschauen, uns ihm stellen. Wir müssen ihn gestalten, mit Tatkraft und Zuversicht. Da sind der geopolitische, der ökonomisch-soziale und der kulturelle Umbruch durch gesellschaftliche Modernisierung. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass viele Menschen dadurch verunsichert sind. Das heißt nicht, dass ich unseren gesellschaftlichen Fortschritt in Frage stelle. Ich begrüße ihn. Es heißt nur, dass ich Menschen, die anders ticken als ich, in ihrem Empfinden ernst nehme. Dass ich versuche, ihnen deutlich zu machen, dass ich nicht in ihr Leben hinein regiere, sondern nur für andere das Leben erleichtern will.

Menschen sind verunsichert. Wer will es ihnen verdenken, wenn sie Angst um ihre Zukunft haben? Oder zornig sind, weil sie sich zurückgelassen fühlen? Anders ist es, wenn aus Angst Hass und Gewalt werden. Wenn Menschen mit bestimmten Merkmalen in Sippenhaft genommen werden. Das ist nicht hinnehmbar. Da müssen wir klare Kante zeigen.

Der Hass, der sich im Netz Bahn bricht, ist manchmal atemraubend. Wie sollen wir eigentlich damit umgehen? Erst einmal müssen wir hinschauen: Kommt hier etwas ans Tageslicht, was schon lange im Verborgenen gegoren hat? Äußern sich hier berechtigte Sorgen und Ängste, auf die man eingehen sollte? Oder werden Ängste bewusst geschürt? Ist Propaganda am Werk? Werden wir manipuliert? Spielt sich eine laute Minderheit als Mehrheit auf?

Genauso ist es mit dem Thema Wahrheit. Auch hier müssen wir genau hinschauen: Geht es nur um eine andere Bewertung von Fakten? Um eine Wahrheit, die uns nicht passt, die wir lange nicht wahrgenommen haben, vielleicht auch gar nicht wahrnehmen wollten? Begehren hier Menschen gegen Veränderungen, Benachteiligung und Ungerechtigkeiten auf, die sich nicht mehr von der Wahrheit der Mehrheitsgesellschaft besänftigen lassen, weil es nicht ihre Wahrheit ist? Oder versucht hier jemand, mit gezielten Lügen die Maßstäbe zu verschieben?

Was also tun, um den Zusammenhalt zu stärken und die offene Gesellschaft zu verteidigen, in diesen Zeiten des Umbruchs? Erstens: Wahrhaftig sein. Damit spreche ich nicht in erster Linie die sogenannten Populisten an. Ich mag meine eigene Verantwortung nicht abgeben, indem ich auf andere mit dem Finger zeige. Ich meine mich, ich meine uns, uns Demokraten. Diejenigen, denen es um den Zusammenhalt der Gesellschaft geht. Wir sollten noch höhere Anforderungen an uns selbst stellen. Wir sollten der Unwahrhaftigkeit umso mehr Wahrhaftigkeit gegenüberstellen. Wir sollten die Wahrheit in den Tatsachen suchen. Unsere Quellen offenlegen. Uns verständlich ausdrücken, so dass uns jeder versteht. Wir sollten erkennbar redlich sein. Wir sollten die Argumente der anderen ernst nehmen. Uns an ihren stärksten Argumenten messen. Und wenn uns das nicht gelingt, sollten wir erwägen, unsere Meinung zu ändern. Wir können nur dann Wahrhaftigkeit einfordern, wenn wir selbst wahrhaftig sind.

Zweitens: Brücken bauen. Manchmal kommt es mir vor, als ob sich ein Teil der Gesellschaft mit dem anderen ebenso wenig versteht, wie diejenigen, die sich etwas über einen großen Fluss zurufen. Weil das Rauschen so laut ist – das ständige Einprasseln von Informationen, die kaum mehr verarbeitet werden können. Oder weil der Fluss so breit, die Distanz so groß ist, dass man sich nicht mehr verständigen kann. Oder aber, weil das Gegenüber sich unverständlich ausdrückt. Durch elitäre Sprache.

Durch eine Sprachbarriere grenzen wir viele Menschen aus. Ich zähle auch das Wort "postfaktisch" dazu. Auch dies ein Wort, das viele Menschen in unserem Land nicht verstehen. Überhebliche Selbstgewissheit – auch das ein Laster, das andere ausschließt. Und auch hier müssen sich die sogenannten Eliten an die eigene Nase fassen. Wenn sie von alternativlosen Lösungen sprechen, wenn sie Gegner ihrer Meinung als Gutmenschen oder als gewissenlos oder als ideologisch abqualifizieren.

