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17. September 2010 08:42 Uhr

Rheintal

Man sieht die Landschaft vor lauter Mais nicht mehr

Mais, soweit das Auge reicht. Genauer: Das Auge reicht nur bis zum nächsten Feldrand, an dem drei oder mehr Meter hohe Maisstauden den Blick versperren. Landschaftspflegern und Naturschützern ist diese Monokultur im Rheintal, aber zunehmend auch auf den Vorbergen, ein Ärgernis.

  1. Wo ist denn hier der Kaiserstuhl? Maisfelder versperren Touristen und Einheimischen die Sicht. Foto: hans-jürgeen truöl

Die Bauern schert die Kritik bislang wenig: Mais ist die wirtschaftlich ertragsreichste Pflanze – also bauen sie Mais an.

Wer Abwechslung im Landschaftsbild liebt, der könnte sogar froh sein über das Auftreten des Maiswurzelbohrers am Oberrhein. Denn wo der Käfer entdeckt wird, dort entscheiden sich immer mehr Bauern als Gegenmaßnahme für Fruchtfolge auf ihrem Land. Das ist das Ende der Monokultur: Neben den Maisfeldern wird Getreide angebaut, andernorts Raps als Energiepflanze.

Der jährliche Wechsel im Anbau bewirkt einen Wechsel auch im Landschaftsbild. In der Schweiz ist man auf diese Weise mit dem Schädling gut fertig geworden, wie Axel Meyer berichtet, Sprecher des Regionalverbands des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und hartnäckiger Kritiker des dominierenden Maisanbaus.

Pflanzen werden immer größer

In Baden-Württemberg wurde in diesem Jahr so viel Mais wie noch nie zuvor ausgesät: Er steht auf 183.000 Hektar, das ist mehr als ein Fünftel der Ackerfläche. Doch im Rheintal ist der Anteil der wärmeliebenden Pflanze weit höher: Auf rund 80 Prozent der Felder, so Hubert God, Referent für Umwelt und Struktur im Bauernverband BLHV, wächst hier Mais. Ein Teil wird angebaut, um aus seinen Körnern Öl zu gewinnen. Zunehmend aber dient der Mais der Biogaserzeugung.

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Dazu können die Pflanzen gar nicht groß genug sein – bis zu fünf Meter hoch sollen sie wachsen. Weil seine Staude komplett geerntet wird, ist der Silomais mit starkem Abbau an Humus verbunden. Also muss gedüngt werden – mit der Folge oft zu hoher Nitratwerte im Grundwasser, so Meyer.

Für Lerche, Goldammer und Hamster taugen diese Äcker nicht mehr

Gerade als Energiepflanze erlebt der Mais derzeit einen enormen Boom. Weil sie mit den Weltmarktpreisen mithalten müssen, entscheiden sich die Landwirte für großflächigen Anbau. Dazu trägt auch das anhaltende Bauernsterben bei: Immer mehr Fläche konzentriert sich auf einen Hof, der längst zur quasi industriellen Produktion übergegangen ist. Die ökologisch wichtigen Ackerraine und Feldgebüsche verschwinden. Selbstverständlich weiß auch Hubert God, dass unter dieser Monokultur das Landschaftsbild leidet. Aber im BLHV und bei den Landwirten haben ökonomische Überlegungen Vorrang. Nur wenn der Staat Geld zahlt, damit Felder brach liegen, wenn also die wirtschaftlichen Bedingungen stimmen, dann gibt es den Wechsel.

Trotzdem, sagt God, seien den Bauern die Landschaftsgestalt und die ökologischen Bedingungen nicht egal. Sie reagierten ungehalten, wenn ihnen vorgeworfen wird, mit dem Mais erzeugten sie eine Agrarwüste. Doch genau das ist die Meinung von Naturschützern. Und selbst im Regierungspräsidium Freiburg sieht man in der Monokultur ein Problem für den Naturschutz. Da unter dem Mais fast nichts mehr wächst – Mais ist unter den Agrarkulturen die mit der geringsten Artenvielfalt –, verarmt die heimische Flora. Als Lebensraum etwa für die Lerche oder die Goldammer, aber auch für kleine Bodentiere wie den Hamster taugen diese Areale nichts mehr. Getreidefelder dagegen sind trotz Pestizidseinsatzes Heimat von Wiesenbrütern und diversen Pflanzenarten. Selbst Raps ist anders als Mais eine Bienenweide, sagt Jörg-Uwe Meinecke, im Regierungspräsidium zuständig für Landschaftspflege.

Mit Sorge beobachtet er, wie Wiesen, die bisher weitgehend sich selbst überlassen waren, unter den Pflug kommen: Hier werden nun die Pflanzen angebaut, die der expandierende Mais von ihren angestammten Feldern vertrieben hat. Der verstärkte Maisanbau wird auch für die zunehmende Wildschweinplage verantwortlich gemacht – für diese Tiere ein reicher Futterplatz und ein perfektes Versteck. Dagegen wird es für die Naturschutzgebiete und deren Tierwelt im Rheintal immer enger, weil selbst die Niederungswiesen zu Maisäckern werden, wenn sie nicht unter Schutz stehen. Und gegen diese "Vermaisung", sagt Meinecke, gebe es in seinem Hause keine rechtlichen Hebel – zumal die Zuständigkeit für Anbaubeschränkungen bei den Landratsämtern liegt.

Touristenschreck? Nicht immer: Maislabyrinthe sind beliebt

Im flachen Norddeutschland, wo der Maisanbau sich explosionsartig ausweitet, regt sich in manchen Kreistagen inzwischen jedoch Protest gegen die Monokultur. Angeblich beschweren sich immer mehr Touristen darüber, dass sie bei ihren Radtouren von der Landschaft nicht mehr sehen als die hohe Wand des nächsten Maisfeldes. Verluste im Tourismus, weil das Landschaftsbild unattraktiv wird: Das könnte auch am Oberrhein zum Argument gegen den Mais werden. Noch aber geht der Trend andersherum: Labyrinthe im Maisfeld erfreuen sich großen Zuspruchs. Obwohl man das auf manchen Feldwegen auch umsonst haben kann.

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Autor: Wulf Rüskamp