Brücken bauen, damit meine ich auch, sich nicht über andere lustig zu machen, sie nicht zu beschimpfen und nicht in eine Ecke zu stellen. Wer den Zuzug von Ausländern begrenzen möchte, ist deshalb noch kein Nazi. Und wer weiterhin Flüchtlinge aufnehmen will, kein Volksverräter. Der ist nicht zwangsläufig böse, dumm oder naiv. Sondern vielleicht einfach nur anderer Meinung. Meinungsfreiheit hört nur da auf, wo sie zu Hass und Gewalt aufstachelt. Und wo die Abschaffung der Demokratie vorbereitet wird. Da hört alles Verständnis auf. Aber erst dann ziehe ich die Brücke hoch.

Unsere Richtschnur sollte sein: Haltung bewahren und Haltung zeigen. Haltung bewahren, indem wir nicht überreagieren, weder durch Worte noch durch Taten. Sondern indem wir verlässlich und voraussehbar unseren Werten folgen. Haltung zeigen, indem wir selber unseren Werten treu bleiben und sie verteidigen und klare Grenzen aufzeigen. Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung von Frau und Mann, verlässlich und voraussehbar – nur wenn wir uns unverbrüchlich an das halten, wovon wir überzeugt sind, nur dann bieten wir auch Halt. Und nur dann fördern wir Zusammenhalt.

Es kränkt, wenn nicht alle nach den gleichen Regeln spielen
Und die Politik? Sie braucht ein Gefühl dafür, wie viele Gekränkte es gibt. Gekränkt dadurch, dass ein tief wurzelndes Gerechtigkeitsgefühl verletzt wird. Nicht unbedingt dadurch, dass man weniger verdient als andere. Sondern dadurch, dass nicht alle nach den gleichen Regeln spielen. Wenn Spitzenmanager ihr Unternehmen in Gefahr bringen oder an die Wand fahren, dann aber Millionenboni erhalten. Wenn Unternehmen, die bei uns viel Geld verdienen, keine Steuern zahlen. Oder wenn fast keiner, der für die Finanzkrise verantwortlich ist, zur Rechenschaft gezogen wird. Dann fragen sie sich, wo der Zusammenhalt bleibt. Nicht sie haben ihn aufgekündigt, sondern "die da".

Auch wenn es uns in Deutschland absolut betrachtet so gut geht wie nie zuvor, muss die Politik ein Gefühl dafür haben, dass es in jedem Gemeinwesen immer auch um das Relative geht. Dass viele sich krummlegen und trotzdem kaum Perspektiven sehen. Dass sie sich vor der Zukunft fürchten und um die Zukunft ihrer Kinder bangen, im Gegensatz zu anderen. Deshalb müssen wir dem Aufstiegsversprechen der Sozialen Marktwirtschaft wieder Kraft verleihen. Wir müssen dafür sorgen, dass sich die Bürgerinnen und Bürger sicher fühlen, denn ohne Sicherheit ist Zusammenhalt nicht möglich. Und wir müssen die Integration zum Erfolg führen und Neuankömmlinge zu Mitbürgern machen, ohne die Alteingesessenen zu verprellen.

Alle diese Probleme müssen wir angehen. Dem sozialen Umbruch müssen wir entgegensetzen: Gerechtigkeit. Dem gesellschaftlichen Umbruch: Verständnis. Dem Umbruch durch Populismus und Verrohung: Haltung. Dem Umbruch durch die Weltökonomie: Europa. Der Machtausdehnung: Geschlossenheit. Dem Umbruch durch Flüchtlinge: Augenmaß. Und für all das braucht man eines: Zusammenhalt.
Die Weltethos-Rede

1993 traf sich in Chicago das "Weltparlament der Religionen" und verständigte sich auf ein Weltethos: Gewaltlosigkeit, Toleranz, Solidarität und Gleichberechtigung. Die Tübinger Stiftung Weltethos, 1995 gegründet vom Theologen Hans Küng, lädt jährlich einen Redner ein, darunter Kofi Annan, Helmut Schmidt und Desmond Tutu. Die diesjährige Rede hat am Freitagabend Ministerpräsident Kretschmann gehalten. Wir bringen Auszüge aus seinem Manuskript.

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Autor: bz